Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 7 (28.2.1890)
- Date
- 1890-02-28
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
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105 mit dem Zwecke, die Agitation zur Wühl für die Verwaltung der israelitischen Kultnsgemeinde vorzubereiten. Der Verein hat am vorigen Mittwoch eine allgemeine Versammlung abgehalten, worin über das Ziel und die nächsten Aufgaben des Vereins referirt wurde. * Würzburg, 20. Februar. Der verdienstvolle Vorsitzende der fränkischen Lehrervereiue, Herr Direktor Ludwig Stern, welcher schon seit längerer Zeit durch Krankheit an der Ausübung seiner Amtsthätigkeit verhindert war, ist pensionirt worden. Stuttgart, im Februar. Den diesjährigen statistischen Veröffentlichungen über den Stand des Gelehrten- und Nealschnlweseus in Württemberg entnehmen wir betreffs der Religion der Schüler, daß in den humanistischen Lehranstalten 6239 evang., 2013 kathol. und 368 israel. Schüler, in den Realschulen 6732 evang., 1234 kathol. und 378 israel. Schüler, in den Elementaranstalten (Vorbereitungsanstalten) 2162 evang., 226 kathol. und 95 israel. Schüler unterrichtet werden. In den israel. Volksschulen finden sich 347 Mädchen und 529 Knaben, zus. 876 Schüler; von diesen 27 Schulen stehen 17 unter Aufsicht der evangelischen und 10 unter Aufsicht der katholischen Oberschulbehörde, während die Neligionsschulen unter Aufsicht der K. Israel. Oberkirchenbehörde stehen. zu Schulden kommen läßt, die es nicht begehen soll und darf." (Sehr richtig! links.) Es wird in den Petitionen gegen die Einwanderung von Juden gesprochen und sich auf die Anti-Chinesen-Bill der amerikanischen Republik bezogen. Es freut mich, daß jene Herren, die uns immer vorwerfen, wir seien so große Republikaner, und die sich so viel zugute thnn, daß sie unentwegt für Thron und Altar eintreten (lebhafte Heiterkeit links), finden, daß es auch möglich ist, unter einer republikanischen Regierung gute Gesetze zu schaffen, und zwar so gute, daß sie uns sogar als Muster zum Abschreiben für unsere Gesetzgebung gegeben werden. Aber ganz abgesehen davon, Amerika hat die Frage, die hier rückstchtltch der Juden angeregt worden ist, generalisirt. Es handelt sich nicht um die Juden allein, sondern um die Einwanderung auswärtiger Staatsangehöriger, die nicht die nothwendigen Mittel haben, sich fortzubringen, und die in Folge dessen beinahe sofort der Armenversorgung jenes Staates zur Last fallen, in welchen sie einwandern. Wenn man gefragt hat: Warum sind btc Petitionen gegen die Einwanderung der Juden gemacht worden? so hat man innner zur Antwort bekommen: Das sind arme Leute, die keinen Erwerb haben, die überschwemmen wie Heuschrecken Oesterreich und nehmen den anderen Leuten die Arbeit weg. Ich erwähne, daß nicht allein nach Oesterreich Juden eingewandert sind, sondern auch nach England, daß sie dort als Schneidergesellen verwendet und von den Ariern derart ausgebeutet wurden, daß das englische Oberhaus eine eigene Enquete mit Rücksicht auf diese Ausbeutung eingesetzt hat. Oesterreich-Ungarn. a. Wien, 23. Febrnar. Unser Parlament hatte in der abgelaufenen Woche wieder seine Judendebatte, die natürlich die Antisemiten heraufbeschworen haben. Es handelte sich um eine Petition, tu der sie die Regierung anssorderteu, „nach dem Vorbilde der im Jahre 1882 und 1887 in den Bereinigten Staaten von Nordamerika gegen die Einwanderung der Chinesen gesetzlich beschlossenen Anti-Chineseu-Bill, den Vertretnngskörpern ein Anti-Semiten-Gesetz mit strengen Bestimmungen gegen die Einwanderung und Niederlassung ausländischer Juden in Oesterreich zur verfassungsmäßigen Genehmigung vorzulcgeu." Es versteht sich von selbst, daß die Herren Türk und Genossen mit dieser Petition einen glänzenden Abfall erlitten. Der Berichterstatter Winterholler beantragte kurzweg Uebergang zur Tagesordnung. Aber Herr Türk ließ es sich nicht nehmen seine große Pauke gegen die Inden zu halten, worauf ihm der demokratische Abgeordnete von Wien, Dr. Krona weiter, in folgender Rede crwiederte: Ich werde dem Herrn Vorredner auf seinen Exkursionen zu folgen vermeidenich glaube, es ist wirklich um die kostbare Zeit des Hauses Schade, heutzutage noch darüber zu diskutiren, ob ein Mensch au und für sich dem andern gleichwertig und gleichberechtigt sein soll. Man glaubt gar nicht, daß in einem Kulturstaate eine solcheFrage aufgeworfen werden kann. (Sehr richtig! links.) Ich stehe ganz aus dem Standpunkte jenes Philosophen, der da sagte: „Jedes Wesen, welches ein menschliches Antlitz trägt, ist den: andern gleichwertig und gleichberechtigt an sich, und es kann den Anspruch auf Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit nur dadurch verwirken, daß es sich Handlungen Es ist nun gar kein Staat verpflichtet, arme ausländische Leute, die sich nicht fortbringen können, aufzunehmen. Der erste Mißbrauch mit der Ausweisung armer Leute ist bekanntlich in England geschehen. Die englischen Kirchenspieler, lauter Arier, haben es für gut befunden, ihre Armen auf Schiffe ztt verladen und ihnen grade so viel zu geben, daß sie nach Amerika hinüberfahren können, dort sind sie ansgeladen worden itnb sind nackt dagestanden ohne Mittel zum Fortkommen. Einige Zeit haben sich die Amerikaner das gefallen lassen, später haben sie jedoch ein Gesetz gemacht, daß Niemand den amerikanischen Boden betreten darf, der nicht nachweist, daß er eine bestimmte Summe Geldes bei sich habe oder daß er von einem Amerikaner aufgenomine«, versorgt und erhalten wird. Und wenn so ein Schiff von England oder anderswoher kommt, visitirt ein amerikanischer Beamter das Schiss rücksicktlich des Besitzes der auf demselben befindlichen Passagiere. Die Amerikaner machen da zwischen Juden und Katholiken gar keinen Unterschiedsie haben gesagt: Wenn der reiche Jude kommt und sein Geld in Amerika anbringen will, warum sollten wir ihn nicht nehmen'? (Heiterkeit.) Dagegen haben sie die aus England eingewanderten Armen nach Hause geschickt. Das war ein praktisches Gesetz, und so sollte es auch bei uns gemacht werden, denn ich sehe nicht ein, warum mcht beispielsweise ein reicher russischer Jude in Oesterreich ausgenommen werden soll. Denn nach meinen national-ökonomischen Begriffen hat es noch gar keinem Lande geschadet, wenn recht viel Kapital in das Land eingewandert ist; denn das Kapital, ob es in den Händen eines Juden oder eines Nichtjuden sich befindet, wirkt nach unabänderlichen gleichen Gesetzen. Was bei uns also geleistet werden kann, ist, daß, wenn unser Gesetz nicht ausreicht, den Zuzug ausländischer Armen zu verhindern, wir auch ein solches Gesetz machen sollen, wie das von mir erwähnte amerikanische. Der österreichische Staat soll erklären, er dulde die Einwanderung und Ansiedlung von Ausländern nur unter j der Bedingung, daß sie beim Uebertritt in beu österreichischen Staat Nachweisen, daß sie auch über die nothwendigen Geldmittel ' verfügen, um sich hier eine Existenz zu begründen. Denn wer 7