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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-28 · Heft 7 (28.2.1890) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 7 (28.2.1890)
Date
1890-02-28
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 imü das in der Kabinctsordre niedergclcgte Programm „allen Schülern, denen in der Volksschule nicht minder, als denen in den höheren Lehranstalten, zu Gute koninien wird", so haben wir vom liberalen, wie vom allgemein deutschen und menschlichen Standpunkt gewiß vollen Grund, diese erfreuliche Wendung mit herzlicher Befriedignng zu begrüßen." — Wir wünschen und hoffen, daß so beherzigenswerthe Worte eine gute Ställe finden mögen. Mögen besonders die Leiter und Lehrer unserer zahlreichen jüdischen Lehranstalten in Deutschland sich zu Trägern und eifrigen Vorkämpfern des kaiserlichen Programms machen. Wenn auch seit zwei Menschenaltern durch uiisern Rabbiner- und Lehrerstand ein Geist gesunder Reform zieht, der sich nicht zum allerwenigsten in Schule und Unterricht ausprägt, so bleibt doch immerhin noch viel ans diesem Gebiete zu arbeite». Darum wollen wir, als Juden wie als Deutsche, dem Rufe des Kaisers folgend unsere Schuldigkeit thun. ß Berlin, 20. Februar. An Stelle des plötzlich erkrankten HerrDr. Raphael Löwenfeld hielt am18.d. M. der Privat- Dozent für Geschichte an der hiesigen Universität, Herr Dr. Samuel Löwenfeld, den dritten Vortrag zu Gunsten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthnms. Den Gegenstand seiner Rede bildete: „Die Zeit der Entstehung des Pap stthums". In formvollendetem und fesselndem Vortrag lenkte der Redner den Blick auf das römische Jndenviertel und die in ihm erstandene starke Gemeinde von jener Zeit an, als noch der „Anti-Semit" Cicero von den Inden ansgezischt und der Jndenfrenud Caesar von ihnen gefeiert wurde, bis hin zur Zeit Nero's, in welcher von der auf 60,000 Seelen angewachseuen jüdischen Bevölkerung die kleine Sekte der Judenchristen sich abzweigte. Der traurige soziale Zustand des römischen Staates, besonders die Sklavenwirthschaft, hatte allmälig dahin geführt, daß dem Eindringen neuer Ideen ein Widerstand nicht mehr entgegengesetzt werden konnte, und daß die Inden durch ihre reinere Lehre einen mächtigen Einfluß auf geistigem und besonders religiösem Gebiete übten. Die Zerstörung Jerusalems führte einerseits neue Schaaren ans Palästina nach Rom, hob andererseits den gemeinsamen Boden der Nationalität, auf dem Juden und Judenchristen sich bisher eins gefühlt hatten, auf und ließ das zur Mission geeignetere Christenthum dem Jndenthnin den Rang ablanfen. Nun wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Macht und der Einfluß der römischen Christengemeinde und ihres Oberhauptes, des Bischofs von Nom, und es wurde der Grund zu jener Herrschaft der katholischen Kirche gelegt, welche Jahrhunderte lang in allen Kulturländern anerkannt worden ist. ß Berlin, den 25. Februar. „Was haben die Inden in Afrika zu suchen?" so lautete das Thema des interessanten Vortrages, den Dr. Gustav Karpeles am 24. Februar zu Gunsten des Stipendicnfonds der Hochschule im Saale der „Gesellschaft der Freunde" hielt, und in welchem er seine zahlreichen Hörer durch Sage und Geschichte der Spur der verlorenen zehn Stämme nachführtc. Den Psalmendichtcrn und beit späteren Propheten waren die Stätten, in denen die Exulanten weilten, noch bekannt; auch im Talmud finden sich noch Andeutungen, welche eine solche Kcnntniß voraussetzen lassen. Doch im Laufe der Jahrhunderte schwindet die Spur mehr und mehr. Allerdings tauchen an manchen Stellen in den verschiedenste» Weltthcileu jüdische Stämme mit theilweise jüdischen Herrschern auf, so die Chasaren am Kaspischen Meer, die Beni Israel in Afghanistan und in Arabien; doch über sie Alle ist die Forschung zu einem bestimmten Ergebniß nicht gelangt. Vergeblich wurde die Spur der zehn Stämme weiter gesucht, und kein Land der civilisirtcn Welt giebt cs, welches die Sage nicht mit den Nachkommen der Verschollenen bevölkert hat. Erst unserem Jahrhundert ist es gelungen, die Völkerschaft anfznfinden, welche die größte Wahrscheinlichkeit bietet, der Rest jenes „Reiches Israel" z» sei», welches Salmanassar zerstört hat. Es sind die Fala sch as inAbessynien, deren Kenntniß seit etwa drei Jahrzehnten sowohl durch christliche Missionare, als besonders durch den Delegirten der LUiaoce israelite, Halevh, nach Europa gedrungen ist. Die Falaschas, etwa eine viertel Million Seelen stark, bekennen sich seit uralter Zeit zum jüdischen Glauben; ihre Herrscher, welche vom 9. bis zum 12. Jahrhundert die Kriegsherren Abcssynicns waren, leiten ihren Staininbaum von Salomo und der Königin von Saba ab, zu deren Zeit sie von Palästina in ihre jetzigen Wohnsitze eingewandert sein wollen. Die biblischen Gebote halten sic streng, selbst den Opferdieiist; der Talmud und seine Vorschriften sind ihnen unbekannt. Palästina gilt ihnen als Land ihres Ursprungs, wie der Verheißung. Nachdem im 12. Jahrhundert ihre Dynastie gestürzt war, zogen sie sich in die Berge zurück, wo sie bis in dieses Jahrhundert hinein ihre eigenen Herrscher hatten. Auf Andrängen der Missionäre wollte der Negus Theodor in den sechziger Jahren das Christeuthum bei ihnen zwangsweise verbreiten, welchem Ansinnen sie jedoch todesmuthigeu Widerstand entgegensetzten. Als durch die Missionsthätigkeit dieKnnde verbreitet war, der Messias sei bereits gekommen, da schrieben die Aeltesten an den Oberrabincr von Jerusalem einen rührenden Brief, worin sie nach der Wahrheit des Gerüchtes forschten. Sie schilderten ihre Anhänglichkeit an die Religion der Väter, das Elend, in dem sie lebten, und wie sie voll Erwartung der Befreiung harrten. Sie baten, ihnen zu helfen „um der Treue willen, die sie dem Jndenthnin bewahrt hätten". Und um dieser Treue willen, so schloß der Redner unter lebhaftem Beifall seine Ausführungen, sei es Pflicht der europäischen Jndcnheit, sich der verlassenen afrikanischen Brüder, die »ach Kultur und Wissen dürsteten, helfend anznnehmcn. Berlin, 20. Februar. Am 19. er. beging der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr im großen Festsaal des Louisenstädtische» Konzerthauses fein VII. Stiftungsfest durch eine» Kommers. Eine große Anzahl von Ehrcn-Gästen, unter ihnen die Vertreter der wissenschaftlichen Vereine an der hiesigen Universität, waren erschienen, ein reicher Damenflor zierte das Fest durch seine Gegenwart.

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