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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
Seite 91 (sequence 11)
Language
German
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91 den sechsspännigen Leichenwagen gestellt. Odessa hat noch nie ein solches Leichenbegängniß gesehen; der Menschenandrang war noch bedentender als beim Begräbniß des seligen Rabbiners Dr. Schwabacher. Am Friedhofe angelangt, hielt sein vieljähriger Freund Dr. Finkelstein eine Rede in russischer Sprache worin er den Verewigten als Mensch, Arzt und Bürger schilderte. Dr. Gelmann gab dem Verluste Ausdruck, den die Stadt und die Gemeinde in dem Verewigten erlitten. Tags darauf fand in der „Gesellschaft der Aerzte" eine feierliche Sitzung zu Ehren des Verstorbenen statt, in welcher Herr Dr. Schaposchnikow die Gedächtnißrede hielt. Aus der Eharakterschilderung, weiche er von dem Dahingeschiedenen gab, erwähnen wir, daß Dreh seit der Gründung der Gesellschaft kein einziges Mal in 40jähriger Mitgliedschaft die Sitzung verfehlte. Man fragte ihn vor wenigen Jahren, wie er bei seinem hohen Alter und bei seiner überaus großen Beschäftigung noch Zeit finde, die Versammlungen der Aerzte so pünktlich zu besuchen. „Ich komme, um zu lernen," gab der Greis zur Antwort- „wenn Jeder von uns nur einen Kern seines Wissens mitbringt, so kann daraus etwas Großes und Nützliches für die Menschheit werden." — Hierauf beantragte Dr. Schaposchnikow, als Zeichen der Trauer die Sitzung aufzuheben und das Bild des Verewigten im Sitzungssaale aufznstellen, welche Anträge einstimmig angenommen wurden. Die Bilder des Verstorbenen werden außerdem noch im jüdischen Hospital, in den Kohan'schen Stiftungen und im „Trud" ausgestellt werden. Die hiesige Presse, ohne Unterschied der Farbe, den antisemitischen „Neuruss. Telegraphen" nicht ausgenommen, brachte ehrende Nekrologe. Welche Liebe und Achtung der Verklärte hier und in der Umgebung genoß, beweist die Thatsache, daß viele seiner Patienten aus Terespol, Bender und anderen Ortschaften zum Begräbniß hierher kamen. Wie wir hören, hat der Heimgegangene eine bedeutende Summe für hiesige wohlthätige Anstalten vermacht; seine Instrumente und reichhaltige Bibliothek schenkte er dem israelitischen Hospitale. Das Andenken des Frommen wird stets bei uns fortleben. L. T. Warschau, im Februar. Der Professor der Mathematik am hiesigen Gymnasium, Dr. Karl Herz, ein Jude, ist zum russischen Staatsrath ernannt worden. Rumänien. Bukarest, 2. Februar. Zum ehrenden Gedächtniß der drei großen Tobten, Dr. Nathan Adler, Dr. Ludwig Philippson und Salomon Sulzer, hat am 28. Januar ein feierlicher Gottesdienst im hiesigen Tempel stattgefnnden. Amerika. New-Uork, 30. Januar. Eine Anzahl hervorragender Israeliten, welche sich den Schutz ihrer eingewanderten Glaubensgenossen angelegen sein läßt, gründete vorige Woche die „ölonteüors and Lady Judith Hebrew Association of the City and County of New-York“, nachdem folgende Beschlüsse gefaßt worden waren: „Die Zukunft des jüdischen Einwanderers verdient die ernste Erwägung jedes Israeliten Wir sind deshalb zusammengekommen, um die Wohlfahrt Derer zu fördern, welche wegen ihrer Religion in anderen Ländern verfolgt wurden und hier Zuflucht suchten. Die Interessen der jüdischen Einwanderer sollten gefördert werden: 1. durch den Schutz, welchen man ihnen bei ihrer Ankunft angedeihen läßt; 2. durch Erziehung, indem man sie mit der Sprache, der Geschichte, den Gesetzen und den Gebräuchen des Landes vertraut macht; 3. durch Verbesserung ihrer materiellen Lage, indem man ihnen ein Handwerk beibringt; 4. durch Beaufsichtigung ihrer Wohnstätten, indem man dort ans Reinlichkeit und Ordnung sieht; 5. durch Verhinderung von Bildung sogenannter Judengassen, welche gegenwärtig in der unteren Stadt charakteristisch sind und welche die ganze jüdische Gemeinde der Mißachtung aussetzt." Ieuikketon. Der erste berliner Salon. Bon Gustav Karpeles. Sie haben, verehrte Freundin, zu richtiger Zeit Ihren Salon eröffnet, um bald ein kleines Jubilänmsfest feiern zu können. Da man bekanntlich die Feste so feiern muß, wie sic fallen, wird es allerdings schwer sein, den Tag dieses Jubiläums zu bestimmen. Man kann doch nicht sagen: Von heute an habe ich einen Salon! Ebenso wenig kann man genau die Jeit bestimmen, wann der erste wirkliche Salon in Berlin eröffnet wurde. Wohl aber kann man nach der markantesten Erscheinung, nach der wichtigsten Lebensäußerung einer Gesellschaft, ziemlich getreu ihre Chronologie bestimmen. Für mich ist der Eintritt der Brüder Humboldt in das Haus der Hofräthin Henriette Herz (1790) ein so bedeutsames und für die Entwickelung der Berliner Gesellschaft so charakteristisches Moment, daß ich daran geradezu die Entstehung des Berliner Salons knüpfe. Sie haben nun schon errathen, daß ich das Haus der Henriette Herz für den ersten Berliner Salon halte und auch, daß ich davon Ihnen heute eine Art Jubiläumsskizze entwerfen will. Mit Ihrer gewohnten Liebenswürdigkeit werden Sie mir erlauben, daß ich Ihnen die Pforten dieses ersten Salons, Neue Friedrichs- und Königsstraßen-Ecke, erschließe. Da wohnt einer der beschäftigtsten Aerzte Berlins, der Hofrath Marcus Herz, ein Schüler Kants, ein Freund Men- 6*

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