Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 7 (28.2.1890)
- Date
- 1890-02-28
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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107 Wien, 21. Februar. Ein österreichisches klerikales Blatt behauptet, es habe in Abgeordnetenkreisen nicht wenig Aufsehen erregt, daß im neuen Jahre vier jüdische Bezirksrichter und ein jüdischer Sekretär beim Oberste» Gerichtshöfe in Wien ernannt worden sind. Graz, 20. Februar. Bor dem Einzelrichter des Bezirksgerichtes der Stadt Graz, Adjunkten Dr. Müller, fand eine Strafverhandlung statt, welche hier viele Aufmerksamkeit erweckte. Es handelte sich um die Hinausweisung eines Hörers der hiesigen technischen Hochschule vom Technikerballe, welche Blaßregel dem Betreffenden damit motivirt wurde, daß er ein Jude sei. Als Angeklagte erschienen der 19jährige Techniker Peter Eyermann ans Anmnhl und der 21jährige Techniker Ernst Schnccfnß aus Judeuburg, Beide vertrete» durch Dr. Holzinger; als Kläger der 2ojährigc, in Warschau geborene und nach Ungarn zuständige Techniker Ludwig Reis, vertrete» durch Dr. Posener. Die von Ludwig Reis eingebrachte Ehrenbeleidignngs-Klage sagt im Wesentlichen Folgendes: „Am 14. Januar dieses Jahres wurde im Stcphaniesaale der Technikerball abgcbalten. Das Comitö des Balles hatte auf dem schwarzen Anschlagbrette der technischen Hochschule die Ballcinladnng „an die Herren Hörer der Technik" ohne irgend welche Einschränkung asfichirt, und es ist nicht bekannt, daß der in der Einladung vorkommeude Passus „an die deutschen Hörer" an der Hochschule als Ausschluß der Semiten gedeutet worden wäre. Ich ging min in das Bnrean des Ballcomitös um eine Eintrittskarte und erhielt dieselbe; ich hörte hierbei deutlich, daß dem Mitgliede, welches sie mir ansfvlgte, ein anderer Techniker znflüsterte: „Du, der ist ein Jude." Als ich nun Abends auf dem Balle erschien, wurde ich schon an der Thür des Stephanicsaalcs von dem Techniker Herrn Peter Eyermann und von einem zweiten,mir dem Namen nach nicht bekannten Comitämitgliede mit der Bemerkung empfangen, ich müsse den Saal verlassen, weil ich ein Jude sei. Ich berief mich ans den Besitz der Eintrittskarte und erklärte, daß ich den Saal nicht verlassen würde, worauf die Herren aber erwiederten: „Dann riskiren Sie, daß Sie durch einen Diener hinansgeführt werden!" Hieraus begaben sich die beiden Herren, offenbar anfragend, zu dem Obmanne des Comites, Herrn Ernst Schnccfnß. Dieser erklärte mir, als auch ich an ihn appellirte, meine Entfernung aus dem Saale sei wnnschenswcrth und nothwendig. Da ich sah, daß auch schon ein Diener bereit war, mich hinausznführeu, so blieb mir, um einem öffentlichen Skandal zu entgehen, nichts Anderes übrig, als nachzugeben und den Saal zu verlassen. Durch diesen Borgang bin ich, wie das wohl zweifellos ist, gegen jedes gute Recht auf das Empfindlichste beleidigt worden. Denn wenn das Counte Inden oder insbesondere mich ansschließen wollte, wäre cs ja in der Lage gewesen, durch Verweigerung der Eintrittskarten einer solchen Absicht rechtzeitig Ausdruck zu geben; die Art jedoch, mit welcher mir die Entfernung geboten wurde, war eine so rohe, daß man um Worte verlegen erscheint, diese Handlungsweise zu charaktcrisiren, ohne dabei i selbst eine Ehrenbeleidigung zu begehen." In der heutigen! Verhandlung erklärten sich beide Angeklagte für nichtschuldig. Peter Eyermann gab an, daß ein Beschluß des Techniker-Ball-Comitüs Vorgelegen sei, wonach dem Tcchl niker Ludwig Reis wegen unstudentischen Verhaltens in izwci früheren Affairen der Besuch des Technikerballes ver-! weigert werden sollte. Er habe Reis deshalb anfgefordert, Iden Ballsaal zu verlassen, und auf dessen Frage nach der Ursache dieser Aufforderung geantwortet: „Weil Sie ein Jude sind!" Diese Antwort habe er ertheilt, weil er sich mit Reis nicht in einen Disput einlassen wollte. Uebrigens seien demselben die Kosten des Ball-Entrees sofort zurückerstattet worden. Man habe auch andere Israeliten im Ballsaale gelassen, nur gegen Reis speziell wurde jener Comite- Beschlnß gefaßt. Die Eintrittskarte habe Reis nur ans Versehen bekommen. Der Angeklagte Ernst Schneefnß weiß nur anzngeben, daß, während er mit der Frau Bürgermeisterin auf der Patronessen-Estrade sprach, Reis herzntrat und die Frage stellte, ob seine Anwesenheit auf dem Balle so anstößig sei, daß er den Ball verlassen müsse; er habe darauf lediglich crwiedert: „Entfernen Sie sich!" Der Richter geht auf die beantragte Vernehmung der Zeugen über jene früheren Affairen, wobei es sich angeblich um eine „Einschmuggelung in den Deutschen Studenten-Krankenverein" gehandelt habe, als nicht zur Sache gehörig, nicht ein. Dr. Posener betonte, daß man es mit einem Akte des Anti - Semitismus zu thun habe. Der Richter fällte schließlich die Entscheidung, daß er die Akten der Staatsanwaltschaft abtrete, weil das Verbrechen der Erpressung nach § 98, lit. b, vorznliegen scheine, nachdem dem Klüger mit einer Verletzung an der Ehre gedroht wurde, um von ihm eine Leistung, das ist das Verlassen des Balles, zu erzwingen; eine Verletzung der Ehre sei es zweifellos, wenn ein Student im Ballkostüm ans einem Eliteball durch einen oder zwei Diener gewaltsam hinansgeführt werde. öl. Prag. 27. Februar. Im neuen Israel. Tempel und in der Meysel-Synagoge feierten der Prediger Dr. Gelbhaus und der Feldprediger Dr. Risch am letzten Samstag vor gedrängt vollem Hanse den zum hundertsten Male wiederkehrenden Todestag des Kaisers Josef II. in Ansprachen, in welchen sie die Tugenden des genannten Fürsten priesen und die Errungenschaften seiner Regierung den Zuhörern neuerdings ins Gedächtniß riefen. Die lautlose Stille, mit der den Ausführungen der Redner gefolgt wurde, zeigte von der erhebenden Stimmung, in der sich die Gemeinde befand, und von dem liebevollen Andenken, daß jeder Mensch dem großen Kaiser bewahrt. R . . tz. — Aus Ungarn. Der jüngst auch in Ihrem Blatte veröffentlichte Brief Döllingers athmet so viel Lebensweisheit und Menschenliebe, die in dem wüsten Treiben unserer Zeit erquickend wie eine Oase wirken, und welche uns 7*