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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-28 · Heft 7 (28.2.1890) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 7 (28.2.1890)
Date
1890-02-28
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 unter den Aeltesten, die ein Sühnopfer darzubringen hätten, all Jene, welche es ruhig mit angesehen und eben deshalb es mit verschuldet haben, daß unter der deutschen Jugend im Allgemeinen und unter der studirenden insbesondere eine solche Verrohung eingetreten, eine solch schreckliche Verwirrung der Ideen und Begriffe und eine solch maßlose Verwilderung der Gefühle und Empfindungen Platz gegriffen. Ich frage hier vor Gottes heiligem Angesicht, ob sie nicht Alle, welche das Gift des Rassenhasses in das jugendliche Herz unserer Gymnasiasten schon geträufelt, ob sie nicht Alle ihren Antheil haben an dem hier vergossenen Blut, ob sie nicht die Verführer dessen waren, welcher diesem nun Entseelten ein als Beschimpfung geltendes Wort ins Gesicht geschleudert, das, nach den nun einmal herrschenden Begriffen nur mit Blut allein wett gemacht werden konnte. Haben Jene, welche seit länger denn einem Jahrzehnt den Feuerbrand in Wort und Schrift genährt und geschürt, haben sie es in Wirklichkeit nicht im Voraus gesehen, daß dieses, die Barbarei des Mittelalters in Schatten stellende Treiben zum Vergleßen unschuldigen Blutes führen wird und führen muß? Oder wird es vielleicht Jemand wagen, die Thatsache in Abrede zu stellen, daß hier unschuldiges Blut vergossen wurde? Kann denn ein Deutscher, der mit dem Wort Ehre kein frevelhaftes Spiel treibt, der die eigene Mannesehre als etwas Heiliges und Unantastbares hoch hält, kann ein Deutscher auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß einem Deutschen, weil er zufällig der Abstammung und dem Glauben nach ein Jude ist, die eigene persönliche und die Ehre seiner Stammes- und Glaubensgenossen weniger hoch und heilig gilt? Netn, und tausendmal nein, wer von der Ehre seines unbescholtenen Nebenmenschen niedrig denkt, der kann unmöglich die eigene Ehre im rechten und wahren Lichte schauen, ebenso wenig wie Derjenige im Besitze der wahren und echten Freiheit sein kann, welcher die Freiheit eines Anderen mißachtet und schnöde mit Füßen tritt." Mit einem wannen Appell an die versammelte Tranergemelnde schloß der Redner folgendermaßen: „Darum richte ich nicht blos an Euch, Ihr Freunde und Kollegen des Entschlafenen, sondern an Euch Alle, Ihr Studtrenden der llniversität Freibnrg, die Ihr hier versaunnelt seid, mein Wort. Besinnet Euch auf Euch selber,' bringet es Euch heute zum klaren Bewußtsein, daß der Schild der deutschen Studentenehre unmöglich blank bleiben kann, wenn das Duell zum Meuchelmorde ausartetbesinnet Euch auf Euch selber, strecket an dieser Bahre hier in Wirklichkeit Eure Waffen und reichet Euch im Geiste die Bruderhand! O, daß sie doch durch Deinen traurigen Fall aufgerüttelt, an allen deutschen Universitäten dies endlich thäten, dann wärest Du wenigstens nicht umsonst so früh, in Deinem 26. Lebensjahre, gefallen. Nun, früher oder später werden sic es thun, werden sie es thun müssen - dann wird aus Deiner Gruft der Geist der Versöhnung emporsteigen, um die einst feindlichen Brüder noch näher an einander zu bringen, dann wirst auch Du das Deine dazu beigetragen haben, den Frieden anzubahnen, welchen endlich herbeizuführen jcber Deutsche als heilige Pflicht, als nationale Ehrensache betrachten muß. So zieh' denn hin zum Orte des ewigen Friedens, zu dem Orte, wo es für Rassenhaß und politische Parteileidenschaften keinen Raum giebt. Mögest Du vor Gottes Richterthron als lichter Engel erscheinen, um Trost zu erflehen für die klaffende Herzenswunde Deiner armen Mutter, für Deine gebeugten Brüder und Schwestern, für Alle, die um Dich trauern. Mögest Du aber auch Erleuchtung erflehen für die in Finsterniß Wandelnden, damit sie endlich in sich gehen und Umkehr machen,' dann wird ihre Blutschuld versöhnt, dann wird Dein unschuldig vergossenes Blut gesühnt sein." * In demselben Verlage wie die „Mendelsohn-Bibliothek" (H. Engel in Berlin) erscheint auch eine Sammlung von „Gemeinverständlichen Schriften zur Kenntniß des JndenthnmZ", als deren erste: „Goethe als Bibelkritiker", von Elias Karpeles, dem kürzlich verstorbenen Rabbiner in Margarethen-Wien, ausgegeben wurde. Der Preis jedes Heftes beträgt 50 Pf. Wir empfehlen auch diese Sammlung auf das Wärmste. Korrespondenzen Deutschland. * Berlin, 23. Februar. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: „Als die kaiserliche Kabinetsordre in Betreff des Kadettennnterrichts bekannt wurde, sprachen wir die Hoffnung ans, daß die darin niedergelegteii gesnndeii Reformidecn auch auf das gesammte Unterrichtswesen heilsam zurückwirken mögen. Daß diese Erwartung in »laßgebendcn Kreisen getheilt wird, beweist ein Artikel der „Nordd. Allg. Ztg.", worin erklärt wird, es könne keinem Zweifel unterliege», daß jenes kaiserliche Programm auch auf den bürgerlichen Unterricht seine Wirkungen ausüben wird; die von einsichtiger Seite geforderte höhere Berücksichtigung der Erziehung gegenüber der lediglich Kenntnisse vermittelnden Thätigkeit des Unterrichts werde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das kaiserliche Programm forderte bekanntlich in erster Reihe die Vereinfachung des Unterrichts durch „Ausscheidung jeder entbehrlichen Einzelheit, insbesondere durch gründliche Sichtung des Meinorirstoffes." und Nachrichten. Zur Durchführung des Programms wünscht der Kaiser im Religionsunterricht die Hervorhebung der ethischen Seite, die »eben Gottesfurcht und Gläubigkeit vor Allem Duldung gegen Andere erfordert. Im Geschichtsunterricht sollen die Anforderungen an das Gedächtniß herabgesetzt, dagegen das Verständniß für die Gegenwart und insbesondere für die Stellung unseres Vaterlandes in derselben vorbereitet werden. Das Deiltsche soll Mittelpunkt des gesammten Unterrichts werden, im fremdsprachigen Unterricht ist vorwiegend das praktische Bedürfniß ins Auge zu fassen. — Hier sind in der That die Grundznge einer Reform des gesammten Unterrichtswesens niedergelegt, wie sie seit Jahren in immer weiteren Kreisen erstrebt wird, bisher aber immer an veralteten pädagogischen und theologischen Anschauungen, au der Engherzigkeit des herrschenden Büreankratismns scheiterte. Wenn »nn der Kaiser selbst sich an die Spitze der Reformarbeit stellen will, wen» uns offiziös verkündet wird,

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