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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-28 · Heft 7 (28.2.1890) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 7 (28.2.1890)
Date
1890-02-28
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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SS Wir gebeuten an nuferm heiligsten Festtage der Feier dieses Tages, wie sie in alter Zeit zu Jerusalem, als der Tempel »och stand, vom Hohenpriester begangen ward, in geziemender Pietät. Da scheint uns: „Glücklich das Auge, das all' das geschaut", „de» Palast, in dein der Ewige gewohnt", „des Priesteis hehre Gestalt, seine Opfer und die heilige Volks-Versammlung!" Ja, sagen wir, Heil solchem Auge, wenn es das alles mit inniger Frömmigkeit geschaut. Aber nicht minder Heil uns! „Ehedem war es das Eine Heiligthnm, worin Deine Frommen sich zusammenfanden zu Deinem Dienste- und heute sind es zahllose Stätten der Andacht, zerstreut über das ganze Erdenrnnd, in denen Deine Getreuen sich sammeln znm Bekenntniß, zur Anbetung. Wenn ehedem der beseligende Klang des Snhnewortes, den der Hohepriester aussprach am Tage der Weihe - des Wortes: „„Vor dem Ewigen seid ihr rein"" — in der Schaar der Gläubigen das Gefühl erweckte, ihr sei vergeben: so spricht heute die Gottesstimme im Innern des Menschen, ob er durch wahre und aufrichtige Büßfertigkeit die Sühne des allwissende» Richters verdient habe, ob nicht. Jene, unsre Ahne», waren Kinder; uns hat zweitansendjähriges Schicksal zu Männern erstarkt." (Berliner Gebetbuch II. S. 316) Und nun bin ich am Schluß, den ich nicht schreibe, de» Ihr, meine Leser, Bekenner der jüdischen Religion, mache» und lebe» sollt. Viel höre ich reden vom jüdischen Herzen Das ist doch hoffentlich kein Märchen? Nein! Es ist weich und doch stark. Und woher stammt es? Ans der Bedrängnis; Israels seit Jahrtansenden. Und heute? sind wir »och bedrängt, oder sind wir es nicht mehr? Ich weiß es nicht, »ud brauche es nicht zu wissen; denn es kümmert mich nicht. So oder so — bewahrt Euch, was Euch eine thränenreiche Vergangenheit gegeben hat: das indische Herz, und laßt es weder schwach noch hart werden, und vertauscht es nicht im Rausch des Wohlleben?. Gedenket der Vergangenheit, der Wohlthaten, die Euch Gott in liebevoller Zucht erwiesen hat, und achtet wohl, wozu uns Gott erziehen wollte — zu wahrhaft frommer Sittlichkeit. Das Herz ist ein Organ, und Ihr wißt, wenn ei» Organ gesund bleiben soll, so muß es in Thätigkeit bleibe». So lialtet auch Euer jüdisches Herz in Uebnug: in Enthaltsamkeit, in Keuschheit, in Liebe und Aufopferung, in Demnth. Es ist nicht blos Barmherzigkeit und Mildthätigkeit; es zeigt sich im lebendigen Interesse an allem Edlen im praktischen Leben wie in der Kunst und Wissenschaft. Und nun immer noch kein Schluß. — Wir sind heute: werden wir morgen noch sein? Das wissen wir nicht; aber wir hoffen, daß unsere Kinder und nach ihnen auch unsere Enkel sein werden. Meint Ihr, das jüdische Herz vererbe sich? Wie wir selbst es n»s durch Uebnug erhalten, so überträgt es sich auf unsere Kinder nur, wenn wir sie über jüdisches Herz belehren und dasselbe in ihnen pflegen und sie dasselbe üben lassen, und wenn wir darüber wache», daß sie es nicht von sich werfen, sondern als ihr Leben schätzen lernen. Die Ecziehnug hat die Aufgabe, im Kinde die Entwickelung aller früheren Geschlechter in abgekürzter und verdichteter Form sich erneuern zu lassen. Der gediegene Inhalt, den die Väter in tausendjährigem Drangsal errungen haben, soll den Kindern in Liebe und Leichtigkeit dargeboten werden, daß sie denselben in Freuden genießen und in Freiheit fortentwickeln, vermehren und befruchten mögen. So schließe ich: das jüdische Herz fjir immer! Die hausiv irthsch aftliche Au-Mldnng unbemittelter jüdischer Mädchen. Bon Direktor Dr. A. Strelitz. Wen» wir neuerdings das Interesse des Staates mehr als je zuvor den Verhältnissen der unbemittelten Volksklassen zngewendet, auf die Abhilfe oder doch Abmindernng der sozialen Le'den und Schäden derselben gerichtet sehen, so muß diese edle Aufgabe, welche sich die Staatsleitinig stellt, das Herz jedes Menschen und Vaterlandsfrenndes mit freudiger Genugthnuug erfüllen. Aber nur im Zusammenhang mit der werkthätigeu Nächstenliebe kann, wie auch in den »enlichen kaiserlichen Erlassen bedeutungsvoll hervorgehoben ist, der Staat jener Aufgabe genüge», und die privaten Humanitären Bestrebunge» müssen gerade in der von dem deutschen Kaiser ihnen zngewiesenen sozialen Bedeutung eine Anregung finden zu erhöhter Entfaltung ihrer segensreichen Wirksamkeit. Daß nun in den Kreisen unserer Glaubensgenossen, und besonders in der Berliner jüdischen Gemeinde, die ebensowohl religiöse wie soziale Pflicht des Wohlthmis mit Hochherzigkeit geübt und den zahlreichen wohlthätigen Zwecken dienenden Vereinen und Veranstaltungen eine im Allgemeinen erfreuliche Theilnahme bewiese» wird, soll nicht geleugnet werden. Aber hier und da bleibt doch noch eine empfindliche Lücke, wo gemeinnütziges Streben einznsetzen hat, und als eine solche muß es bezeichnet werden, daß für das Wohl der weiblichen ans der Schule entlassenen Jugend n. s. w., besonders für die wirthschaftliche Ausbildung armer jüdischer Mädchen bisher noch so gut wie gar nichts geschehen ist. Die soziale Bedeutung der hanswirthschaftlichen Ausbildung der weiblichen Jugend, früher nicht nach Gebühr gewürdigt, liegt doch sichtlich genug zu Tage und hat ». A. tu jüngster Zeit in Folge der verdienstlichen Anregung der hochseligen Kaiserin Angusta den deutschen Verein für Armenpflege und Wohlthütigkeit wiederholt veranlaßt, sich mit diesem Gegenstand zu beschäftigen (auf der Jahresversammlung in Karlsruhe am 26. September 1888 und in Berlin am 23. Februar 1889). Die wirthschaftliche Untüchtigkeit der Hausfrau mag in den bemittelten Klassen bei der Möglichkeit, diesen Mangel durch bezahlte Hilfe zu ergänzen, in der Regel nicht so schwer schädigend wirken. Aber für die Familien der sogenannten kleine» Leute ist eine schlechte Hansfran oft

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