Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227832--46854-3268341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

92 dclsohnS. Seine Gattin, gleichfalls die Tochter eines jüdischen Arztes de Lemos, ist die schönste Frau Berlins, Henriette Herz. Kann man sich da noch wundern, daß auf solchen Vorbedingungen wohl ein Salon begründet werden durfte? Marcus Herz war mit der gesammten Berliner Intelligenz innig befreundet. Er war der Erste, der Philosophie und Naturwissenschaften zugleich und vereint betrieb. Er hielt philosophische Kollegia und Vorlesungen über Experimentalphysik, die beide sehr besucht waren. Diesen Vorträgen wohnten selbst die jüngeren Brüder des Königs Friedrich Wilhelm III. bei, und auch den damals fünfjährigen Kronprinzen (Friedrich Wilhelm IV.) brachte dessen Erzieher Delbrück wiederholt mit, um ihn einige interessante Experimente sehen zu lassen. Henriette Herz erinnerte sich noch im Alter, daß sie damals selbst für den kleinen Prinzen einige neue Experimente mit Phosphor angestellt hatte. Diese Vorlesungen bildeten den Grundstock des späteren Salons. Eines Tages erschien nämlich der Erzieher der beiden Humboldts, Staatsrath Kunth, bei Marcus Herz, um diesen wegen Anlage eines Blitzableiters zu Rathe zu ziehen, welcher — damals eine unerhörte Neuerung — am Schlosse zu Tegel angebracht werden sollte. Kurz darauf führte er Herzens auch seine beiden Zöglinge zu. Man kann also sagen, daß ein Blitzableiter den Berliner Salon begründet hat. Und in der That war das Salonleben auch ein Blitzableiter für die vielen geistigen Kräfte, die im Berliner Salonleben nun rege wurden und nach Bethätigung rangen. Bis dahin war von einem geselligen Leben der Intelligenz kaum die Rede gewesen. Allerdings gab es schon damals viele gelehrte und geistreiche Menschen in Berlin; eine Vereinigung derselben schien aber auf unüberwindliche Hindernisse zu stoßen. Ein literarischer Monatsklub brachte es nur auf zehn Mitglieder! Nur der alte Friedrich Nicolai sah in seinem Hause in der Brüderstraße hier und da Gäste bei sich, auch fremde Gelehrte. Später bildete er mit dem Justizrath Klein, dem General-Chirurgus Goerke und dem Hofrath Herz ein Kränzchen, welches für die Entwickelung der höheren Geselligkeit nicht ohne Bedeutung war. Ein eigentliches Haus machte aber bis gegen Ende der achtziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts Keiner in Berlin. Man zog es vor, prächtige Gastmähler und rauschende Feste zu geben — und zwar jeder Stand für sich. Der Mittelstand war noch wenig nach geselliger Richtung entwickelt, dem Adel fehlte ein Mittelpunkt, da unter Friedrich d. Gr. sowohl wie unter seinem königlichen Nachfolger ein eigentliches Hofleben nicht vorhanden war. Alexander v. Humboldt datierte nicht mit Unrecht seine ersten Briefe an Henriette Herz aus „Schloß Langeweile". Das geistige Interesse führte schließlich zur Bildung von Lesegesellschaften. Eine solche wurde im Jahre 1785 begründet, und unter ihren Mitgliedern waren Ramler, Engel, Moritz, Teller, Zöllner, Dohm, Klein und Herz. Natürlich auch die Frauen und natürlich auch die beiden jungen Humboldts. Die Versammlungen fanden stets bei dem Kastellan des königliche'! Schlosses, Hofrath Bauer, statt — und zwar im Winter im Schlosse selbst, im Sommer in einem Garten, welchen Bauer vor dem Königsthor besaß. Man las größere und kleinere Aufsätze, lyrische und epische Dichtungen, Dramen u. s. >v. Nach dem frugalen Abendessen wurde im Winter getanzt — und eines Abends lehrte Alexander von Humboldt die jungen Damen die damals funkelnagelneue Llsnuet ä la Reine; im Sommer wurden Gesellschaftsspiele im Freien vorgezogen. Später ward ein Theekränzchen begründet, an dem schon viele Mitglieder der adeligen Gesellschaft Berlins theilnahmen, und gegen Ende des Jahrhunderts die große Feßler'sche Lesegesellschaft im „Englischen Hause". Aus allen diesen Elementen entwickelte sich die Berliner Gesellschaft. Ihr Vorbild war natürlich der französische Salon des Rococo. Die Vermittelung zwischen diesem und der eingeborenen Bildung übernahmen aber die Juden. Sie hatten ja keine Tradition nach dieser Richtung hin. Begierig lauschten sie den neuen Offenbarungen von Weimar, und frei und ungehindert konnten sie sich die Helden wählen, die ihnen die Wege zum Olymp zeigen sollten. Aus der Mischung der Berliner Ironie mit dem französischen Esprit und dem jüdischen Witz ist der Konversationston entstanden, der für den Berliner Salon fünfzig Jahre laug maßgebend blieb, und dem Berlin so ziemlich Alles, was es in dieser Zeit in Geselligkeit und schöner Litteratur geleistet, zu verdanken hat. Um einen Salon zu bilden, braucht man keine großen Reichthümer, nicht einmal geräumige Appartements. Man muß nur ein gewisses Quantum von Geist und ein sehi großes Quantum von Liebenswürdigkeit besitzen. Ueber beii» Eigenschaften verfügte das Herz'sche Ehepaar in reichem Maße, Marcus Herz war sehr geistreich und Henriette Herz nicht um die schönste, sondern auch eine der liebenswürdigsten Franc« Berlins. So ist es begreiflich, daß in ihrem Hause sich bet erste Berliner Salon aufthat. Wenn wir Henriette Herz richtig beurtheilen wollen, müsse« wir uns von der Ueberschwänglichkeit ihres Biographen Fürst, ebenso wie von der Bosheit ihres Freundes Varnhagen v. Eust feruhalten. Der Eine erhebt ihre Klugheit in den Himmel, der Andere erniedrigt sie geradewegs zu einer unbedeutende« Person. Beides scheint gleich falsch. Sie war weder st geistreich wie ihre Freundin Rahel, noch so gebildet wi( Karoline Schilling; aber sie war von seltener Klarheit der Geistes und sie verstand eS, eine wohlige, behagliche Atmosphä» um sich herum zu verbreiten. Das ist mehr als Geist uni Witz. Neben ihrer Schönheit war ihre Liebenswürdigkeit d« Hauptstütze ihres Salons, in dem sich alle Elemente dn damaligen Berliner Gesellschaft friedlich vereinigten. Da waren zunächst die Vertreter der alten Litteratur, d« Nicolai, Ramler, Engel, Moritz, Dohm, welche den Stau»! des Salons bildeten. Ihnen schlossen sich merkwürdiger Weist die Theologen zunächst an: Spalding, Teller, Zöllner. D«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.