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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-28 · Heft 7 (28.2.1890) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 7 (28.2.1890)
Date
1890-02-28
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 geradezu ein Verhängniß und führt zuletzt zum Ruin des Mannes und zur Auflösung aller Familieubaude. Leider sind derartige Fälle, wie die Erfahrung lehrt, auch in den unbemittelten jüdischen Volksklassen zahlreich genug, und sicherlich würde so manches Familienglück, das wir in diesen Kreisen scheitern sehen, vor dem Untergang bewahrt bleiben, wenn die Hausfrau eine treue Gehilfin des Mannes zu sein gelernt hätte und, sei cs durch ei» gutes Beispiel im Elteruhause oder in der Schule des Dienstbotenthums, für ein geordnetes häusliches Leben erzogen Iväre. Hierzu hat aber das unbemittelte jüdische Mädchen im elterlichen Haushalt selten genug Gelegenheit, denn einestheils fehlt der Mutter die Fähigkeit zu der erforderlichen Anleitung, anderntheils ist sie, wenn sie den Lebensunterhalt der Familie, zumal außer dem Hause, mit verdienen soll, oder wenn sie krank und leidend ist, nicht im Stande dazu. Um so dringender ist es nöthig, das weibliche jüdische Dienstbotenthnm zu heben, ja man könnte beinahe eher sagen, ein solches zu schaffen. Mit Freuden muß daher die Gründung eines Instituts begrüßt werden, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesem Mangel allmälig abznhelfeu und unter dem Namen „Jüdisches Mädchen-Stift" die hauswirthschaftliche Ausbildniig unbemittelter jüdischer Mädchen bezweckt. Den Vorstand desselben bilden: Frau Julie Neumann, Vorsitzende; der Schreiber dieser Zeile» als Vorsitzender; Fräulein Fr. Lüpschütz, stellv. Vorsitzende; Frau Gch.-Näthin Metzer Cohn; Rudolf Demnth; Dr. I. Ginsberg; Emil Jsaacsohu, Schatzmeister; Frau Alexander-Katz; Frau Bendix Lcwtz; Fra» Alfred Löwenberg; Frau Geh.-Räthin PH. Manheim er; Frau Eduard Mende; Frau Ferdinand Metzer; Frau Rudolf Masse; Frau Hermine R a t h e n a n; Frau Dr. U n g erleider; Redakteur I. Wiener. Nach einem von dem Vorstand soeben versandten Cirknlar soll das „Jüdische Mädchen-Stift" zunächst und hauptsächlich seine Thätigkeit dahin entwickeln, daß die in dasselbe unentgeltlich anfgenommenen Mädchen unter der Anleitung einer tüchtigen Hansmniter und unter der Aufsicht von Vorstandsdamen in den wichtigsten Zweigen der Hanswirthschaft, im Kochen, Nähen, Ausbessern, Waschen, Plätten, Aufräumen n. s. w., praktisch unterwiese» und für einen bürgerlichen Haushalt vorgebildet werden. In Verbindung damit wird die Einrichtung eines billigen Kosttisches für junge Mädchen beabsichtigt. Das „Jüdische Mädchen-Stift" soll seine Wirksamkeit bereits zu Ostern d. I., und zwar zunächst mit 5 bis 6 Zöglingen beginnen, für welche eine erfahrene und zuverlässige Hausmutter in Aussicht genommen und eine geeignete Wohnung, Oranienburger Straße 73, gemiethet ist. Bisher sind demselben ca. 10,000 Mk. au einmaligen Zuwendungen und ca. 600 Mk. an jährlichen Beitrügen bewilligt worden; weitere j 23eitviigc nimmt jedes der genannten Vorstandsmitglieder; sowie auch die Redaktion dieses Blattes gern entgegen?) j Wir wünschen, daß die junge Schöpfung die ihr zweifellos ' gebührende Thcilnahme in den weitesten Kreisen finden und i lebenskräftig und segensreich sich entwickeln möge. Litterarische Mittheilungen. j! Berlin, 24. Februar. Vor uns liegt die in der Korrespondenz j aus Freibnrg bereits erwähnte „G r a b r e d e auf den i nr; ® 11 c II gefallenen cand. med. EdnardSalo m o n, gehalten v o n D r. Adolf Schwarz, Stad tu n d K o n f e r e n z r a b b i n e r i n Karl s r u h e." (Karlsruhe 1890.) Wir haben diese Predigt mit wahrer Rührung und inniger Erhebung gelesen. Sie ist ein vortrefflichem; Produkt moderner jüdischer Kanzelberedtsamkeit. Bei der; Bedeutung, welche der Fall hat, wird es unsere Leser sicher! interessiren, die Auffassung kennen zu lernen, nach der Redner! das Duell und seine Folgen beurtheilt. Der Eingang seiner ^Grabrede lautet: i „Geehrte Trauerversammlung! Im alten Israel gab j es ein Gesetz, nach welchem die Aeltesten einer jeden j Stadt, in deren Gebiete oder in deren Nähe ein! von unbekannter Hand Erschlagener aufgefnnden wurde,! ein ganz eigenartiges Opfer darbringen, über diesem Opfer ihre; Hände waschen und dabei das Bekenntnitz ablegen mutzten i Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen j haben es nicht gesehen. Wir, meine Freude, stehen hier an der! Bahre eines nicht von unbekannter Hand Erschlagenen, wir j stehen hier an der Bahre eines jungen Mannes, an dem es . leider buchstäblich zur Wahrheit geworden das Wort der Schrift, z wie wir es gestern in Israels Gotteshäusern verlesen gehört.! „datz Jemand an seinem Nächsten frevelt, um ihn mit List zu ermorden"- der Richter kennt Denjenigen, welcher zur Rechen schaft gezogen werden muß, und doch will es mir bedünken, daß wenn irgendwo so in diesem durch seine Ursachen und durch seine Folgen doppelt und dreifach traurigen Falle den Aeltesten die Pflicht erwächst, sich ernstlich zu fragen, ob sie über dem Opfer, das hier eingesargt vor uns ruht, lhre Hände in Unschuld waschen, ob sie mit reinem und ruhigem Gewissen sagen können, unsere Hände haben dieses Blut nicht vergoflen und unsere Augen haben es nicht gesehen, ttub von welchen Aeltesten ich rede, fraget Ihr? Nun, ich rede nicht vorn Senat der hiesigen Universität, deren akademischer Bürger der entseelt vor uns Liegende gewesen, nicht von dem Prosessorenkolleginm, welches dem barbarischen Unfug des Duellwesens zu steuern außer Stande ist; ich rede auch nicht von den Aeltesten, von den Vertretern der Stadt Freiburg, denen weder das Recht zusteht, noch die Pflicht obliegt, der studirenden Jugend den rechten und richtigen Begriff echter Mannesehre beiznbringen; nein, ich meine und verstehe unter den Aeltesten all Jene, welche als die Wächter und Hüter der gesellschaftlichen Ordnung sich betrachten, ich meine und verstehe *) Es braucht wohl erst nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß nur gern zur Annahme von Beiträgen für diesen wahrhaft humanen Zweck bereit sind. D. Red.

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