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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-07 · Heft 8 (7.3.1890) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 8 (7.3.1890)
Date
1890-03-07
Page
Seite 120 (sequence 8)
Language
German
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120 gewandte», aber iit seine» Ansichten au das finstere Mittelalter erinnernden Redners fanden bei den Zuhörern einen verhältnißmäßig geringen Beifall, haben jedoch tut ganzen Lande viel Staub anfgewirbelt. Picard will am 1, März auch in Lüttich einen Vortrag gegen das Judenthuin halten. (ö'ngland. London, 18. Februar. In der großen Synagoge der hiesigen Gemeinde hielt vor einiger Zeit Rcv. Singer vor einem zahlreichen ans jüdischen Arbeitern und deren Familien sich znsammensetzenden Publikum eine Predigt über das Thema „Die Unabhängigkeit". Der „Jewish World" bringt eine ausführliche Wiedergabe dieser wirkungsvollen Rede, und wir wollen es nicht unterlassen, eilten Theil der Schlußworte zu wiederholen, ans denen zu erkennen ist, was Singer als die Ursache der furchtbaren Noch unter den jüdischen Arbeitern Londons — nicht polnisch-rnssischc» Eingcwanderten — ansieht. Er sagt: Wie ist die drückende Armuth im Lande der Freiheit und des Ueberflnsses bei so vielen Kindern des Hauses Israel zu erklären? Sie sind weder Trunkenbolde, noch leichtsinnige Verschwender des schwer erworbenen Verdienstes; sie sind auch im Großen und Ganzen keine Spieler, sie sind die selbstlosesten, ansopferndsten Eltern, ihre Söhne und Töchter ein Muster von Ehrerbictnng und Gehorsam. Woher also kommt es so häufig, daß sie nicht besser als ein großer Theil ihrer Nachbarn sich forthclfen, die doch an Tugenden ihnen nicht glcichkommcn? Warum müssen so viele von ihnen Hunger und Din st und Entbehrung der nothwendigstcn Kleidung und Lebensbedürfnisse erdulden? Hauptsächlich im Folgenden liegt die Ursache dieser Zustände: --in der Menge unbedachter Heirathcn, von Leuten geschlossen, die noch nicht gelernt haben, sich selbst zu unterhalten, die blind in die Znknnft sehe», die mehr gedankenlos als schlecht, in Bettel versinkend, Andere in diesen Pfuhl mit hinabreißen. Darum > lasset den Unabhängigkeitssinn kräftiger in Euch rege werden,! Mann und Weib unter Euch mögen den mnthigen Entschluß : hegen und verbreiten: So lange Gott meinen Geist und Körper; rüstig erhalt, will ich Niemandem zur Last sein. ■ Ich tuill1 nichts unternehmen, was aussichtslos und veranttvortnngSvoll ist Kein Brod ist so süß als das im Schweiß verdiente, keines so bitter als das durch milde Gaben erbettelte. — Die Worte sind wenh, auch über die Grenzen Englands hinaus gehört zu werden. Tenn was hier gerügt wird, ist nicht eine Unsitte, die ans englischem Boden entstanden ist, sonder» ans dein Heiniathlandc jener Unglücklichen stammt. Mögen auch dort bald Prediger und Lehrer erstehen, lvelche diesen Quell vieler Ucbel versiegen machen. Frankreich. Paris, 2t. Februar. Der Grand-Rabbin von Frankreich Zadok Kahn hat gegen die bei der bonlangistischcn Wählerversammlnng in Nenillh erfolgten antisemitischen Ausbrüche einen energischen Protest veröffentlicht. Derselbe hat folgenden > Wortlaut: „Ich betrachte es als meine Pflicht, mit ganzer! Kraft gegen Dasjenige Protest zu erheben, was in der sams-! tägigen Wählerversaminlung zu Nenillh gesagt wurde. Ohne in einem politischen Kampfe Partei ergreifen zu tvollen, scheint es mir nnmöglich, nicht im Namen meines Kultus! die ebenso heftigen als unberechtigten Angriffe znrückzuwcisen,! welche sich direkt an alle häßlichen Leidenschaften wenden.! Als Jude bin ich über dieselben betrübt, als Franzose schäme! ich mich derselben. Frankreich wäre nicht mehr Frankreich, j das heißt das Land der freisinnige» Traditionen, der Ideen j der Gerechtigkeit und der Billigkeit, wenn Worte, wie die ' jüngst gesprochenen, irgend welchen Widerhall finden könnten.! Es ist schon zn viel, daß über hundert Jahre nach der Revolution von 178!» in einer öffentlichen Versannnlnng solche! Aufreizungen gegen eine ganze Klasse von Bürgern erfolgen konnten, die ebenso gute Franzosen wie wer immer sind, die Frankreich seit einem Jahrhundert mit leidenschaftlicher Hin-! gcbnng gedient und für seine Vertheidignng ihr Blut ans! allen Schlachtfeldern vergossen haben, besonders während des i unglückseligen Krieges von >870. Ich appcllire, um diesen ' haßerfüllten Ansbrüchen das Urthcil zn sprechen, an alle i ehrlichen und wahren Mensche» aller Kulte und aller Parteien. iJch bin von der unverbrüchlichen Ueberzcngnng erfüllt, daß kein einziges Mitglied dcS katholischen oder protestantischen Elerns, deren Tugenden, Hochherzigkeit und Geistcshohcit ich , ebenso . bewundere wie ihren erleuchteten Patriotismus,! Aenßernngen znstimmcn würden, die ivcdcr französisch, noch! christlich, noch hinnan sind." Nußland. Moskau, 26 Februar. Die Karäcr haben ein 5lapital von >20,000 Rubel aufgebracht, um ein Lehrer- und Rabbiner seniinar zn gründen, daS zum Andenken an die glückliche Errettung der kaiserlichen Familie bei Borki den Namen „Kaiser Alerander-Seminar" führen soll. Odessa, 26. Februar. Hier hat sich ein Kreis von Liebhabern der hebräischen Sprache gebildet; derselbe besteht jetzt ein Jahr und zählt gegen :>o Mitglieder, darunter sind auch junge Mädchen, die nicht nur ansgczcichnct hebräisch sprechen, sondern auch in dieser Sprache Referate abfassen. Nach den Satzungen des Vereins darf kein Schinipfwort, das i» der hebräischen Sprache ansgcstoßc» ist, für eine Beleidigung gehalten werden. Hoffentlich wird ein so ernste Tendenzen verfolgender Verein sich nicht mit derartigen Spielereien begnügen, sondern wirklich die Pflege der hebräischen Sprache sich angelegen sein lassen. Das wäre ein schönes Ziel! Wilna, kl. Februar. HerrHirsch Spcktor, Sohn des Obcrrabbiners R. Jizchak Elchanan in Kowno, ist von der Wilnacr Gemeinde als Prediger und Nabbinalsvorsteher gewählt worden und hat bereits sein Amt anaetrctcn. Wilua. Wie russische Blätter Nachweisen, sind ans dem WilnacrGonverncment in den letzten Jahren etwa 10,000 Csitbeit , nach A m crika ansgewandert.

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