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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Begründet von Alle Zusendungen für Nedaktioii Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährlich 3 M., Rabbiner Dr. Ludwig Wittippson in Sonn. und Expedition sind au die Adresse: „Verlag von Rudolf Masse, direkt von der Expedition in Berlin Berlin SW., Ierusalemerstr. 48/49" unter Streifband 3,50 M. Expedition: Berlin, Ierusalemerstr. 48/49 zu richten 54. Jahrgang Berlin, den Blärz WO. Nr. 9. Inhalt: Leitartikel: Der Zufall. — Die israelitische Gemeindeoraanisation in Ungarn. Von Dr. Julius David. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Wien. — Feuilleton: Franz Delitzsch. Von Gustav Karpeles. — Jerusalem und Caesarea Bon Dr. A. Rosenzweig (Schluß). Der Zufall. Berlin, 10. März. Welche Rolle spielt der Zufall im luenschlichen Leben und im großen Weltplan? Die Frage ist oft anfacworfen und oft beantwortet worden. Ja, man hat sogar ein Gesetz im Zufall entdecken wollen. Eine befriedigende Lösung hat die Frage des Zufalls wie die der Nothwendigkeit vom philosophischen Standpunkte ans nicht gefunden; eine solche Lösung, die das Gemiith wie den Geist befriedigen könnte, vermag nur die religiöse Betrachtung der Frage zu geben. Der griechische Philosoph Empcdokles behauptete, Alles in der Welt sei durch Zufall geivordcn und werde durch Zufall. Es habe erst Mensche» gegeben mit zwei Köpfen, drei Wißen n. dgl.; bis endlich iviedcrnm zufällig solche gcivorden sind, wie sie jetzt sind und wohl bleiben ivcrden. Die neuern Philosophen gehen nun allerdings nicht so weit; aber sie räumen doch dem Zufall eine große und bcstiinmende Rolle ein. Eine akademische Rede über den Zufall, die der kürzlich verstorbene Kanzler der Tübinger Universität, Gustav Rümelin, wenige Tage vor seinem Tode gehalten, kommt zu demselben Resultat. Es verlohnt sich, auf diese Ausführnugen eines sonst vortreffliche» Beobachters einzugehen und ihnen unsere religiöse Anschannug gegeuüberznstellen. Dem menschlichen Geiste gilt cs ja tvohl gegenwärtig als eine ausgemachte Wahrheit, daß der Lebensgang eines Menschen nicht allein von ihm selbst und seinen Eigenschaften, sondern auch von äußeren Umstanden, über die er keine Gewalt hat, abhänge, und zwar niemals in kleinem, sehr oft aber im allergrößten Umfang. Auch Rümelin ist dieser Ansicht. Er sagt: Unsere Sprache ist reich an Ausdrücken für diesen Einfluß, wenn wir vom Schicksal eines Menschen, von Fügungen und Schickungen, von Glück und Unglück, Heil und Unheil, Vcrhängniß, Unfall, Unstern reden. Einen Begriff aber pflegen wir nicht in die Reihe solcher Wörter mit aufzunehmeu, weil ihm die Andeutung seiner Einwirkilng ans menschliches Wohl und Wehe fehlt, obgleich ihm unter der Hand dcr Hanptantheil an jenen äußeren Uinständcn znkomnit. Es ist das Wort Zufall. Mit diesem Begriff hat cs eine eigenthümlichc Bcwandtniß. Er spielt in der Wirklichkeit, in der Deutung des WeltlanfS, in unserem alltäglichen Denken und Reden eine überaus große nnd von Niemand beanstandete Rolle; die Wissenschaft aber verhält sich spröde, zweifelnd, ablehnend zu ihm nnd weiß nicht recht, was sic mit ihm anfangcn soll. Mit Recht! so sagen wir, Philosophie nnd Theologie lehren übereinstimmend: ES giebt keinen Zufall. Die philosophischeJdee stützt sich auf den Eausalitätsbegriff. Jede Veränderung, die in der Welt vor sich geht, ist nämlich eine Wirkung von Ursachen, und zwar nicht von beliebig wechselnden und willkürlichen llrsachen, sonder:: voi: ganz bestimmten, so daß, wenn nur irgend eine der Bedingungen gefehlt hätte oder eine andere gewesen wäre, auch der Erfolg anders hätte ausfalle» müsse::. Denn das Eansalgesetz sagt: Aus gleichen Ursachen gehen gleiche Wirkungen hervor, ans ungleichen ungleiche. Daraus crgicb: sich, daß jeder Vorgang in der Welt die unausbleibliche Folge aus de»: Komplex ba vorausgegaugeuen Bedingungen sein muß und gar nicht anders hat ausfallen könne». Was aber nicht anders anSfallen konnte, war noihweudig; das Nothwcndigc aber ist der ausgesprochenste Gegensatz des Zufällige». Die zweite, die theologische Bekämpfniig des Zufalls geht von den göttlichen Eigenschaften der Allmacht und Allgegenwart aus und versteht unter der Allmacht nicht bloS, daß die Gottheit Alles machen kann, sondern auch wirklich macht und gemacht hat, daß also Alles, was in dem weiten Weltall vor

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