Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 5 (14.2.1890)
- Date
- 1890-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Häuser ihm nachsagt: der Baruch ist gar kein übler Mensch, nur schade daß er Jude ist. Wa» Du von mir kennst, sind nur einige Fehler, die ich Dir gar nicht abstreiten mag. ich habe auch noch Fehler^ von denen Du nichts weißt. Aber kennst Du auch daS Gute was in mir ist? Nein und woher auch solltest Du Gelegenheit genommen haben diese« -u erforschen? Den auSgebildeten Mann im bürgerlichen Leben, den kann mau wohl beurtheilr», seine Häudlungen sprechen für. ihn und für seinen Werth. Aber nicht so einen jungen Menschen der noch Lehrling ist. WaS sollen denn daS für Thaten scyn, die meine Würdigkeit oder Unwürdigkeit auSzufprechen vermögen? Was habe ich zu thün, wa» zu lassen? Glaubst Du denn, daß meine schlechte Seele, sich vollkommen in einem GlaS Wein abgespiegelt, daß ich zu viel getrunken? Öder daß meine bessere Natur sich in einigen Worten von der Wassersucht und den Blattern, so schnell auSsprechen läßt. Und daß Du die Kraft schätzen lerntest, die mir beywohnt, hätten wir länger beysammen seyn müssen, denn ich bin Keiner von jenem Volke, denen man eS in wenigen Stunden anmerkt wa» sie sind oder nicht sind. Ich muß Dich bitten lieber Vater beim Lesen dieses Briefes me aus den Augen zu verliehren, was ich gleich anfänglich gesagt habe. Daß eS mir nähmlich nicht darum zu thuen ist, gewisse Dinge an mir, die Dir mißfallen zu beschönigen sondern die Unabänderlichkeit dieser Differenzen zu beweisen. Du könntest mir erwiedern, Du seyst zweymal so alt wie ich, über die Jahre der Leidenschaft hinaus, also viel erfahrener, e« wäre also der Klugheit gemäß Dir in allem zu folgen. Ich sage Du hast Recht, sobald eS auf Handlungen ankömmt. Wenn ich den Stock aufhebe um Jemand zn schlagen, Du kömmst dazu um mich abzuhalten, gut, ich würde e8 seyn lasse» au» Liebe zu Dir; zuschlagen würde ich nicht, aber daß ich nicht zuschlagen will, vermagst Du auch dieses zu verhindern? DaS kann kein Gott, daS kann ich selber nicht. Wie leicht wäre «S mir gefallen, die kurze Zeit als ich jedeSmahl mit Dir zusammen war, Deine Sprache zu reden, eine Gesinnung zu heucheln, wie Du sie mir wünschest und im Herzen ganz anders zu denken. Wäre Dir aber damit gedient gewesen oder mir geholfen? Wenn ich jenen Secretär auf der Hochzeit statt ihn laut herauszufordern, bei Seite gezogen hätte, die ganze Sache wäre Dir verschwiegen geblieben, Du hättest eine Dummheit weniger von mir gewußt und die Veranlassung mtt mir den anderen Tag zu zanken, hätte nicht stattgefunden. Aber hätte mich das klüger gemacht oder besser? Du warfst mir vor ich fey ein Schlemmer; wenn ich auch einer bin, sehr leicht hätte ich eS Dir verhehlen können. Du wärst daun zufriedener mit mir gewesen; aber ich doch nicht brffer. Vielleicht wendest D» mir ein: daS ist eben der Beweis Deiner Schlechtigkeit, daß Du selbst unter meine» Augen nicht vermagst einige kurze Zeit nüchtern zu seyn, so sehr hat die Liederlichkeit Gewalt über Dich. Wenn Du daS meinst, lieber Vater, so kennst Du mich gar nicht. Wohl kann ich auSschweifen, so gut wie viele andere, aber wenige vermögen eS mir nachzumachen, wen» eS darauf ankömmt zu hungern und zu dursten, wenn eS darauf ankommt, wochenlang sich mst Wasser und Brod zu begnügen, oder in der Gluth der höchsten Leidenschaft sich den Genuß zu versagen. DaS kann . ich und nicht jeder. Warum willst Du mir da» nicht anrechncn? Fenier hat es Dich verdroßt», daß ich in meinem letzten Briefe an Simon und sonst öfters, so über Juden gesprochen habe. Sieh nur, wenn meine Liebe zu Dir gleiche» Schritte», mit der Unterstützung die Du mir zukommen läßt, ginge, so würde ich sagen zu mir selber: Warum sprichst Du von' Dingen, die Deinen Vater ärgern, warte noch so lange bi» Du Dein Brod selber verdienen kannst, bi» Du ihn nicht mehr brauchst, dann kannst Du ja immer reden und thun wa» Du willst. Aber solche schändliche Gedanken sind mir fern. Bey Gott, ein Vatermörder ist in meinen Augen nicht so schrecklich,, alS ein Sohn dessen kindliche Liebe keine andere : Quelle kennt, als die der väterlichen Wohlthaten. Da ich; glaube, daß wenn ich auch Dein Brod nicht mehr esse, dämm l daS Band zwischen unfern Herzen doch nicht schlaffer werden soll; daß wenn Du je Ansprüche an mein Leben hattest, auch der geringste nicht aufhören darf, so bald ich mich selbst ernähre; wenn ich davon überzeugt bin, wamm soll ich mich bemühen, .gewisse Gesinnungen die Deinen Beyfoll nicht haben Dir' noch einige Zeit zu verbergen; da sie Dir doch einmal Kund werden müssen, weil ich weiß, daß sie mich nur mit dem letzten Athemzuge verlassen werden. Ich muß den Sohn vergessen, sobald ich daran denke, daß ich rin Jude bin. Hier steh« ich fest wie eine Mauer, die Thränen der Liebe, die Dolche deS Hasses, Himmel und Erde sollen an meineui Starrsinn scheitem. Man mag mich plündern bis auf daS nackte Leben, aber die angebohrenen Majestätsrechte der Menschheit lasse ich mir nicht rauben. Ich weiß wohl wie viel tausend Hindernisse sich einer Sache entgegensetzen, die auf dem Papier so leicht auSgefühtt ist. Aber ich weiß auch, daß ohne Mühe und Gefahr nicht» erlangt wird, und daß da» Glück sich dem Muthe nur ergiebt. Ich weiß eS und werde eS geltend machen. Ich werde nie Murren gegen die Aristokratie irgend eine» Standes, der erworben werden kann; aber die Aristokratie der Geburt verabscheue ich und werde dagegen kämpfen mit aller meiner Kraft. Wenn in irgend einer Sache dem Reicheren der Rang vor mir eingeräumt wird, daS braucht mich nicht zu kümmern, denn auch ich kann so gut wie ein Anderer Millionen erwerben.. Wenn der Geschicktere mir vorgezogen wird, so bleibt mir der Trost, mir seine Talente anzueignen. Wenn mir die Dummheit den Lortritt abgewiont — Ey nun wer wehrt eS mir denn, mich auch dumm zu stellen und durch fade Schmetcheley die zu gewinnen, die mein Glück machen können. Aber wenn ich darum zurückgesetzt werde, weil ich ein Jude bin, waS bleibt mir dann übrig, als mtt Wort und Schwert da» graue Borurtheil zu zernichten, und meine Rettung in meinem Muthe zu suche»? Soll denn die erstorbene Zeit