Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 8 (7.3.1890)
- Date
- 1890-03-07
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 famcu zahllose Slawen zur Zeit der fränkischen Slawenkriege als Sklaven ins Land. Die mcisten slawischen Stämme aber waren schon in prähistorischer Zeih wie heute die Großrnssen, mit turanischem Blute, besonders finnotatarischeni, gemischt, und so kam ein mächtiges turanisches Element in die germanische Schädelfori». Dazu kamen noch die Gefangenen ans den Akvaren-, Hunnen- und Ungarkriegcn, wodurch sich eine weitere Beimischung ergab. Die Nnssenabsondernng bei der Geschlechtsvermischnng erhielt sich bei dm Alemannen, als den Herren und Besitzern des Landes, bis in das 12. Jahrhundert hinein, und bis dahin findet man in den alemannischen Gräbern rein germanische Schädelformen. Diese Nassenreinheit wurde verwischt; vor Allem durch die Ausbreitung des ChristenthnmS. Weiter hat das Feudalwcsen mächtig dazu beigctragcn, ans den Kriegsknechte» freie oder tributpflichtige Männer zu machen, und ebenso haben die Krenzziige viele Hörige zu freien Männern gemacht. In dieser Weise entstand ans drei Nassen ein Volksstamm, und derselbe Prozeß gilt für ganz Deutschland und ebenso für alle heute maßgebenden Kulturvölker. Kein einziges Volk in Europa spielt eine Führerrollc, das aus einer einzigen Rasse hcrvorgegangen ist. — So weit der gelehrte Forscher. Man muß gestehen: Es ist das eine niederschmetternde Thatsache. Wenn die kraniologische Forschung ans diesem Wege fortfährt, so wird die Theorie von Ariern und Semiten, über die alle Ethnographen und Ethnologen ohnedies nur gclächelt haben, selbst für Volksversammlungen und fromme Theekonventikel bald nicht mehr zu verwenden sein, und man wird sich nach neuem Material nmsehen müssen, um den alten Amalekshaß fortznschürcn. Gleichviel, wir setzen dem Nassenwie dem Ncligionshaß mit unerschütterlichem Gleichmuth stets nur das uralte Bckenntniß entgegen, das unsere Bibel zuerst ausgesprochen: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" Litterarisrhe Mittheilungen.! Die Quellen der Ha lach ah. Von Dr. Bernhard! .Königsberger. Bd. I. (Berlin, 1890, H. Engel.) Es! ist ein sehr dankenswcrther Versuch, den ein junger Gelehrter hier j unternommen. Während das Gebiet der Haggadah, seit Znnz vor mehr als sechzig Jahren es zuerst erschlossen, später vielfach bearbeitet und angebant wurde, blieb die Halachah nach dem ersten wissenschaftlichen Versuch, sie shstematisch zu ergründen, den H. S. Hirschfeld vor etwa fünfzig Jahren mit großem Geschick nnteriiommen, bis auf die neueren Forschungen von Frankel, Lcvh und Hoffman» eine terra incognila. In dieses unbekannte Land hat sich nun der junge Autor mnthig gewagt. Er betrachtet „die mündliche Lehre" von seinem Standpunkte ans als etwas Festes und Gegebenes, er glaubt nicht an eine historische Entwickelung und begnügt sich damit, die verschiedenen Formen und Theile darzustellen, in denen sich uns diese Halachah offenbart. Dan» geht er zur Untersuchung der beiden Schulen über, aus denen zunächst die halachischcu Midraschim hcrvorgegangeu — dieser Abschnitt der Kömgsbcrger'schen Arbeit erscheint uns nach seinen Resultaten entschieden als der werthvollste — zu der Akiba's und JSmacl's, um sodann ihre Studienrichtung und die aus ihren Schulen hervorgegangenen Werke einer eingehenden kritischen Untersuchung z» unterziehen. Die Arbeit ist eine gediegene, die großen Fleiß und eingehende Sachkenntniß verräth; es ist zu wünschen, daß der junge Autor durch die Aufnahme derselben zur Fortsetzung dieser Forschungen erninthigt werde. X. * Berlin, 23. Februar. Die Versendung der Schriften des fünften Jahrganges im hebräischen Litteratnr-Verein -chlellire Nirdamim“ wird noch vor Ablauf des gegenwärtigen Monats erfolgen können. Bei der gesteigerten Theilnahme, die der Verein gewinnt, wird auch die Leistungsfähigkeit desselben immer größer werden. Es gelangen dieses Mal zur Versendung: 1. Commentar zum Hiob-Buche des Samuel b. Nißim Masnuth aus dem 12. Jahrhundert. 2. Machsor Vitry, erste Lieferung. 3. Hilchot Gedolot, zweite Lieferung. 4. Mischnah-Commentar des Maimonides, dritte Lieferung. Neu eintrcteude Mitglieder erhalten bei Zahlung des Jahresbetrages von 10 M. die früheren Lieferungen der sub 3 und 4 bezeichneten Schriften — so weit der geringe Vocrath reicht — gratis, wenn sie bis znm 1. April ihren Beitritt zum Verein anmeldcn. Dr. A. Berliner. Korrespondenzen Deutschland. ß Berlin, 4. März. Der heiße Wahlkampf, der in den jüngsten Wochen die Gemüther aller Deutschen in Aufregung hielt, ist nun vorüber, der neue Reichstag ist gewählt. Wir haben während der Zeit des Kampfes unsere Stimme nicht zu Gunsten der einen oder anderen Partei erhoben, weil die deutschen Juden als solche sich nicht zu einer bestimmten politischen Richtung bekennen. Dies ist seit langer Zeit bekannt. Mit alleiniger Ausnahme de? Eentrunis, welches als und Wachrichlen. eine Partei mit ausgeprägter konfessioneller Färbung hier nicht i» Betracht kommen kann, haben alle Fraktionen der deutschen Parlamente schon jüdische Abgeordnete in ihren Reihen gezählt und jüdische Wühler um ihre Fahnen geschaart. Auch jenes Bestreben liegt den deutschen Inden fern, Männer aus ihrer Mitte in die Parlamente zu entsenden. Sollte es noch eines Beweises hierfür bedürfen, so sei uns gestattet, darauf hinzuweisen, daß gerade in demjenigen Wahlkreis, welcher in ganz Deutschland die zahlreichste jüdische 8"