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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-07 · Heft 8 (7.3.1890) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 8 (7.3.1890)
Date
1890-03-07
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 Ihnen Versöhnung nnd Erbauung zu bieten, bn§ ist die Aufgabe der Religion in nnsern Tagen. Mögen unsere Geistlichen cs verstehen, der Menschheit diese Oase grünend zu erhalten; mögen sie es besonders verstehen, denjenigen Theil der Menschheit, welcher diesen Regungen naturgemäß am meisten zugänglich ist, das weibliche Geschlecht nnd die Jugend, au sich zu fesseln. Für unsere Urgroßmütter war Alles, was sie in ihrem Hause und in ihrer Wirlhschaft thate», Religion, von dem Huhn an, welches sie kauften, bis zu dem weißen Gewände, mit dem sie sich am Versöhnnngstage bekleideten. Das ist nun anders geworden in dieser neuen Zeit, für einen sehr großen, ja für den größten Theil der deutschen Judenheit. Warum es so kam, das ist hier nicht der Ort zu untersuchen. Aber es ist so. Die hier entstandene Lücke anszufüllen, dafür zn sorgen, daß die Religiosität nicht aus den Herzen schwinde, das ist in erster Linie die schöne und würdige, aber schwere Aufgabe unserer religiösen Führer. Vergiß cs ja nicht! Nasse und Hntifiinlitat. Es ist eine feststehende Thatsache, daß die antisemitische Bewegung eine reine Rasscnfrage ist, nnd als solche ist sic von ihren entschiedensten Vorkämpfern auch von Anfang an ausgegeben worden. Nicht gegen die Religion, sondern gegen die Rasse der Inden richtet sich der Sturm. Wenn man will, hat schon der Ahnherr des modernen AntiscmitiSnins, der selige Hainau, dessen Gedächtniß wir in dieser Woche feiern genau denselben Standpunkt seinem Herrscher gegenüber geltend gemacht. Aber er hatte dainals so wenig wie heute einen Schimmer von Berechtigung. Freilich ethische nnd politische Gründe gelte» bei einer Bewegung nicht, der selbst jede Spur von Ethos fehlt. Aber auch wissenschaftliche Gründe können hier nicht mehr vorgebracht werden, da längst nachgcwiesen worden ist, daß cs in Europa wenigstens gegenwärtig überhaupt keine einzige reine und nnvermischte Rasse gebe. Wären unsere Gegner wissenschaftlichen nnd Vernnnftgründen zugänglich, so müßte dieser Beweis, den neuerdings wieder ein hervorragender Forscher durch die Kraniologie erbracht hat, ihren arischen oder nrtcntonischen Hochmnth doch einigermaßen erschüttern. Professor Dr. Benedikt hiclt nämlich in Wien einen Vortrag über „Rasse nnd Nationalität", der ein überaus interessantes Material und höchst bcmcrkcnswerthe Gesichtspunkte vorbrachte, so daß cs sich wohl verlohnt, eine Skizze dieser Ansführnngen, welche berechtigtes Aufsehen erregten, zn gebe». In der Einleitung seines Vortrages erinnerte der gelehrte Forscher an einige Grundbegriffe der Kraniologie. Das relative Verhältniß der Länge nnd Breite des Schädels zn einander hat bekanntlich dazu geführt, die Völker der Erde in dolicho-, brachynnd mcsokephale einznthcilen. Man kann zn den ersten jene rechnen, deren Schädelbrcite 72 bis 75 Prozent der Länge beträgt. Ist der Prozentsatz der Breite ein höherer, z. B. von 83 Prozent aufwärts, so hat man es mit Brachykephalen zu thun. In der Mitte liegt die mesokephale Form Der alte germanische Schädel z. B. bewegte sich vorwaltcnl zwischen 72 bis 75 Prozent, der moderne deutsche -Schäden bewegt sich im Mittel zwischen 79 nnd 81 Prozent. Bei der Urtypen des slawischen (sarmatischen) nnd des tnranischcr (finnomagyarischeu, tatarischen) Schädels steigt bei erster« der Prozentsatz der Breite auf 84 nnd darüber nnd beti' zweiten selbst auf neunzig Prozent nnd darüber. An der Hand der gegebenen Vorbegriffe demonstrirte nun Professor Benedikt die Bedeutung der Kraniologie für di politische Wissenschaft an den verschiedenen Typen, welche de;; europäischen Völkern entnommen werden können. Der erst Schädel ist jener des württcmbergische» Volksstamnies, welcher gewiß Jedermann für einen gut germanischen halten wird, nnd der sicherlich charakteristisch für die deutsche Nation i|: Das Beispiel ist für die Darstellung besonders geeignet, lue;- die Schädelform des württcinbergischen Volkes in noch »ich erreichter Weise von Hölder an lcbenden Köpfen, an Schädeln aller Zeitepochen nnd an der Hand tief eingreifender historische Kenntnisse stndirt wurde. Die erste Thatsache, die dem wissen schaftlichcn Beobachter hier entgcgentritt, ist die, daß cs keiner württembcrger Schädel als Typus giebt, d. h. daß, wcnr man die Mittel aller Maßvcrhällnisse nimmt nnd daran einen Schädel konstrnirt, man einen erhält, dessen Typus in der württcinbergischen Bevölkerung gar nicht existirt. Hölde fand vielmehr, daß cs in Württemberg 49 Schädeltypen gebe, wovon nur 3 Urtypen nnd 46 andere sind, welche in primär?, d. h. ans zwei Urtypen gemischte, oder in sekundäre, d. I. ans drei Typen gemischte Mischformen zerfallen. Hölde untersuchte ans einem alten schwäbischen Kirchhof 200 Schädel. Bon rein germanischen Typen fanden sich nur fünf Schäden d. h. kaum 2'Aä Prozent, während rein tnranische Schädel i: der Zahl von sechs nnd rein sarmatische in der Za! von acht, also etwa drei nnd vier Prozent vorhanden waren, 20 Schädel hatten keine Spur von germanische. Bei misch nng, und wenn man von bcn Mischformen die jenigen anssncht, welche eine starke germanische Bcimischn»' haben, so erhält man 90 Schädel, d. h. nicht ganz 45 Prozent. Also lveit über die Hälfte der Schädel hat einen vorwalten oder ansschließlich nichtgermanischen Charakter mr 98 Proz. sind nicht rein germanisch. Wie drastisch diese Thai sache ist, daß sich der germanische Schädeltypns in der leben den Bevölkerung selten findet, geht schon daraus hervor, da: man die dolichokephalen Schädel der Reihengräber zur Zein, als die letzteren anfgedeckt wurden, für Schädel einer vor der Germanen bereits dagewesenen Rasse ansah und sie als Kelten schädel bezeichncte. Die brachykephalen Völkerschaften, nnd zwar nicht blo. keltischen, sondern auch slavischcn Ursprungs, ebenso die Inder hatten schon das Land beivohnt, bevor Germanen, besonder-. Alemannen in das Land kamen, nnd ebenso waren die römischen Provinziale» größtciitheils brachykcphalcr Natur. Weiterhin

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