Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 8 (7.3.1890)
- Date
- 1890-03-07
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
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121 Spanien. Madrid, im Februar. Herr I. Sauna (auch bekannt als der Scheikh Abu-Naddara), ei» egyptischer Schriftsteller, welcher iu Paris wohnt, machte kürzlich eine Reise nach Südeuropa und Marokko. In seinen „Reiseeindrücken", die er im „Univers israelite“ veröffentlichte, erzählte er, daß er in Madrid eine Privataudiciiz bei der Köiiigiu-Regcntin hatte, welche vierzig Minuten währte, und daß er sowohl Ihrer Majestät als auch dem Premier-Minister Sagasta gegenüber die Vortheile hervorhob, welche es für die Entwickelung der Finanzen, des. Handels »nd der Industrie in Spanien hätte, wen» die Inden wieder in so großer Anzahl sich daselbst ansiedeln würden, wie unter maurischer Herrschaft. — In Cordova hatte Herr Sauna einen jüdischen Freindcuführer, der den Antrag des Bischofs abgclehnt hatte, an dem katholischen Seminar Lektionen im Hebräischen zu geben, unter der Bedingung, daß er sich taufe» lasse, obgleich ihm diese Stelle ansehnliche Gewinne gebracht hätte. Auch in Sevilla hatte Herr Sauna einen jüdischen Führer. Dortselbst befinden sich dreißig jüdische Familie». Auch Portugal besuchte der Reisende und hielt in Lissabon eine Vorlesung, der Dom Pedro von Brasilien beiwohnte. Türkei. Bagdad, 2:>. Dezember 1889. lieber den Prozeß, welcher wegen der Bestattung Abdallah Somekhs in dem „Eohen", dem umstrittenen jüdischen Wallfahrtsort, gegen die Rabbiner und Vorsteher Bagdads gefühlt wird, empfing die „Alliance" folgenden Bericht: Bis zur Ankunft des neuen Vali ist der Mnchir vorübergehend mit dem Amt des General-Gouverneurs betraut worden. Seine erste Handlung war ein Gerechtigkeitsakt. Er ließ auf gesetzlichem Wege alle die wegen besagter Angelegenheit noch in Haft befindliche» Inden in Freiheit setzen und crthcilte allen Beamten, die ihnen ein Leid zngesügt hatten, eine schwere Rüge. Er that mehr. Er gab den Civil- und Militär-Administrationen Instruktionen von der äußersten Klarheit in Betreff der Anwendung der Gesetze und Aufrechterhaltnng der Ordnung, damit in Zukunft keine Gcwaltthateu und Mißhandlungen mehr möglich seien. Diese Instruktionen haben ihre Folgen getragen. Die Muselmänner erlauben sich nicht mehr, die Juden ans den Straßen zu mißhandeln, ihre Haltung ist eine friedliche geworden. Ilm diese plötzliche Wendung ititit zu begreife», muß man immer daran denken, daß die Haltung der Muselmänner gegenüber den Juden von derjenigen der Behörden abhängt. Sobald die Beamten pflichttreu und gerechtigkeitsliebend sind, haben die Inden jener Länder von ihren Landsleuten nichts zu befürchten. Die Verfolgnugcn brechen niemals urplötzlich ans, und die neuesten Vorgänge beweisen dies wiederum. In der Prozeßangelegcnheit stehen nun die Dinge folgendermaßen. Es sind 2<! Angeklagte an der Zahl, davon 7 Rabbiner und IN Notabele. Sie befinden sich zur Zeit alle in Freiheit, natürlich nur provisorisch und gegen Kaution, nachdem sie mehr als zwei Monate int Gefängniß geschmachtet. Es ist eine vielleicht allein dastehende Thatsache in der Geschichte des türkischen Jndenthnnis, daß die geistlichen Oberhäupter und die hervorragendsten Rotabclen einer so bedeutenden Gemeinde wie Bagdad mit Gewalt festgeuommen und während der großen Feste von Rosch-Haschono, Kippur und Snccot im Gefängniß gehalten wurden. Die 20 Angeklagten solle» — so lautet die Anklage — in einer Moschee ihr geistliches Oberhaupt begrabe» haben oder haben begraben lassen; am Abend der Bestattung einen Aufruhr der Inden gegen die Mnselinänner am anderen Flnßnfer veranlaßt haben, Waffen benutzt haben oder andere Jude» veranlaßt und angespornt haben, Waffen gegen die Araber zn benützen, die cs zu verhindern versucht hatten, daß die Bestattung in dem heiligen Ort stattsinde. Sie wissen bereits, daß diese Anklage ans keiner andern Basis beruht, als der Anssage des Hüters des „Cohen", des Hauptes der Gemeinde vom rechten Ufer, Abdallah Zeibac, und seiner zahlreichen Helfershelfer. Sie wissen auch, daß diese falschen Zeugen die Inden gemißhandelt hatten, und daß sogar einige unter ihnen ins Gefängniß wandern mußten, am nächsten Tage aber ans höheren Befehl frei gelassen wurden. Der Untersuchungsrichter, der Staatsanwalts-Substitut und die anderen Beamten, die von nah oder fern in diesem unglaublichen Prozeß betheiligt waren, wissen ganz genau, daß die Anklage von A bis Z falsch ist, daß die Inden nicht die wahren Schuldigen sind, und ebenso fest steht es, daß der Bali die Bestattung ii» „Cohen" zugelasscn hatte. Sie wissen auch ganz genau, daß die Inden von Bagdad keine Waffen besitze» und daß besonders die Rabbiner, jene friedlichen Greise, die ihr ganzes Leben damit verbringen, religiöse Werke zu lesen, ganz unfähig sind, die ihnen zngedachte kriegerische Rolle zu spielen. Die thatsächliche Wahrheit des Gesagten ist anerkannt, und dennoch scheinen die Umstünde stärker zu sein als die Wahrheit, und der Ansgang des Prozesses ist noch ganz ungewiß. Es hat sich sogar ein Staatsanwalt gesunde», der in seiner Ansprache die strengsten Strafen gegen die Angeklagten forderte. Diese Letzteren haben einen christlichen Advokaten angenommen, um ihre Rechte vor dem Gerichtshof zu vertreten. Ich irerde Ihnen das Nrtheil desselben mittheilen. Egypten. Alexandrien, l.'>. Januar. Ans Sana wird gemeldet, daß der dortige Mari El-Azim lGroßrabbiner), Chacham Snleiman El-Karah, der zugleich als Oberrichter der Juden Neuicns fnugirt, seine Gerichtstage in der Woche in» einen (Mittwoch) hat vermehren müssen, um nur seinen richterlichen Pflichten gehörig uachkommen zn können. In Ziemen wohnen nämlich sehr viele Inden, die alle ihre wichtigem streitigen Fälle vor den Großrabbiner in Sana zur Entscheidung bringen.