Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 9 (14.3.1890)
- Date
- 1890-03-14
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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132 stärkt ii»d cntwickelnngsfähig gemacht werden. Ferner wünsche! er nach cifolfjtev Befestigung der lokalen Ordnung solche Zustände zu schaffen, welche es ermöglichen, die Negelnng der jüdisch-konfessionellen Angelegenheiten mit der Jnartikulirung der Autonomie der israelitischen Konfession zu beschließen. Zum Schluffe spricht der Minister in dem Erlasse an die Vertretung der orthodoxen Partei die Erwartung aus, daß sie ihre Anhänger zur Förderung des brüderlichenj Friedens und der Eintracht aneifern werde.! Es steht fest, daß dieser Bescheid ans ein unjüdisches- Verlangen von Seiten „frommer" Inden gerecht, logisch, ein-! dringlich und überzcngend ist, und es erweckt ein seltsames Gefühl, daß ein uichtjüdischer Minister die Integrität und Stärkung des Jndcnthums gegen destruktive Tendenzen seiner eigenen Glaubensanhänger in Schutz nehmen muß. Man kann leider nicht annehmen, daß ein solcher Geist mit diesem Erlasse für immer gebannt sei und die Angelegenheit hiermii Ende haben werde. Die ungarischen Fanatiker sind standhaft und rührig, sie werden sich auch gegen dieses ministerielle warnende Reskript sicher wahren und es nicht ohne Widerrede und Remonstration annehmen. Mit welchem Erfolge und zu wessen Gunsten — das wird die Zukunft lehren. Korrespondenzen und Machrichten. Deutschland. /: Berlin, 10. März. Ein edler Mensch, ein trefflicher Gelehrter, ein begabter Redner ist heimgegangcn. Dr. Julius Landsberger, Landrabbiner in Darmstadt, hat nach langem und schwerem Leiden am Abend des I. März das Zeitliche gesegnet. Noch vor wenigen Monaten durften wir unserem treuen Mitarbeiter zu seinem siebzigsten Geburtstage ein Zeichen unserer Verehrung gebe» und den Wunsch anssprechen, daß die schwere Krankheit, von der er befallen war, von ihm weichen möge. Fast schien es auch, als ob unserem Wunsche Erfüllung gewährt und es dem Leidenden vergönnt sein würde, sein letztgeschriebcnes Werk selbst noch der Oeffentlichkeit zu übergeben. Doch ein Rückfall lähmte seine Kräfte, und eines Andern Aufgabe wird es sein, der jüdischen Gelehrtenwelt mit dem Nachlasse Landsbergers auch seine kritische Ausgabe der Mischte schualim, der Fnchsfabeln des Berachja Hanakdan, zu übergeben. Landsberger wurde am 10. August 1819 in Zülz in Schlesien geboren. Sein Vater, welcher mit dem kaufmännischen Berufe ein umfassendes rabbinisches Wissen verband, führte den Knaben schon in zarlester Jugend in die Tiefen der biblischen und talmudischen Forschung ein. Als Barmitzwa hatte er bereits ein so umfassendes hebräisches Wissen erlangt, daß er in Proßnitz und Leipnik in Mähren die „ckesebiba" beziehen konnte, und mit 18 Jahren erlangte er die Rabbinatsqnalifikation. Nunmehr begab sich Landsberger nach Breslau, um dortselbst Orientalin zu treiben. Er bestand zunächst am Friedrichs-Gymnasium dieser Stadt sein Abiturientenexamen, stndirte dann ans den Universitäten Breslau, Berlin und Halle, und erwarb an letzteren Orte 1816 die philosophische Doktorwürde. Nachdem er zuerst in Brieg, dann in Posen an der Brüdergemeinde als Rabbiner gewirkt hatte, wurde er 1859 als Landesrabbiner der Provinz Starkenburg nach Darmstadt berufen, wo er fast bis zu seinem Tode seines Amtes gewaltet hat. Erst in den letzten Monaten wurde ihm in Herrn Dr. Selber ein Amtsgehilfe zur Seite gegeben. Ueber seine Bedeutung als Gelehrter wollen wir wiederholen, was lvir im jüngsten Sommer bei freudigerem Anlaß schrieben.! Die erste Frucht seiner wissenschaftlichen Thätigkeit offenbarte seine gediegenen Kenntnisse orientalischer Sprachen und ihrer Litteratnr. Mehr aber noch als durch die lateinischc Dissertation „Fabulae aliquot aramaeae“ (1846) offenbarte er sich als tüchtiger Orientalist, und durch sein Buch „Dic Fabeln des Sophos", die von ihm anfgefundene syrisch, Quelle der griechischen Fabeln des Syntipas. Das syrisch, Original erschien hier in berichtigtem, vokalisirtem Texte zum ersten Male vollständig heransgegeben und mit einer einlei tenden Untersuchung über das Vaterland der Fabel (Poser 1859). Von seinen späteren kleinen Schriften, theils populär-, theils streng-wissenschaftlichen oder jüdisch-theologischen In Halts, und Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften nennen wir hier nur: „Liebe, Traum und Teufel oder Eros und Psyche der Traum und Samiel oder die Tenfelsidce in der Geschichte" (Darmstadt 1869), „Heidnischer Ursprung des Brauches zwischen Passah und Wochenfest nicht z» heirathen (1869) „Zur Abwehr" gegen Angriffe auf das Judenthum (1871) „Das Bnch Hiob und Goethes Faust" (1882). Mit diesen letzteren fast zugleich erschien von ihm die Uebersetzung der „Iggeret baale chajim“ von Kalonymos beit Kalony mos, einer arabischen Märchens, das einen Rechtsstreit zwischen Mensch nut Thier vor dem Gerichtshof des Königs der Genien enthält. Nicht minder bedeutend war Landsberger als Kanzelredner In gleicher Weise von schwülstiger Darstellung wie vor trockenem Gelehrtenton sich sernhaltend, wußte er durch feiner Vortrag die Herzen der Hörer zu gewinnen und sie für das Judenthum und dessen erhabene Mission zu begeistern. Am dem Boden der Reform stehend, hat er die Angriffe, die vor Anhängern anderer Richtung vielfach gegen ihn gerichtet wurden, mit Würde ertragen und unbeirrt seinem Ziele zugestrebl Die Liebe seiner Gemeinde sagt uns, daß er es erreicht hat. Möge ihm die Erde leicht sein! * Berlin, 9. März. Eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten aus dem alten Moabit ist mit dem am 6. d. Mts. verstorbenen Kommerzienrath L. Ca hu heim aus der Reihe der Lebenden geschieden. Nächst Borsig war er der größte private Grundbesitzer des Stadttheils, denn sein mit einer schönen.