Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1890)
- Date
- 1890-02-21
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
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95 mindestens sorgsam zu verbergen. Noch nach Jahren spottete Börne über die Berliner Salonjüdinnen mit den großen Rassennäsen und den mächtigen goldenen Kreuzen am Halse, die sich in die Dreifaltigkeitskirche zu den Predigten Schleiermachers drängten. Aber freilich, wir müssen gerecht sein! Jene Frauen kannten das Judenthum nicht, oder doch nur in seiner Knechtsgestalt. Hätten sie es in seiner hohen ethischen Bedeutung und in der Fülle seiner poetischen und philosophischen Gedanken erkannt, so hätten sie es bei ihrer großen geistigen Begabung und freien Gesinnung gewiß nicht verlassen. Henriette Herz, die mit großer Pietät an den Traditionen ihrer Familie hing, am allerwenigsten. Aber wer, so frage ich noch einmal, eröffnet uns die Pforten eines neuen Salons, von dem die große Idee der Humanität, der gesellschaftlichen Verbrüderung zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen, zugleich aber durch die der Werthschätznng des Judenthums, ihren Auszug hielte? Vermischtes. Liszt und Sulzer. Frau Gabriele Frankl-Joel, die bekannte Pianistin, erzählt im „Wiener Fremdeublatt" über die Beziehungen des großen Musikers zu dem großen Sänger: „Es war vor etwa 14 Jahren, als in einem Konzerte im großen Musikvereinssaale zur Zeit der Anwesenheit Franz Liszt's in Wien „Die Allmacht" von Schnbeit in der Lisztichen Bearbeitung für Männerchor mit Orchesterbcgleitung aufgeführt wurde. Ich hatte einen Tag später Gelegenheit, mit dem Meister allein zu sein und sprach ihm in begeisterten Worten von dem mächtigen Eindruck, den das herrliche Tongemäldc ans mich gemacht und, daß ich jedes Mal, wenn ich „Die Allmacht" von einer einzelnen Stimme im Original singen gehört, es wie ein Ahnen empfunden, daß dieses ergreifende Lied in gewaltigerer Form, in unendlicher Verstärkung ertönen müßte, nm so zu wirken, wie ich glaubte, daß Schubert sich's gedacht, und —■ wie es [mir, einer erfüllten Verheißung gleich, in Liszt's Bearbeitung erschienen. Liszt hörte mir mit sichtbarem Wohlgefallen zu und sagte dann: „Da Ihnen das Tonstück so viel Freude macht, wird es Sie auch interessiren, wie cs entstanden ist; ich will cs Ihnen erzählen: „Auch ich hatte vormals die Ucberzeugung, daß die „Allmacht" eine unlösbare Aufgabe für eine Siugstimme sei, bis ich sie einmal von einem Sänger hörte, der ihr gewachsen war: cs war der Kantor Snlzcr! Ich hörte ihn das Lied singen, und während er sang, da fühlte ich, wie der Flug deS Künstlers ans gleicher Höhe stand mit dem Wollen des Tondichters; da breitete sich die ganze Fülle begeisterter Andacht, die in dieser Schöpfung liegt, erhaben und wie losgelöst von jeder Begrenzung der physischen Mittel, vor mir aus, und wie ein Machtgebot stieg der Gedanke in meiner Seele ans: Nur vom großen Chor gesungen kann die „Allmacht" so klingen, tute sie aus dieser Sängerbrust hcrvorgegangen! Ich habe die Bearbeitung unternommen unter dem noch warmen Eindrücke von Snlzers Leistung, um seine mir unvergeßliche Wiedergabe für die Nachwelt sestznhalten." — Kurze Zeit nachher erzählte ich dem alten Sulzer Liszt's Ausspruch. Er hatte keine Ahnung davon gehabt, wie tief seine Künstlerschaft dem großen Meister in die Seele geschrieben war, und seine Freude war so groß, daß seine Stimme bebte, als er mich bei beiden Händen nahm und die innige Bitte aussprach: Ich möge ihm das eben Mitgetheilte aufschreiben und in Briefform zusenden. Diesen Wunsch erfüllte ich freudig dem guten alten Herrn, und die vorstehenden Zeilen sind die Kopie, welche ich damals zurückbehielt." Ueber die Wirkung, welche Snlzers Gesang zum ersten Male im Wiener Tempel auf Liszt ausübte, schreibt dieser in seinem Buche: „De bohemiens et de leur musique en hongrie“ in hochpoetischer Weise Folgendes: „Er ließ sich vernehmen als habe er die Finsterniß Aegyptens mitgemacht und den lästerlichen Pharao von den Fluchen verschlingen gesehen — als ob die den Feinden unsichtbaren Feuerwolken, welche sein Volk geleiteten, seinem entzückten Inge noch leuchteten; als wäre er noch Zeuge gewesen, wie der klaffende Schlund die Aufrührer Korah, Datan und Abiram verschlang; als hätte er in Zion Freudenakkorde auf den Psaltern und Harfen erklingen gehört, als hätte er die Töne, welche David dem Instrumente entlockt, vernommen, als hätte er Hiram gekannt, Ophir und Sidon besucht, die Königin von Saba den legendenumwobenen Thron Salonions hinanschreiten sehen, als hätte er den Gesang der Gefangenen zur Zeit Ezechiels an den Ufern des Euphrat vernomuicn und die Worte des Nehemias und die Befehle Esras, als der Tempel aus seinen Trümmern sich erhob." Ueber die Langlebigkeit der jüdischen Bevölkerung wurden von verschiedenen Aerzten interessante Daten gesammelt. So ist z. B. im Königreich Preußen bei Kindern unter einem Jahre für Christen die Sterblichkeit 23 Proz., bei Judeit nur 15 Proz., vom 1. bis 5. Jahre beträgt die Sterblichkeit der christlichen Kinder 36, diejenige der jüdischen Kinder nur 25 Proz. Aehnliche Verhältnisse werden auch in den späteren Lebensaltern beobachtet und zwar auch bei solchen Juden, die in Roth und Entbehrung um das tägliche Brot kämpfen müssen. Jüdische Fürstinnen. Bekanntlich wurde in jüngster Zeit eine geborene Jüdin durch Heirath auf den Fürstenthron von Monaco erhoben. Schon einmal im Laufe unseres Jahrhunderts ist zu Athen eine Jüdin zu so hoher Würde gelangt und zwar die Herzogin von Piacenza, Gemahlin des damaligen Konsuls Napoleon Bonaparte. Die Herzogin war in der griechischen Hauptstadt wegen ihrer blendenden Schönheit berühmt. Sie hatte eine große Anzahl Häuser bauen lassen, wodurch sie einst in einen Prozeß mit ihrem Baumeister verwickelt wurde. Als sie zu einem Eide anfgefordert wurde, erklärte sie vor Gericht, sie sei Jüdin, weshalb ihr gestattet werden möge, den Eid nach jüdischem Ritus zu leisten. Der Peutelikon war ihr Lieblingsanfenthalt. Dort errichtete sie dem einzigen und unsichtbaren Gotte auch einen Altar. Einst entbot sic die Inden von Athen und