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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 Pest. Der Generaldirektor der hiesigen Straßenbahn, Herr Heinrich Jellinek, ist, in Anerkennung seiner Verdienste um das Verkehrswesen, von dem König durch Verleihung des ungarischen Adels ausgezeichnet worden. Frankreich. * Paris, 16. Februar. Ueber das Duell zwischen dem Marquis de Mores und dem Abgeordneten Camille Dreyfus haben wir bereits vorige Woche kurz berichtet. Die Ursache des Duells war ein Artikel von Dreyfus gegen die antisemitischen Kavaliere. Ueber den Marquis de Mores bringt nun das „Petit Journal" die folgende charakteristische Schilderung: Er zählt kaum 32 Jahre: seine bisherige Existenz war sehr bewegt. Ein Sohn des Herzogs von Vallombrosa in Italien und einer Französin, Fräulein v. Kars, wohnt er seit Langem in Paris. Der Marquis Mores trat in die Offiziersschule St. Ehr und wurde Unterlieutcnant bei den Kürassieren. Nach Beendigung seiner Dienstpflicht reiste er nach New-Aork, machte daselbst die Bekanntschaft der Tochter des reichen Finanziers Hofmann und heirathete dieselbe. Er rief sodann große Unternehmungen ins Leben, ließ sich von seinem Schwiegervater immense Grundstücke cediren, die er urbar machte und betrieb. Seine Unternehmung prosperirte Anfangs, obwohl nicht ohne Schwierigkeiten, da die Cowboys, welche eifersüchtig wurden auf seine Konkurrenz, ihn in häufige Kämpfe verwickelten. Zum Schluffe blieb er Herr des Platzes und schuf ein großes Fleisch-Transportgeschäst, welches nach New-Aork lieferte. Dies führte aber seinen Ruin herbei. Die Mehrzahl der Fleischhauer in New-Iork behauptet das „Petit Journal" sind Juden, und sie verbanden sich gegen den Marquis, machten ihm Prozesse und zwangen ihn endlich, den Flcischhandel aufzugeben. Soll man, fragt das Blatt, in den Streitigkeiten mit den jüdischen Fleischhauern Ncw-Zjorks den Ursprung des Hasses des Marquis gegen die Juden erblicken? Vielleicht; jedenfalls ist er das eifrigste Mitglied der Antiseiniten-Liga. Nachdem seine Unter- 'nehmuug ruinirt war, ging der Marquis nach Tonking, wo er unter Zustimmung des General-Residenten Richand eine Eisenbahn gründen wollte, aber Richauds Nachfolger, der gegenwärtige Minister Constans, bekämpfte dieses Projekt, und Mores mußte cs aufgeben. In jener Epoche begann der Kampf zwischen dem unternehmenden Edelmanne und den: Minister Constans. Während der letzte» Wahlen machte Marquis Mores, nach Paris zurückgekehrt, für den Boulangisien Susini starke Wahlpropaganda und in Toulouse gegen den Minister Constans. Dann verließ er die politische Agitation, um die antisemitische Campagne zu betreiben. Was Camille Dreyfus betrifft, so war er früher Beamter im Finanzministerium, verließ jedoch diesen Posten, um erst in den Gemeinderath und daun als Abgeordneter in die Kammer zu treten, wo er seit Jahren einen der radikalsten, von kleinen Gewerbsleutcn und Arbeitern bewohnten Bezirk von Paris vertritt. Dreyfus ist zugleich Chefredakteur des radikalen Blattes „Nation", ein guter Redner, der jedoch selten die Tribüne betritt. Er ist von mittlerer Statur, zur Korpulenz veranlagt, hat einen kahlen Kopf und schwarzen Schnurrbart. Dreyfus hat wiederholt Duelle bestanden. Er ist als guter Fechter und guter Pistolenschütze bekannt. Italien. Rom, im Februar. Der jüdischen General Ottolenghi soll demnächst zum Generaladjntanten des Königs von Italic» an Stelle des verstorbenen Generals Pasi ernannt werden. Rußland. Odessa, 18./30. Januar. Durch das vorgestern erfolgte plötzliche Ableben des allgemein beliebten Dr. Jonathan Drei! hat unsere Stadt und vor Allem unsere jüdische Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. Geboren im Jahre 1814 in Baiern, kam der Verewigte am Anfänge der vierziger Jahre nach Odessa, wo er bis zu seinem Tode die ärztliche Praxis ausiibte. Er leitete mehrere Jahrzehnte das jüdische Hospital als Arzt und Chirurg, in welcher Eigenschaft der Heimgegangene besonders den armen Kranken nicht nur seine ärztliche, sondern auch seine materielle Unterstützung zu Theil werden ließ. - Bon Natur religiös, hing er mit allen Fasern seines Lebens dem Jndcuthum an. Er war Mitbegründer und erster Vize- Präsident der Handwerkerschule „Trnd", Gründer und Ehrenmitglied der hiesigen „Gesellschaft der Aerztc" lim Jahre 1849), Verwaltungsrath der Kohau'schen Stiftungen, Ehrenmitglied des israelitischen Commis-Vereins, des „Trnd" und anderer wohlthätigen Anstalten. Als Arzt genoß er den Ruf eines Mannes von Wissen, und sein Name war weit über das Weichbild unserer Stadt bekannt; dabei war er bescheiden, einfach und stets bereit, Jedem, der sich an ihm, wendete, mit Rath und That zu helfen. Leider blieben dem trefflichen Alaune am Abend seines Lebens harte Schicksalsschläge nicht erspart. Unglück in der Familie, das ihn vielfach traf, nagte an seinem Herzen und beschleunigte sein Ende. Als Mensch wie als Arzt genoß der Heimgegangene in allen Schichten der Gesellschaft, ohne Unterschied der Nationalität, die größte Hochachtung. Dies zeigte sich in hohem Maße bei der Bestattung, tvelche heute um 1 Uhr Mittag stattfand. Eine unübersehbare Menge von Menschen füllte die Straßen, die zum Trauerhausc führen; Tausende und aber Tausende kamen, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Fast sämmtliche Aerzte der Stadt, jüdische sowohl wie christliche, die Vertreter aller wohlthätigen Anstalten, der Bürgermeister, die Stadtverwaltung, viele Stadtverordnete und Professoren der Universität waren erschienen. Kränze kamen von der „Gesellschaft der Aerzte", dem „jüdischen Hospital", den „Kohau'schen Stiftungen", dem „Trnd", der „jüdischen Gemeinde", dem „israelitischen Commis-Verein" und noch vielen anderen Instituten. Der Sarg wurde von Aerzte» getragen und erst an der neuen Synagoge in der Ekaterininstraße auf

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