Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 7 (28.2.1890)
- Date
- 1890-02-28
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 die Allgüte in einem großen Abschnitte der Geschichte, nnd so vorzugsweise in der Gesammtgeschichte unseres Volkes zu erweisen. Ja wohl, i» dem, was uns betroffen von Anfang in der Urzeit bis heute, muß in höherem Grade als in de» Schicksalen irgend eines anderen Volkes die Vorsehung des allgütigcu Gottes klar werde». Muß cs nicht so? Denn keinem Volke ward so früh gepredigt, welche Bestimmung es habe, welche Absicht Gott mit ihm hege — keine andere Bestimninng als die, Gott zn erkennen und den rechten Gottesdienst zu pflegen, und diese Lehre der Menschheit initzntheilen. Und die Geschichte dieses Volkes sollte nicht den Plan Gottes durch alle Geschicke hindurch klar hervortreten lassen? Wie lautet also das Motto der Geschichte der Inden? Ich habe einmal gelesen, dasselbe laute — ich schaudere, indem ich es niederschreiben soll — cs laute: „Gedenke dessen was dir Amalck gethan"! Ich schaudere, aber ich will darüber schweigen. Das Motto unserer Geschichte kann »nr laute», wie es im ö. Buche Mose 8, 2 gegeben ist: „Gedenke des ganzen Weges, den dich der Ewige, dein Gott, diese Jahrtausende geführt hat, »in dich zu demüthigeu, dich zu prüfen, daß kund würde, was in deinem Herzen ist"; und dem jüdischen Geschichtschreiber der Juden, wenn er oft genug in Thränen gebadet das Leid Israels darstellt, muß ich es dringend ans Herz legen, den 103. Psalm zu beten: „Lobe, meine Seele, de» Ewigen und vergiß nicht alle seine Wohlthaten u. s. m." Wer in anderem Sinne schreibt, bekundet heidnische Gesinnung, verkennt die mosaische Lehre, treibt Gotteslästerung. Kommt und laßt uns sehe», zuerst mit mechanisch historischem Blick. Ist nicht Alles in Jsrael-Jnda's Geschichte ganz natürlich zugegangen? Da lag der kleine Staat, nach der Besitznahme Palästinas kaum organisirt und bedrängt von zwar ebenso kleinen, aber älteren, schon besser und monarchisch geordneten Nachbar-Staaten, Moab, Ammon, Edom, de» Philister» und von räuberischen Wüsten-Horden. Israel wußte sich ihrer kümmerlich zu erwehren. Das war die Nichter-Zeit. Dann kamen zwei kräftige Könige — der zweite, David, noch viel kräftiger als der erste, Saul. Diese beiden bändigten den Uebermuth der zügellose» Nachbarn, indem sie die bisher zersplitterten Kräfte Israel-Judas znsalnnieiifaßten, und David stellte eine recht achtbare Mittel - Beacht dar. Ja, eine recht beneidete Mittel-Macht, und mit Eifersucht überwacht von den beiden Groß-Staate», Aegypten süd-westlich, Mesopotamien östlich. Diese hatten aber beide damals keine großen Herrscher mtb mußten David walte» lassen. Sie und Phönizien suchten Jsrael-Jnda's Freundschaft. Herrlich ging Davids Saat auf Unter seinem Sohne Salomo, der sich mit einer Fürsten-Tochter ans dem ägyptischen Königs- Hause vermählte. Aber die Verhältnisse änderten sich. Salomo war mehr ans Glanz bedacht, als ans Macht; das Volk ward unzufrieden. In Aegypten aber kam eine neue kräftige Dynastie auf den Thron, welche eifersüchtig ans Jsrael-Jnda, den Verbündeten der gestürzten Dynastie, blickte. Da spaltete sich Jsrael-Jnda, und es ward dem Aegypter leicht, Jerusalem z» erobern und zu plündern. Das geschah schon unter Salomo's Sohn Rehabeam. Doch Aegypten gelangte nicht wieder zu seiner alten Pracht! dagegen erhob sich Assyrien und verschlang das nördliche Israel, und als es sank, erhob sich Babylon und führte nun auch Inda ins Exil. Cyrns fand es politisch vorthcilhaft, Juda wieder herznstelleii. Nun traten zwei neu, Groß-Müchte ans, der griechisch-syrische und der römische Staat Die militärische Kraft des erstereil sank immer mehr, da gelang es Judäa unter den Makkabäer», sich wieder frei z» machen unterlag aber bald der rücksichtslosen militärischen und ver waltenden Macht Noms. Wie? Alles natürlich und gar kein Wunder! Einfach darum, weil sich jedes Wunder naturgemäß begiebt, nnd jedenatürliche Ereigniß ein Wunder ist. Und so scheint mir, das; in dieser Geschichte Jsrael-Jnda's der Plan Gottes deutlich genug ausgeprägt ist. Alles, woran sich der jüdisch - religiös, Geist anklammert, und worauf er mit stolzem Selbstbewußtst:»! hinweist, wenn er seine Berechtigung zum Dasein erweise;: soll, ist dem Volke unter Trauer und Thränen abgeprcßi. In der Bedränguiß durch die kriegerischen Philister, als selbs das eigentlichste Heiligthnm, die Lade Gottes, in die Hand de Heiden gefallen war — ei» Unglück, das der Zerstörung de: Tempels völlig gleich kam! — da erstand Sainnel als erste: der von ihm ab nicht unterbrochenen Reihe der Propheten und bethätigte sich als Richter ld. h. als oberster Leiter de: Staates), als Hoherpriester und Lehrer des Volkes, als Organisator der Propheten-Vereine, den schon Jeremia nn: der 99. Psalm neben Mose stellt. Der Druck der Assyrer he: uns den hohen Jesaja gegeben, der stärkere Druck des Babrloniers den innigen Jeremia und die Trostreden des zweiten Jesaja, und so viel Kummer und Bedränguiß vieler Jahr Hunderte haben uns die Psalmen gegeben. Für diese Wunder danken wir Gott. Hub diese Wunder reichen ans für alle Zette». Aber niä: so verstehen wir sie, wie ein kindlicher Verstand sie deutete, als hätte Gott in der Zeit der Noth die Netter gesteh!: sondern das schwere Leid rüttelte das Volk ans ans sein,: Erschlaffung, und die besten Männer desselben wurden durch das Elend, das sie um sich her erblickten, zur tiefer» Erfassung des Wesens der Gottheit geweckt und zu kräftig,: Pflichterfüllung durch Wort und That begeistert. Auch dc: zweite Tempel ward verbrannt, Jerusalem verwüstet, Ink,: über den Erdball zerstreut. Das war traurig, und wie viel Trauer hat sich daran in den folgenden Jahrhunderten geknüpft! Ist dadurch etwa Gottes Plan verdunkelt? Wäre möglich gewesen, daß ein kleines Juda in jenem Erdenwinkc!, fern von allen Kultur-Völkern, seine Mission hätte erfülltu können? Wer eine Sendung übernommen hat, muß wandern. Juda ist viel und weit gewandert und hat ans seinen Wanderungen viel erfahren und auch von den Völkern, unter den,:! es nmherging, viel gelernt, indem es lehrte.