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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
Seite 94 (sequence 14)
Language
German
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94 Zwar sah sic noch hier und da Freunde bei sich — aber der; Glanz des Hauses war erloschen. Interessant ist die Bemerkung in ihrem italienischen Reisetagebuch nach dem Besuch bei der alten, häßlichen und kranken Signora Marianna Dionigi, wo sie jeden Abend eine Gesellschaft jüngerer und älterer Herren fand: „Das ist etwas, waS wir in Berlin und überhaupt in Deutschland nicht kennen! Mit Essen und Wein können wir es allenfalls erzwingen, mit Verstand und einer Oellampe wie hier wahrhaftig nicht!" Und nun schmähe noch einer die materiellen Genüsse der modernen Berliner Gesellschaft im Gegensatz zu den ästhetisch durchsichtigen Butterbroden und dem dünnen Thee der Salons des alten Berlin! Ich habe schon eben gesagt, daß Frau Herz noch immer schön war. Das hat einer ihrer Pensionäre nur zu tief empfunden. Er hieß damals Louis Baruch, später Ludwig Börne, und er wollte Rattengift nehmen, nachdem er die Gewißheit erlangt hatte, daß Frau Herz ihm keine Gegenliebe schenke. Die Briefe Börne's an Henriette Herz sind die interessantesten Aktenstücke dieses seltsamen Liebesprozesses. Und doch hatte der geniale Prinz Louis Ferdinand Recht, als er Henriette Herz der Frau v. Staöl mit den Worten vorstellte: „Sehen Sie diese Frau an, sie ist nie so geliebt worden, wie sie verdient hätte!" Diese Worte fielen aber nicht mehr im Salon der Herz, sonder» in dem der Herzogin Dorothea v. Kurland, in dem aber die schöne Hofräthin Herz den Hauptanziehungspunkt bildete. Dort sahen sie Schiller und Zacharias Werner und waren von der fast fünfzigjährigen Frau entzückt. Nicht minder begeistert war der baierische .Kronprinz (Ludwig I.), als er ihr ein Jahr später in Rom begegnete. Aber von der Begeisterung kann man nicht leben. Und so mußte die schöne Frau die thenre, elegante Bel-Etage ihrer früheren Wohnung mit einem mehr als bescheidenen Stübchen in der zweiten Etage desselben Hauses vertauschen. Zu derselben Zeit wurde ihr durch Delbrück der ehrenvolle Auftrag, die Erziehung der Prinzessin Charlotte, der ältesten Tochter Friedrich Wilhelms HI., zu übernehmen. Aus Gründen kindlicher Pietät — es wurde der Glaubenswechsel als erste Bedingung gestellt — lehnte sie diesen Antrag ab. Die kriegerische Zeit, welche nun folgte, brachte neue häusliche Sorgen mit sich. Die Wittwenkasse zahlte die Pension, die Gläubiger die Zinsen nicht, der Kreis der Verehrer war in alle Winde zerstreut. In dieser Lage wendete sie sich an den ältesten Freund ihres Salons, an Wilhelm v. Humboldt. Und dieser bewährte sich auch als Freund und Helfer in der Noth. Die Rückkehr ruhiger Tage brachte auch wieder die regelmäßigen Bezüge, und so konnte die Frau Hofräthin wieder ihren Freuden und Freunden in angenehmer Muße leben. Henriette war damals 55 Jahre alt, aber noch so schön, daß sie an einem Tage vier namhaften Künstlern sitzen mußte, die ihre herrlichen Züge im Bilde festhalten wollten. Erst der Abend ihres schönen Lebens brachte ihr wieder schwere Sorgen. So geheim sie auch diese hielt, sie kamen 1845 dennoch zu Ohren Alexander v. Humboldts, des treuen Freundes, der sofort die Hilfe des Königs in Anspruch nahm. Friedrich Wilhelm IV., der ja schon als Knabe im Herz'schen Hause war, erinnerte sich mit inniger Theilnahme der schönen und edlen Frau und bewilligte sofort eine Subvention von 500 Louisdors mit den Worten: „Für eine Frau» welche, solang ihre Kräfte es erlaubten, so thätig für das allgemeine Beste mitgewirkt hat, muß ich mehr thun, als Sie von mir begehren. Für sie muß ich thun, was in meinen Kräften steht!" Und darauf verfügte der König hochherzig aus seiner Privatschatulle eine jährliche Pension von 500 Thalern für Frau Herz. Nur zwei Jahre sollte sie diese Pension genießen. Am 22. Oktober 1847 starb Henriette Herz im 83. Lebensjahre. Kurz vorher hatte sie noch die hohe Ehre, Preußens König in ihrer bescheidenen Sommerwohnung im Thiergarten begrüßen zu dürfen. Die liebenswürdige Unterhaltung mit der Greisin verlieh der ihr erwiesenen werkthätigen Theilnahme eine hohe, wahrhaft königliche Weihe. Und auf derselben Stelle, wo ein König gestanden, hatte nicht lauge vorher ein armes Dienstmädchen vom Lande gestanden, welches vermuthlich von der liebevollen Fürsorge gehört hatte, mit der Henriette Herz armen jungen Mädchen, die sich zu Erzieherinnen ausgebildet hatten, nach beendeter Ansbildnrig entsprechende Stellen zu verschaffen suchte. In der Meinung, daß sie ihre hilfreiche Wirksamkeit auch auf die Geringsten erstrecke, redete das Dienstmädchen die edle Greisin mit den Worten an: „Wohnt hier die Hofräthin Herz, die die Mädchens vermiethet?" In der That, die Anekdote ist charakteristisch für den Umfang des Kreises, in welchem Henriette Herz stets förderlich, auf wie verschiedenen Wegen immer, sich bewegte. Ich kann mit ihr diese Skizze schließen, die Ihnen ja eigentlich nur die Geschichte des ersten Berliner Salons erzählen sollte, und in der ich nun das Leben der Herrin dieses Salons bis zu seinem Ausgang geschildert habe. Aber Leben und Salon der Herz sind ja gleich interessant für unsere Zeit, und so hoffe ich auf Indemnität für diese kleine Grenzüberschreitung. Eine Frau, die es verstanden hat, so viele Männer von Geist und Rang in ihren Bannkreis zu ziehen, findet das Interesse jedes gebildeten Menschen. Henriette Herz hat noch mehr gethan. In ihrem Salon waren drei große litterarische Richtungen vertreten: die klassische, die romantische und schließlich durch Börne die jnngdeutsche. So ist sie nicht nur für die Berliner Gesellschaft, sondern auch für die deutsche Litteratur von Bedeutung. Wer eröffnet uns, verehrte Freundin, heute wieder einen solchen Salon, in dem Gesellschaft und Litteratur zu neuer Blüthe gelangen, in dem aber vielleicht auch etwas für die Neubelebung des Judenthums geschehen könnte? Denn das Judenthum allein war nicht in dem Salon der Herz vertreten. Im Gegentheil! Sowohl sie wie alle ihre gebildeten jüdischen Freundinnen hatten nichts Eiligeres zu thun, als dieses Judenthum abzuschütteln oder

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