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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 sich geht, mit mib nach ihrem Willen geschieht, und das schließt von selbst den Zufall aus. Diesen Gesichtspunkten stellt nun der moderne Denker die Thatsache gegenüber, daß kein Mensch mit der Leugnung^ des Zufalls wirklichen Ernst mache, daß cs geradezu unmöglich sei, sich im Verlauf der irdischen Dinge ohne den Hilfsbegriff des Zufalls znrechlznfiiiden. Er begründet dies folgendermaßen: Gar nichts von Allem, was wir thnn lind erleben, ist »othwendig; gar kein Ereigniß begleiten wir mit dem Gedanken, daß cs nicht auch Hütte ansbleibe» oder anders ausfallcn oder wenigstens nicht gerade jetzt Hütte cintreten können; Niemand wird beim Rückblick auf seine Vergailgenheit leugnen oder verkennen, daß von jedem Punkt ans die Dinge auch anders, günstiger oder »»günstiger, Hütten verlaufen könne». Oder ja, cs giebt eine Nothwcndigkeit, die es uns nicht einsüllt zu bestreiten; es ist die, daß, wenn alle Bedingungen eines Erfolges vvrliegen, dieser Erfolg selbst nicht ausbleiben kann. Wenn ich im Freien einen Stein in die Luft werfe, ist es »othwendig, daß er wieder zur Erde füllt, aber daß ich ihn werfe, war gar nicht »othwendig; wenn ich von einem Regenguß überfallen werde, muß ich durchnäßt werden, aber daß es gerade jetzt regnete, als ich unterwegs und ohne Schirm war, das bi» ich weit entfernt, als etwas Unausbleibliches anznsehcn. Es ist »othwendig, daß jeder Mensch sterbe» wird, aber nur für den Türkenglanben an ein Kismet ist Zeit, Ort, Ursache voransbestinnnt. So finden wir uns veranlaßt, in Allem, was geschieht, ein Doppeltes zu unterscheiden, ctivas Nvthwendiges und etwas, was auch anders sein könnte. Und in diesem Sinn kann man mit Recht sagen: Nichts, was j„ der Welt geschieht, ist »othwendig in dem Sinne, daß es nicht Hütte auch anders ansfalleu könne». Alles führt ein Moment der Zufälligkeit mit sich. Schließlich gelangen wir in der Ausdehnung des Znfallbcgriffs so weit, daß wir jenen zweiten Vorgang, der zu einem äußeren Geschehen hinznzntreten hat, ganz in unsere subjektive Vorstellung und Erwartung verlegen und nun auch alles Unvermuthete, Unbeabsichtigte, Alles, was sich unserem Handeln und Denken fremdartig in den Weg stellt, noch Zufall nennen. So war cs nun Znfall, wenn Colnmbns Amerika entdeckte, da er deni Weg nach Indien suchte, wenn Berthvld Schwarz wider Vermnthen das Pulver erfand. Wer die festen und bleibenden Merkmale eines Begriffs aufsncht, der mag die wechselnden, wie z. B. beim Pferd die Farbe und Größe, in» welche cS ihm nicht zu thnn ist, zufällig nennen, und so heißt schließlich Alles, was sich zn dem von uns Gesuchten, Gemeinten, Gewollten als nebensächlich verhält, Znfall. Diese Formen müssen wir den sujektiven oder auch relativen Zufall nennen; er wechselt nach Personen und Zwecken und ist etwas von jenem objektiven Znfall wesentlich Verschiedenes. . . . . Soweit Rüineli», dem natürlich daS Cansalitätsgesetz als ein unhaltbares Trugbild erscheint und der selbstverständlich auch die Verwerfung des Zufalls aus religiösen Gründen nicht als stichhaltig anzuerkeiinen vermag. Es sei kein Jntercss. der Frömmigkeit, meint er, alles irdisch Geschehene auf ein unmittelbares göttliches Wirken zurückzuführeu, und dar Christenthum und das Judenthnm habe sich stets von aller, pantheistischen Anschauungen, auf welche jener Standpunkt immer hinausläuft, ferngehalten. So richtig die Voraussetzung, so falsch ist aber der Schluß der neuesten Zufallsphilosophie. Wir werden das sofor, erkennen, wenn wir seine eigene Erklärung des Zufalls anhören Rümelin definirt diesen Begriff also: Jede Pflanzeugattung hat ihre ursprünglichen Standorte und typischen Merkmale, aber Wasser und Lnft, Insekten, Vögel, Thiere, der Mensch, bewußt und unbewußt, tragen die Samen auf fremden Bodeiu dort könne» sic verkümmern oder gedeihen, alte Merkmale verlieren, neue hinzufügen. Die Möglichkeit der Variationen hat keine angebbaren Grenzen; sie können mit menschlicher Berechnung und Kunst erfolgen, lassen aber auch dem Zufall ein offenes Feld. Die Thierwelt ist für Nahrung und Paarung auf Gelegenheit angewiesen, lebt stets von der Hand in de» Mund und kann jede Stunde ihre Speise finden oder selbst zur Speise werden. Die Kreuzung der Rassen, lokal, und individuelle Besonderheiten hängen fast ganz von, Znfall ab. Noch reicher, intensiver, mannigfaltiger als in die Natur erschcinnngcn greife der Znfall in das Menschenleben ein für den Einzelnen wie für die Gemeinschaften. In alle unsere Pläne, unser Thun und Lassen greifen störend oder fördernd Nebennuistände ein, die wir nicht vorherschen und nicht abwendcn können. Alles könnte stets auch anders verlaufen. Und selbstverständlich spiele der Zufall auch in der Geschichte eine große Rolle. Der Ablauf der großen Ereignisse mache uns ebenso bestimmt wie der des Privatlebens den Eindruck, daß Alles im Einzelnen auch hätte anders gehen können. Die Zeitungen melden »ns alltäglich völlig »uvorhersehbare Dinge. Neben den Schicksalen der Personen giebt es auch Völker schicksalc, bei welchen ebenfalls der Znfall mitspiele. Rümelin kommt auf diesen: Wege endlich zn dem Resultat, daß sich Niemand ein vernünftiges Weltbild entwerfen könne, ohne dem Znfall einen Platz einzuräumen. Er hat es aber wohlweislich unterlassen, sein Weltbild aufzurollen. Wie entsetzlich müßte sich dieses gestalten, wenn wirklich der Zufall die entscheidende Rolle darin spielte! Wo blieben denn die guten Handlungen, die sittliche Kraft, der energische Wille des Menschen, wenn der Zufall Alles lähmen und anfheben könnte? Auf diesem Wege gelangt man ja schließlich znm rohesten Fatalismus zurück. Wenn der Zufall die Welt regiert oder auch nur mit bestimmt, ivoz» sollten die Bemühungen des einzelnen Menschen dienen, gut, tüchtig und hilfreich zn werdend Ein blöder Zufall kann ja das Alles im Augenblick zerstören. Nein, da ist uns die alte religiöse Auffassung des Weltbildes doch noch lieber als die moderne Znfallsphilosovhie. Sie lehrt uns, daß die Welt nicht durch Znfall, »och durch Nothwendigkeit, sonder» durch freie Wahl eines überlegenden,

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