Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-14 · Heft 5 (14.2.1890) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 5 (14.2.1890)
Date
1890-02-14
Page
Seite 77 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227831--46837-3268323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Rothschilds schritten zur Arbeit, und rS wäre ihnen auch gelungen, wenn auch nicht die Union — denn diese war schon unrettbar —. so doch wenigstens die Depots zu retten, falls Bontoux nicht verhaftet worden wäre. Man kann von diesem Ftnanzmann« Vieles sagen, doch dar kann man nicht behaupten, daß er die Verhaftung verdient hätte. Einmal wird man ja dir Geschichte dieser Verhaftung erzählen müssen, welche vom damaligen Justizminister auf eigene Faust vorgenommen wurde. Mit der Detenirung Bontoux' ging Alles verloren: die Depot», die Obligationen, und das ganze Gebäude stürzte zusammen. Doch die Menschen, die dabei ihr Geld verloren, sagten nicht: „DaS ist unsere Schuld!" sondern sie riefen: „Die Juden sind daran Schuld!" Uebrigen» meinte der Gewährsmann, daß sich in Frankreich die Antisemiten bloS aus den Reihen der Malkontenten der SalonS rekruttren, nicht aber aus den Masten. AlphonS Rothschild wollte man in. einem Wahlbezirke nicht, wählen, weil man von ihm behauptet hatte, er sei zu klerikal! So denkt die Maste. In Frankreich ist der Antisemitismus nur in den parfümitten Kreisen in Mode, welche gar nicht daran denken, was aus dem Pariser Markte würde, wenn das Haus Rothschild morgen nach London überstrdrln möchte. — Die „All. Ist. Uni».“ erklärt in ihrem letzten Bulletin vom 30. Dezember Folgende»: „In Wadowice, Galizien, wird jetzt ein großer Prozeß verhandelt, in welchem zahlreiche österreichische Beamte wie auch eine Anzahl Israeliten verwickelt find. Dieser Prozeß wird von der anttsemittschen Preffe in Mrßland auSgebeutet und besonders von der „Nowoje Wremja", die sich seit lange durch ihre Angriffe gegen die Juden auSzeichnet. Die Zeitung berichtete allen Ernstes, daß die Alliance Israelite dem Untersuchungsrichter 200,000 Gulden angrboten habe, wenn er nicht alle Einzelheiten drS Falles veröffentlichen wolle, doch habe stch dieser geweigert. Selbstverständlich ist an der Sache kein wahre» Wort." Nancy, 4. Februar. Nicht weniger als 40 Jahre hat es gedauert, bis einer Anregung des seligen Grand-Rabbin llllmann die That gefolgt ist. Zur Zeit, alS dieser hochwürdigt Herr noch unserem Konsistorium Vorstand, sprach er den Wunsch auS, daß das seiner Zeit errichtete jüdische Krankenhaus zu einem Siechenhaus undeinerÄlterSverforgungSa n st a l t erweitert werde. Obwohl fteudig begrüßt, kam der Plan Jahrzehnte lang nicht zur Ausführung, wurde aber gleichwohl nicht von der Tagesordnung abgefetzt. Endlich ist man zum Bau geschritten, und heute steht da» Institut fertig da. Am 18. September 1889 erhielt rS die behördliche Genehmigung, welche e» zur Annahme von Sttftungen und Legaten berechttgt. Da» von dem Baumeister Gutton errichtete Gebäude ist im schönsten Theile unserer Stadt inmitten eines prächtigen Park» belegen, unter Berücksichttgung aller gesundheitlichen, sowie auch der religiösen Bedürfniffe gebaut und wird im Frühjahr oder Sommer feierlich eröffnet werden. Die dem Institute zu Gebote stehenden Mittel werden e» erlaubest, daß drei Viertel aller Insassen mit Freistellen bedacht werden. Rußland. St. Petersburg. Die „Gesellschaft zur Verbreitung der Kultur unter den Juden Rußlands" hat am 6/18. Januar die jährliche Generalversammlung abgehatten. Dr. Harkavy hielt eine Trauerrede für den verstorbenen Dr. Ludwig Philippson. Nach Ablesung des Jahresberichte» wurden die auSschridenden Komiteemitglieder BanquierS H.Wavelberg und W a r S z a w S k i einstimmig wiedergewählt. Der Mustkabend, welchen die Gesellschaft behufs Unterstützung armer jüdischer Studenten gab, hat der Kaffe bedeutende Summen eingebracht. — Die seit 1864 bestehende „Gesellschaft zur Verbreitung von Liebe zum Ackerbau und Handwerk unter den Juden" hat nach eben veröffentlichtem Berichte bi» zum Oktober v. I. Rubel 121,425 an jüdische Arbeit«: und Handwerker Unterstützung gewährt. Türkei. Konstauttnopel. Nach einer Korrespondenz in „Daily Graphic" ist der Großvezier Kiamtl Pascha jüdischer Geburt. Sei» Vater war ein Jude aus Cypern, dessen Sohn (der Pascha) zum Islam übettrat. Bagdad, im Januar. Der „lewp," vom 31. Dezember bringt folgende Mittheilungen über die hiesigen Zustände: Für Syrien ist ein neuer General-Gouverneur, Namen» Mustapha Affim Pascha ernannt worden, der bereit» mehrere wichtige Posten bekleidete. Vor nicht zwei Jahren wurde «r nach Bagdad gesandt, und eS entspann sich dort im Laufe dieses Jahres «in kleiner antisemittscher Aufstand, der, wie eS scheint, seine Stellung kompromtttirt hat. Seine Feinde benutzten die Gelegenheit, um zu behaupten, der Pascha sei beschräntt, unduldsam und fanatisch. Leute, dir ihn genau kennen, versichern mir, daß dies nicht der Fall ist, und daß man im Gegentheil berechtigt ist, eine aufgeklätte Verwaltung, Gerechtigkeit und Duldsamkeit zu erwarten von einem Manne, der einer der Lieblingsschüler und Schützling des großen Fuad war. Es ist ja nichts Geringe», zum Gouverneur von DamaScuS ernannt zu werden, dieser berühmten, fast immer in Gährung befindlichen Stadt, die von den Arabern „da» Schwett des JSlam" benannt wurde. Aber di« Bedeutung de» Dilayet, drffen Hauptstadt sie ist, ist sehr herabgesunke» durch die kürzlich erfolgte Gründung deL Dilayet von Bryruth, der ungefähr ein Drittel von Syrien ausmacht. Wenn, wa» ich nicht glaube, der neue Pascha von DamaScuS nicht die besten Gesinnungen'hegte, würde stch seine Wirksamkeit nur auf ein beschränktes Rayod auSdrhnen. Da der oben erwähnte kleine Aufstand einiges Aufsehen in Europa gemacht hat, glaubte der Sultan eine Untersuchung anordnen zu müffen. Die zu diesem Zweck nach Mesopotamien entsandte Kommission wird einen bosnischen Muselman, Namen» JSmet- Pafcha, zu ihrem Vorsitzenden haben, der, e» muß dies zugestanden werden, nicht für einen aufgeklärten und gebildeten Menschen gilt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.