Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 5 (14.2.1890)
- Date
- 1890-02-14
- Page
- Seite 78 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Zleuikketon. Ei« Ärief von Ludwig vorne. Ein überaus interessanter und für seine Anschauungen vom Judeothum wichtiger Brief Ludwig Börne'S an seinen Vater gelängt soeben zum ersten Wale in die Oeffentlichkeit. Der Brief, in einem wichtigen Lebensabschnitte, in dem Moment, wo Börne daS Studium der Medizin verließ, geschrieben, ist gleich bezeichnend für daS innerste Wßsen Börne'S, für sein« Beziehungen zum Vater, wir endlich für die geistige Atmosphäre ' jener Zeit. Der Brief,^den die »Frankfurter Zeitung' eben zu veröffentlichen in der Lage ist, sei hier im Wesentlichen dem Wortlaute nach wiedrrgegebrn. Heidelberg, den 14. 3ullj 1807. Theuerster Vater! Ich beginüe in sehr ernster Stimmung diesen Brief und ich werde allen meinen Muth bedürfen, um ihn an da- Ziel zu führen, daS ich ihm vorgesteckt. Den^ wenn ich dadurch nicht erlangt, waS ich möchte, so wird dieses Schreiben nicht bloS seinen Zweck verfehlen, sondern gerade daS Entgegengesetzte Hervorbringen, statt Dich au, beruhigen, wird eS Dir Verdruß machen, statt Deine Zufriedenheit wird eS mir Deine Borwürfe zuziehen. So oft Du auch mit mir sprachst, war eS immer der kränkendste Tadel, der dem Gespräche die Einleitung gab, oder womit eS schloß. Ich hätte jede» Mal mich rechtfertigen können, sogar auf Deine Art mich rechtfertigen können; aber ich mußte bald bemerken, daß Du eS für einen Mangel kindlicher Achtung hieltst, wenn ich Dir widersprach; darum schwieg ich, denn Du hättest ^>ie Vertheibigung selber, nur für ein Verbrechen mehr gerechnet. Darum, weil meine Abwesenheit Dir eine kältere Prüfung meiner Rede verstattet, will ich «S jetzt versuchen, nicht mich Dir zu verständigen, sondern zn beweisen, daß keine vollkommene 1 Verständigung zwischen unS behden möglich ist, und daß jede Erörterung stch dahin beschränken muß, die verschiedenen Etandpuntte aufzuzeigen, auf denen wir stehen, die keine Harmonie zulaffen, als die des Herzens und der Liebe, aber die Eintracht der Köpfe gar nicht vrrstatten. Doch vor allen Dingen muß ich Dich daran erinnern, daß cS nie meine Handlungen, sondern immer meine Reden eS waren, die mir Deinen bleibenden Unwillen zugezogen. Wenn ich zuviel Geld verschwendet, wenn ich wider Deinen Willen nach Berlin gereist war, so hattest Du eS füglich gerügt, aber auch bald wieder vergeffea und vergeben. Aber Du vergaßest nicht die Gesinnungen, die ich bei solchen Gelegenheiten geäußert. Du konntest nicht vergeben den anscheinenden Mangel gewisser Empfindungen, von denen ich doch ganz durchdrungen bin, und deren Daseyu Du nur darum nicht erkanntest, weil ich nie davon sprach. Aber eS giebt gewisse Dinge, wie die kindliche Liebe, deren Hriligkett durch Worte nur entweiht werden. Ich liebe Dich, nicht weil ich soll, sondern weil ich muß. Hättest Du denn je nüthig, im Register der Pflichten nachzuschlagrn, um zu erfahren, wieviel Tauseud Thaler Du verbunden seiest, an meine Erziehung zu verwenden? Hat Dich Drin Herz nicht immer gezwungen, alles das Gute mir zu erzeigen, was ich von Dir genoßen habe? Glaubst Du. daß Deine väterliche Liebe Grenzen habe? Glaubst Du. daß ich sie verwirken könne? Wenn Du dies denkst, so kennst Du Dich selber nicht und nicht.daS menschliche Herz. Liebe und Haß lasten sich nicht verdienen. Deine Sorgsamkeit für mich könnte nie aufhöreu, auch wenn ich zum größten Bisewtcht an Dir würde, nicht. Ich habe e» oft von Dir hören müssen» ich sei ein schlechter Sohn; eS schmerzte mich, nicht der Borwurf, denn der traf mich nicht; aber eS schmerzte mich, daß unsere Naturen von der Art find, daß wir in den Gesinnungen unS feindlich begegnen müssen. ES ist so und kann nicht anders sehn, denn die Natur haßt alle Einförmigkeit in ihren Schöpfungen. Aber wenn der Sohn immer den Geist de- LaterS hätte, und so fort durch alle Geschlechter, waS würde aus der Menschheit. waS auS der ganzen Welt werden? Wenn ich dieselbe Ansicht der Dinge hätte, die Du hast, so müßtest Du die Deines Vaters haben und so bis in die fernste Vergangenheit hinauf, -stünden wir all« auf derselben Stufe der Erkeuntniß. Aber vaS wäre dem Zwecke des Lebens zuwider, das stch immer vervollkommnen soll. Daß ich ein paar Worte Lateinisch, oder ein BiSchen Chemie verstehe, was Du nicht verstehst, daS kann mich doch wahrhafttg nicht so viel besser machen. SS ist hier überhaupt von besser nicht die Rede, ich brauche gar nicht klüger zu denken, aber daß.ich nothwrndig ander» denken muß alS Dü, davon möchte ich Dich überzeugen können, denn daS Glück meine» Leben» hängt davon ab. 34 bin dessen gewiß, theuerster Vater, daß ich mir noch einst Deine Achtung erzwingen werde, aber bi» dahin könntest Du noch manches von mir erfahren, was Dir mißfällt. Und e» ist nicht zu ändern. Mehr noch al» Dein Tadel schwebt ev mich, daß Du mich zwingst, mich selber zu loben. Ich kenne ja die höchsten Hoffnungen, die Dn von mir hast, aber bey Gott die geringsten Ansprüche, die ich an mir selber mache, übertrrffen weit Deine größten Erwartungen. Ich weiß eS, daß Du vollkommen zufrieden sein wirst, wenn ich einst so geschickt sein werde, wie ein Doctor X oder U, mein ehrliche» Auskommen habe, bis endlich nach 20 jährigem Streben, mein Ruhm durch den vielgeschästigen Mund der Tanten und Cousinen, bi» an die äußerste Stadtmauer dringt, wo mich ein Bethmann beglückt, mir, wenn er den Schnupfen kriegt, ein Recept ahufordrrn Glaubst Du, daß sich damit mein Stolz begnügen würde, in er Wette mit einem gewöhnlichen Doctor um die Gunst der Iudengaffe zu buhlen? Dein Sohn ist zu etwa» besserem gebohren, al» sich herumznwälzen im Staube der Gemeinheit, und seinem Gott zu danken, wen» so ein lausiger Sachsen»