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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-28 · Heft 7 (28.2.1890) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 7 (28.2.1890)
Date
1890-02-28
Page
Seite 110 (sequence 14)
Language
German
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110 Jeuikkelon. Eine Kleine Geschichte. So blieb es auch bis kurz vor deu Herbst-Festtagen. Da, Bon Simon Alexander, Rabbiner. eines ^v-ages Hölle Herl Cohn plötzlich einen jämmerlichen Ein heilsamer Zur.ls kann Jedem sein:! Schrei seiner Frau. Erschreckt eilte er zu ihr, die, mit dem In fremder Behausung bleib' nie allein. Pokal ill der Hand, weinend und jaininernd dastand: „Gott Um dies zu begründe», bin ich veranlaßt, eine alte, aber! erbarme sich unser, da ist der Pokal, er war versteckt in derWüsche, durchaus wahre Geschichte zu erzählen. Die Begebenheit er-jim Tischtuch verwickelt; wie schwer habe ich gesündigt! Der eignete sich gegen Ende des 17. oder zn Anfang des 18. Jahrhunderts in Altstrelitz in Mecklenburg. Dort lebte ein Rabbinats-Vcrwalter, Namens Rabbi Süskind. Neben seinen Amtsfnnktioncn hatte er noch die recht einträgliche Pflicht, iin Hanse des reichen Joel Cohn für dessen Hingeschiedenen Vaters Seelenheil alltäglich einen Abschnitt aus der Mischna zn stndiren und das dabei übliche Gebet zu verrichten. Das dafür empfangene Honorar kam ihm sehr zu statte», da der Rabbi eine zahlreiche Familie hatte, wahrend die eigentliche Amtsbcsoldnng — wie in damaliger Zeit allgemein — sehr spärlich war. Da geschah es am Schlüsse des Peßachfesies, als der genannte Rabbi nach Erfüllung seiner Pflicht ans dem Wohnzimmer, in welchem er »»gestört allein gewesen, sich entfernt hatte, daß beim Ordnen und Hinwegränmcn der am Peßachfeste benutzten Gegenstände ein großer, kostbarer Pokal fehlte und alles Suchen darnach erfolglos blieb. Die Eheleute glaubten schließlich, der Rabbi habe, in Folge seiner Familien- Bedrängniß, sich verleiten lassen, sich den Pokal anzneignen. Aber beide Eheleute, fromm und cdclmüthig, gelobten einander, daß es ein G.heimniß bleibe, von dem selbst ihre Kinder nichts erfahren sollten. Zn dem Rabbi jedoch ging der fromme Joel Cohn, und nach schonender Einleitung sprach er zn ihm: „Lieber Rabbi, es soll vor aller Welt ein Gcheimniß bleiben, hier gebe ich Ihnen 'zehn Doppel-Lonisd'or, dafür geben Sie aber mir den Pokal, der, wie Sie wissen, uns ein sehr liebes Familien- Erbstück ist." „Wie? Was?" rief der Angeredete, „was ist mit dem Pokal?" „Lieber Rabbi," sprach Herr Cohn, „sehr peinlich ist es mir. Ihnen zn sagen, daß in der Stube, in welcher Sie heute gelernt, der Pokal ans dem Tische stand, an welchem Sie saßen; außer Ihnen war Niemand in der Stube. Bitte, nehmen Sie hier die zehn LonieW'or, und gebe» Sic mir den Pokal wieder." „Das kann ich nicht," rief der Rabbi schluchzend, „Gott erbarme sich meiner! Der Pokal ist veräußert." Der Rabbi sank ans den Stuhl nieder. Der edelmüthige Mann faßte sich aber rasch und sprach: „So lasset es denn gut sein, grämt Euch nicht, es bleibt mein und meiner Frau Geheimniß, und Ihr kommt nach wie vor alltäglich immer, den Schiur lernen und das Kaddisch-Gebct verrichten."! arme Rabbi, der Zaddik! Wird der so furchtbar Gekränkte i mir verzeihen können? Ohne seine Verzeihung würde mein! ganzes ferneres Leben eine Qual sein." Der Ehemann suchte die Gattin zu beruhigen, er ging mit ihr zum Rabbi, umarmte ihn und sprach weinend: „Wir, ich nnd meine Frau, haben sehr schwer gesündigt; werden Sie uns verzeihen?" „WaS ist denn?" fragte der Rabbi. „Ter Pokal ist da, zwischen der Wäsche, ins Tischtuch cingcwickelt, wurde er gefunden." „Dem lieben Gott sei Lob nnd Dank!" rief der Rabbi, „nun werde ich ruhig meine alten Tage verleben nnd in Frieden sterben können." „Aber," sprach Joel Cohn, „warum sagten Sie damals nicht, daß Sie den Pokal nicht genommen?" „Mein lieber Herr," war die Antwort, „Sie haben damals ausdrücklich bemerkt, daß in jenem Ziminer außer mir Niemand war; wenn ich da gesagt hätte, ich habe den Pokal nicht genommen, würden Sie mir nicht geglaubt haben, nnd Ihre Sünde wäre dann eine zweifache gewesen: der Verdacht ans mich, nnd daß Sie mir eine Lüge zngetrant. Darum meine lakonische Antwort. Nun aber bin ich beruhigt, daß der Verdacht von mir gewälzt ist, nnd Sie haben durch die Zerknirschung, in welcher Sie nun zn mir gekommen, aufrichtige Rene bekundet, und im Grunde haben Sie ja nicht vorsätzlich gesündigt; der Verdacht gegen mich hatte sich Ihnen natürlich anfgedrängt. Und so wird Gott Ihnen vergeben, wie ich mit Herz nnd Seele Ihnen verzeihe." Des Herrn Joel Cohn eigener Sohn, der zu meiner Zeit — ich war vom 1. September 1856 bis 1. April 1851 in Strelitz als Rabbiner im Amte — Präses des Vorstandes daselbst war, erzählte mir diese Begebenheit fast wörtlich, mit dem Hinznfügcn, daß sein Vater die dem Rabbi früher angebotcncn zehn Doppel-Lonisd'or dann als Sühne gespendet habe. Daß ich aber nun diese Begebenheit der Oeffentlichkeit übergebe, hat folgende Bewandtniß: Am 3. dieses Monats wollte ich einen Herrn, der mir immer freundlich zngethan ist, besuchen. In seiner Behausung angelangt, sagte mir das Dienstmädchen: der Herr sei nicht anwesend, werde aber nicht lange weg bleiben, ich solle seine Ankunft erwarten in seiner Stube, in welche sie mich führte. Dann entfernte sie sich. Ich blieb nun etwa eine halbe Stunde allein; außer mir war

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