Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 8 (7.3.1890)
- Date
- 1890-03-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Audenlhums. Ein «»partciischcs Organ fiir alles jii-ische Interesse. { Tiefe Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post be- 5 wgen Preis vierteljährlich 8 M., dirett von der Expedition in Berlin; unter Streifband 3.f>0 M. Begründet von Rabbiner M- Kudwig Philippson in Kann. Expedition: Berlin. Zernsaiemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- „Verlag von R no lf M o f se, Berlin SW., Jerusalemerstr. 48/40" zu richten ">4. Jahrgang. Berlin, den 7. März > 7? y: Inhalt: Leiiavtikel: Purim. 1 )r. jur. Wei?va sIUinbcii — Aasse nub Nationalität. — Litterarische Mittheilungen. — Korrespondenzen rnd Nachrichten: Berlin. Hamburg, Tvraufütrt a. M.. Wiesbaden. Jriedberg. Auv Hessen. Homburg v. d. Hobe. Hatte a S.. Gteiwih. -Nönig^hiltte. . . ppstädteu. Schildberg. München, A'ipchg. Wien. Trantenan, Antlverpen. London. Paris. Alvskau. Odessa. Wilna. Madrid. Bagdad. Alexandrien. — venilleton: Eine luftige Makame des Eharisi. Bon S. .ttristeller. - Jerusalem und Eaesarea. Bon Tr. A. Aosengweig. - Vermischtes. v u r i m. Bon D r. .jur. Ge or g M inden. Berlin, 28. Februar. In dieser Woche feiern alle Inden der Erde ein Fest, :•> nicht ZN den lwhen Feiertagen gerechnet lvird, ein Fest, ni dein nicht einmal das Hattet gesungen wird nnd von dem och verkündet ist: „Und es bleiben diese Taste im Andenken unb lverden feiert in jeglichem Zeitalter, jeglichem Gesehlechte, jeglicher - andschaft nnd jeglicher Stadt; nnd diese Tage der Purim ngehen nicht unter den Jehndim nnd ihr Gedächtnis; endet eht bei ihrem Samen." Wenn wir uns aber fragen, ob diese Worte für das gegenwärtige Geschlecht noch Geltung haben, so findet sich eine oße Lücke. Allerdings für diejenigen unserer Glanbens- .nassen, welche noch nach beit ehrwürdigen nnd geheiligten Gebräuchen der Vorfahren leben, fiir diese ist das Purim och das alte Jubelfest, einer der wenigen ffiomeuU', in elehem man sich 'ungetrübter Heiterkeit hingiebt; für die ganze 'aenge derjenigen aber, welche sich zwar noch lebhaft als -nden fühlen, welche aber nicht mehr auf dem gesetzestreneu Standpunkt der Väter stehen, für diese ist zwar noch der Ver- 'hnnngstag nnd das ihn einleitende Neujahrsfest, für diese md auch wohl noch Passah-Wochen- und Lanbhütlenfest genligte Tage, an welchen sie den Staub des alltäglichen ebens von den Füßen schütteln nnd sich der Andacht weihen; :c Halbfeiertage aber, insbesondere das Purim, fiub ihnen ichts mehr, weil sie sie für national-jüdische Feste betrachten, ad weil sie keine „nationalen Inden" sein wollen. Daß die .ahl der so Denkenden in Deutschland keine unbedeutende ist, iit» Jeder, der die Verhältnisse kennt, zugeben, ebenso daß ch gerade unter diesen viele durch Intelligenz nnd einflnßj reiche Stellung hervorragende Personen befinden. Ebenso! wird aber auch Jeder, der davon überzeugt ist, daß das j Judenthmu noch eine Knltnrmission habe, nnd daß der Geist,! welcher dasselbe beseelt, nach den letzten nnd höchsten Zwecken inensehlicher Eivilisation ringt, diese ganze Kategorie nicht ans der Liste der Jndenheit streichen lvollen. Blau macht der gegenlvärtigen Generation so oft den Vorwurf des Materialismus, der Pietätlosigkeit und der Genußsucht; wie reimt sich aber das mit der obigen Thatsache zusammen'^ Wäre dies wirklich so, so würden am Versöhnnngstag die Tempel leer stehen; man würde keine Todtenfeier besuchen und keine Fastenden sehen. Das fröhliche Purimfest aber würde als ein jüdischer Karneval gefeiert lverden; man würde sieh an dem Gedanken lveiden, daß einst eine Jüdin ans dem mächtigsten Thron der Erde gesessen habe und sich inii der Hoffnung berauschen, daß auch die modernen Haman's, I deren Geschlecht noch immer nicht ansgestorben zu sein scheint,! einmal ans der Gunst der Mächtigen nnd des Volkes gestürzt i lverden können. : Aber nichts von diesem ist zu spüren: der Versöhnnngsj tag, der große, der furchtbare nnd ehrwürdige, sitzt fest in den i Herzen, nnd vom Purim wissen Viele kaum, auf welchen Tag ' es fällt.! Was ist daraus zu schließend Es geht durch unsere Zeitgenossen ein Gefühl tiefster Religiosität; wie die Erde nach ] bem Than, so lechzen die Herzen nach Erbauung und religiöser j Erhebung. Nebersättigt von Genüssen der Welt, überangestrengt von der Fülle des Wissens, das sich ihnen darbietet, müde von der Jagd nach Gewinn flüchten sich die Menschen gern in die ernsten Hatten des Gotteshauses, um zu versuchen, ob sie noch wie in den Tagen der Kindheit beten können. Sie wünschen nicht Rache an Amalek, sondern Versöhnung mit der Menschheit.