Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 7 (28.2.1890)
- Date
- 1890-02-28
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
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103 Leider waren die hiesigen Ehren-Mitglieder des Vereins, die Herren Dr. D. Cassel, Dr. H. I. Ritter, und andere hochangesehene Männer, die früheren Stiftungsfesten beige* wohnt hatten, am Erscheinen verhindert. Nach der Eröffnung des Festes durch einen Kaiser-Salamander begrüßte der Vorsitzende die Gäste und legte i» kurzen Worten die Thätigkeit des Vereins in den letzten zwei Jahren dar, wie cs das Bestreben des Vereins gewesen, der Wissenschaft des Judenthuins innerhalb der Studentenschaft eine wohnliche Heimstätte zu bereiten, wie es aber auch nicht unterlassen worden sei, Frohsinn und Heiterkeit, Freundschaft nnd Geselligkeit zu pflegen nnd den Anschluß an die befreundeten Vereine zn befestigen. Auf eine Hervorhebung der Verdienste der alten Herren des Vereins antwortete der Mitbegründer desselben, Herr Julius Steinschneider, Direktor des Bibliographischen Büreans, indem er hervorhob, daß die Gründer des Vereins nicht etwa der damaligen antisemitischen Strömung ein Gegengewicht hätten entgegensetzen wollen, sie wären vielmehr bestrebt gewesen, durch Verbreitung der Kenntniß der jüdischen Geschichte unter der stndircndeu Jugend dieser die rechte Auffassung der Aufgaben des Jndenthnms, die nur durch die Geschichte erkannt werden könnten, verständlich zu machen. Mit der Aufführung der üblichen Burleske begann die Fidelitas welche die Anwesenden i» heiterer Fröhlichkeit noch bis z» später Stunde zusammen hielt. Möge der Verein durch dieses Fest die altrn Freunde und Gönner näher an sich geknüpft nnd sich neue Sympathieen in weiteren Kreisen erworben habe». J. G-. Berlin, 20. Februar. Hr. Dr. A. Berliner, der gelehrte Uebersetzcr und Herausgeber des Gutachtens Papst Ganganelli's über die Blntbeschuldigung der Inden, sendet uns die nachfolgende Erklärung: „Das jüngst im österreichischen Reichstage mehrfach erwähnte Gutachten Ganganellis in Angelegenheit der Blntbeschuldigung der Inden ist von mir i. I. 1888 »ach einer im Archiv der jüdischen Gemeinde in Rom befindlichen Copie, ans dem Italienischen (bic inzwischen in ber Revue des etüdes juives erschienen ist) ins Deutsche übersetzt, herausgegeben worden. Ich habe dieser Schrift Ganganelli's herrliche Worte in seinem Briefe vom 3. Oktober 1759 mitgegeben; sie lauten: „Ich betrachte alle Menschen als Brüder; meine Wonne ist, wenn die Unglücklichen sich an mich wenden." Wenn ich damals in der Einleitung bedauert habe, daß ich das Original dieses Gutachtens nicht ermitteln konnte, so vermag ich doch jetzt ergänzend »ntzuiheilen, daß ich dasselbe, nachdem ich im vorigen Jahre auch zum Archivio sesreto in Rom freien Zutritt erlangt hatte, dort zugleich mit der Bittschrift der Inden in Polen, wo zur Zeit jene Blntbeschuldignngcn grassirte», anfgefnndcn habe." * Berlin, 21. Februar. An Stelle des verstorbenen Herrn Dr. Ludwig Philippson ist dessen ältester Sohn, Herr Professor D r. Martin Philippson in Brüssel, vom Ausschüsse des Gemeindebundes zum Kurator der Philippson-Stiftung ernannt worden. Neben ihm fnngiren als Kuratoren die Herren Alexander Wcrthancr in Leipzig und Nathan L e n b s d o r s f in Köln. * Berlin, 23. Februar. Der Verein der „Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthnms" feiert am 26. d. Mts. sein zweites Stiftungsfest, über welches wir in der nächsten Nummer berichten werden. Berlin, 21. Februar. Alle Kultnsbeamte der hiesigen Synagogengemeinde, die Schächter mit einbegriffen, wurden gestern, wie eine hiesige Korrespondenz meldet, soweit sie nicht preußische Staatsbürger oder Angehörige des deutschen Reiches sind, vom Gemeindcvorstand entlassen, nachdem das Ministerin»! des Innern ihnen ans Grund der einschlägigen Gesetze in Uebereinstiinnng mit dem königl. Polizeipräsidiiiin das Exequatur entzogen hat. Viele Familien, die hier schon seit Jahrzehnten wohnen, verlieren dadurch ihre Existenz. Der Anstoß dazu ging natürlich von dem bekannten Prozesse ans, in welchem der Gemeindevorstand unlängst wegen Anstellnug eines ausländischen Kantors vernrtheilt worden war. Berlin. Hiesige konservative Blätter bringen folgende Noliz: „Kürzlich kam eine Anfrage ans unserem Leserkreise, ob es aktive jüdische Offiziere gäbe. Wir glaubten dies verneinen zn müssen, da in dem preußischen Heere diese Elemente noch keinen Einlaß gefunden haben. Dagegen theilt man uns ans Bayern mit, daß der Lieutenant Wilhelm Friedmann im 13. nnd der Premier-Lieutenant Hollerbaum im 10. Infanterie- Regiment nicht allein jüdischer Abstannnnng, sondern auch mosaischer Religion sind. Unser Gewährsmann hat beide Offiziere im Jahre 1886 selbst gekannt nnd erfahren, daß dieselben sich wenigstens damals, als aktive Offiziere, noch znm Glauben ihrer Väter bekannten. Dem bayerischen Heere gehörten Beide, der Rangliste zufolge, noch heute an. Reserveoffiziere mosaischen Glaubens enthält das bayerische Heer mehr als das preußische. Doch sind uns in letzterem auch ein halb Dutzend bekannt, darunter zwei Kanflcnte in Breslau und ein Rechtsanwalt in Kottbns." * Berlin, 23. Februar. Zn gleicher Zeit mit dem unter Jspahan citirten nnd an das Central-Comits der Alliance israelite gerichteten Schreiben erhält die „Anglo Jew. Association“ in London durch Herrn Pineh as Hannka in Salmas, einem der beiden persischen Inden, welche bei der vorjährigen Reise des Schah von Persien durch Europa in Pest von demselben in Audienz empfangen wurden, die Nachricht, daß in Kermanshah am vergangenen Jom Kippur 2uO Inden ermordet wurden, die Mörder aber straflos ansgegangen seien. * Berlin. An den 266 preußischen Gymnasien hatten, wie eine Znsammenstcllnng im Centralblatt der Unterrichts- Verwaltung ergiebt, sich zur Ablegung der Reife-Prüfung, einschließlich der Extraneer, 1251 Schüler gemeldet. Das Reifczcngniß haben 3702 erhalten. Von den für reif erklärten studirten Theologie, nnd zwar evangelische 616, katholische 326 nnd jüdische 12. Zur Zeit befinden sich auf den drei jüdischen Hochschule» in Berlin etwa 100 Hörer, von denen bereits mehr als die Hälfte deutscher Nationalität ist. Dem-