Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1890)
- Date
- 1890-02-21
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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93 Musik war durch Reichardt vertrete«, die Kunst durch Schadvw. Die Schönheit der Frau zog vor Allem die Jugend an. Ich habe die beiden Humboldts schon genannt, von denen Alexander seinem Freund Wagener im Mai 1789 über Henriette Herz schrieb: „Es ist die schönste und auch die klügste, nein! ich mutz sagen, die weiseste unter den Frauen." De» Humboldts schlossen sich an: Graf Christian Bernstorff, Friedrich von Gentz, Graf Alexander von Dohna, I. von Brinkmann und Andere. Von fremden Gästen werden insbesondere Mirabeau, Jean Paul, Frau von Staöl genannt. Damit ist aber die Liste keineswegs erschöpft. Ich habe nur die sogenannten Stammgäste genannt. Nicht vergessen darf unter diesen ein junger Kandidat der Theologie werden, der damals allerdings noch wenig von sich reden machte und nur flüchtig einkehrte. Sein Name war Schleiermacher. Erst sieben Jahre später, 1796 — er war inzwischen Hilfsprediger in Landsberg a. W. gewesen — trat dieser junge Prediger wieder in den Salon Herz ein, dessen Hauptstütze er fortan wurde. Schleiermacher wohnte zur Zeit in der Charite, wo er als Prediger angestellt war. Die Umgegend dieses Krankenhauses war damals noch wüst und ungepflastert. Dennoch kam er fast jeden Abend zu Herzens. Der Weg wurde noch beschwerlicher und unheimlicher, als Schleiermacher während eines Umbaus in der Charite eine Wohnung auf der damaligen Oranienburger Chaussee — jetzt Chausseestraße — bezog, wo zu der Zeit überhaupt noch wenige Häuser standen. In ihrer Besorgniß um den Freund, der gleichwohl jeden Abend auch im Winter antrat, verehrte ihm Frau Henriette eine kleine Laterne, die er in ein Knopfloch seines geistlichen Rockes einhaken konnte, und so ausgerüstet ging dann der kleine Mann von und zu Herzens. Viele Karikaturen wurden damals von boshaften Menschen — auch das Berlin des vorigen Jahrhunderts hatte solche! — auf Schleiermacher, seine Laterne und die schöne Jüdin Henriette Herz gemacht; einige haben sich noch erhalten. WaS zog nun eben Schleiermacher zur Herz, der er bis zum Tode ein treuer Freund blieb? Man kann das nur verstehen, wenn man seine eigenen Bekenntnisse liest, vor Allem dieses: „Eigentlich giebt es doch keinen größeren Gegenstand des Wirkens als das Gemüth, ja überhaupt keinen andern. Wirken Sie etwa da nicht? O, Sie Fruchtbare, Sie Vielwirkende, eine wahre Ceres sind Sie für die innere Natur." Ob dieser Erkenntniß nicht die Liebe voraufgegangen war — wer vermöchte das zu entscheiden? „Wenn ich die Herz hätte heirathen können, ich glaube, das hätte eine kapitale Ehe werden müssen!" erklärt er einmal. Aber schon bald darauf: „Ihre kolossale, königliche Figur ist so sehr das Gegentheil der meinigen, daß, wenn ich mir vorstellte, wir wären Beide frei und liebten einander und heiratheten einander, ich immer von dieser Seite etwas Abgeschmacktes und Lächerliches darin finden würde." Etwas Gefährliches fanden aber doch seine kirchlichen Obern in diesem Umgang — und es ist nicht unwahrscheinlich, daß Schleiermacher deshalb 1802 nach Stolpe in Pommern versetzt wurde. Nun wurde Henriette Herz die Vertraute seiner Liebesleiden. Schleiermacher hatte eine unglückliche Leidenschaft für verheirathete Frauen. Er fand sich darin mit einem jungen Manne zusammen, der ihm 1797 im Salon Herz als Herr Friedrich v. Schlegel vorgestellt wurde. Sehr bald wurden die Beiden enge Freunde, die zusammen wohnten und arbeiteten. Ja, Schlegel wird sogar gelegentlich eifersüchtig auf die Herz, daß sie ihm die Freundschaft Schleiermachers verkürze. Was nun folgt, ist mehr als bekannt. Ich verzichte darauf, in dieser Skizze Ihnen ein litterarhistorisches Kolleg zu lesen. Aber so viel darf doch gesagt werden, daß von dem Salon Herz im Grunde genommen derHauptzug der deutschen Romantik ausgegangen ist. Dort wurden die Ansichten und Bestrebungen entwickelt, aus denen der Kanon der Romantik, die „Lucinde", hervorgegangen ist. Seltsam nimmt sich diesen Ansichten gegenüber die Tendenz des „Tugendbunds" aus, den die jungen Adligen mit jungen Frauen begründeten, und in dem Wilhelm v. Humboldt und Henriette Herz die führende Rolle spielten: eine Art geheimen Ordens, der sich an „Küssen, uns Pfänderspielen, Tänzen, Geschenken von Schattenrissen und Ringen, Tugend- und Freundschaftsversicherungen" erfreute. Ob auch begnügte? Ich sehe ein Lächeln auf Ihren Lippen schweben. Aber ich wage dasselbe nicht zu bannen. Denn wenn ich an die Beziehungen Wilhelm v. Humboldts zu Henriette Herz denke, die sich Briefe in hebräischen Lettern (Henriette hatte ihn diese Schrift gelehrt) oder in Chiffernschrift schrieben, wenn ich mir dann die schöne Anarchie der Lucinde ins Gedächtniß zurückrufe, diese Hymnen des Müßiggangs, der Frechheit und der ungezügelten Lust, so kann ich wohl an die reinsten Vorsätze und Absichten glauben, nicht aber daran, daß derartige Vorsätze und Absichten in diesen Kreisen, aus denen die „Lucinde" hervorgegangen, stets maßgebend gewesen sind . . . Man denke sich nur einen Friedrich von Gentz als Ordensbruder des „Tugendbunds" und einen Verkehr mit „schönen Jüdinnen", welcher vor deren Männern geheim gehalten wurde. Das Beispiel der Henriette Herz wirkte aber anfeuernd im guten wie im bösen Sinne auf ihre Freundinnen und Glaubensgenossinnen. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte Berlin eine ganze Anzahl von Salons, in denen Adel, Schriftsteller und gebildete Juden in freundschaftlicher Weise miteinander verkehrten. Das Verdienst der Anregung gebührt aber unstreitig Henriette Herz, deren Salon bis zum Tode ihres Mannes, 1803, also fünfzehn Jahre lang, der Mittelpunkt der Berliner Gesellschaft war. Dieser Todesfall brachte natürlich eine emfiudliche Wandlung in ihren Verhältnissen hervor. Herz hatte den größten Thetl seiner reichen Einkünfte darauf verwendet, ein Haus zu machen. Beider Leben und Wirken fußte auf der Geselligkeit. Damit war es nun vorbei. Die noch immer schöne Hofräthin mußte sich mit einerkleinen Wittwenpension begnügen und Pensionäre annehmen.