Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 5 (14.2.1890)
- Date
- 1890-02-14
- Page
- Seite 71 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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71 ist." Der Oberrabbiner fügte hinzu: „Wir hätten die Kompilation eines obskuren Schriftstellers ignoriren können, in der Hoffnung, daß er bald der Vergessenheit anheimfallen würde. Die Sache nimmt aber eine ganz andere Seite an, wenn wir in den Zeitungen lesen, daß Kardinal Rampolla einen Brief an den Verfasser gerichtet und ihm mitgetheilt hat, „daß der Papst sein Werk über die grausame Gewohnheit der rabbinischen Juden höchlich billigt". Ich kann nicht annehmen, daß das erhabene Oberhaupt der römischen Kirche, berühmt wegen seiner Weisheit, Milde und Gerechtigkeit, diese Worte geäußert hat." — Auf dieses Schreiben erwiederte Kardinal Manning wie folgt: „Geehrter Herr Rabbiner Adler! Ich habe Ihren Brief nach Rom geschickt, und er wurde amtlich dem Staatssekretär Kardinal Rampolla vorgelegt. Dessen Antwort lautet: „Daß der Papst anordncte, daß dem Verfasser des Buches, worüber Sie Beschwerde fuhren, daS übliche Schreiben gesandt werde, welches den Empfang von Büchern bestätigt, ohne sie zu empfehlen. Es war das Formular, welches Jedem geschickt wird, ehe das Buch geprüft und häufig, ehe es nur angesehen worden ist. Nichts könnte dem Herzen des Papstes ferner liegen, als ohne Ursache die Empfindlichkeit des jüdischen Volkes zu verletzen." Berlin, 10. Februar. Eine Predigt war's, die ich soeben gehört habe. Freilich keine solche, wie man sie allsabbatlich von den Kanzeln her vernimmt, wohl aber eine solche, wie ich wünschen möchte, daß sie allsabbatlich in allen Tempeln vernommen würde. Eine würdige Feierstunde des Geistes und des Herzens war's, und was ich mitnahm von ihr, war Belehrung und Erbauung. „Was Gott thut, das ist wohlgethan", so lautete das Thema der Rede, welche Professor Steinthal vor einer ansehnlichen Zahl begeisterter Hörer und Hörerinnen im Cyklus der Montagsvorlesuugen gehalten hat. Was Gott thut, das ist wohlgethan, sagt Rabbi Akiba; und da Alles, was geschieht, von Gott gcthan wird, so ist Alles gut. So war es denn ei» Loblied des Optimismus, welches hier vernommen wurde, und indem der Vortragende seine Ideen entwickelte, begnügte er sich nicht damit, der erklärende Philosoph zu sein; allmälig wurde er znm Lehrer, zum Prediger, und die guten Lehren, welche er gab, fanden nnmcrklich den Weg ins Herz der Anwesenden. Nicht mit begeisternd dahinströmender Rede reißt Steinthal den Hörer fort, ruhig und sanft senken sich seine Worte in das Gemüth des Hörenden und überzeugen durch Wahrheit und Innigkeit. So war es auch heute. Ich hätte Schmerzbeladenen und Leidgequälten gewünscht, der Rede lauschen zu dürfen. Sie wären, wie wir Alle, mit dem Bewußtsein von dannen gegangen, daß das, was wir Unglück nennen, nur ein Irrwahn ist, und daß Geduld und Ergebung vor Allem zum wahren Glücke führen. Soll ich von den Einzelheiten des Vortrages berichten? Es wird mir schwer, ja unmöglich sein, denn mehr noch als der Inhalt, waren es die Form und Art des Vortrags, die uns fesselten, sei es, daß er uns zeigte, wie wir Gottes Walten in Natur und Geschichte erkennen müßten, sei es, daß er für einen oft verkannten Philosophen und Schriftsteller — Voltaire — eine Ehrenrettung vollführte, sei es, daß er uns in zahllosen Beispielen so einfacher, scheinbar so einfacher Natur darlegte, wie nichtig alles Leid sei, sei es endlich, daß er in wenigen Zügen ein leuchtendes Bild altjüdischen Geistesheldenthums entrollte. Daß diese Wiedergabe eine so schwierige Aufgabe sei, das war's, was mir selbst eine Zeitlang Sorge einflößte. Doch der Geist des Vortrags wirkte auch in mir tröstend nach, indem ich dachte: Wie gut fügt sich's auch hier, daß ich nicht zu berichten vermag. Denn wenn ich wirklich von der rcichgedeckten Tafel der Steinthal'schen Gedanken einige Brosamen den Lesern aufzntischen vermocht hätte, vielleicht wäre cs gekommen, daß Mancher sich hiermit begnügt hätte. So aber kann ich wohl erwarten, daß Alle, noch ungesättigt, sich selbst den Gennß der Lektüre dieser Rede verschaffen werden, wozu, wie ich höre, die Gelegenheit durch Veröffentlichung*) bald geboten werden wird. * Berlin, 12. Februar. Die A r m e n - K o m m i s s i o n der hiesigen jüdischen Gemeinde hat, wie stets nach Ablauf eines Verwaltungstrienniums, ihren Mitgliedern ausführlichen Bericht erstattet. Derselbe zeugt von umfassender segensreicher Thätigkeit, die nur leider durch mannigfache Ursachen nicht bis zu dem von der Kommission selbst gewünschten Umfange ausgedehnt werden konnte. Immerhin sind im jüngsten Jahre von 3811 eingegangenen Gesuchen nicht weniger als 2552 bewilligt, und ist hierfür eine Summe von über 72,000 Mk. verausgabt worden. Hierbei sind jedoch die Gaben aus dem Fonds für verschämte Armen (1889 an 142 Klienten mit 20,979 Mk.) nicht mitgerechnet. Von den Zweigen der Thätigkeit der Kommission seien zwei hier erwähnt. Die große Menge von Gesuchen ausgewiesener Glaubensgenossen machte die Einsetzung eines besonderen Ausschusses nöthig, welcher in den letzten drei Jahren 47 Parteien mit 106 Köpfen nach dem Anslande beförderte. Die Kosten hierfür wurden von dem „Berliner Comits für die verfolgten russischen Juden" getragen. Eine weitere Aufgabe entstand der Kommission durch die mit Gemeindemitgliedern getroffene Vereinbarung, daß betreffs der an sie gelangenden Gesuche seitens der Kommission die nöthigeu Recherchen übernommen oder auf Grund der Akten Auskünfte ertheilt und hierfür seitens der betreffenden Mitglieder ein fester Jahresbeitrag gezahlt wurde. Wir können nur wünschen, daß dieses letztere Verfahren von unseren Glanbensgenossen allgemein angeweudet würde. Es wäre der beste Weg, um »nwürdigeni und vielfach gewerbsmäßigem „Schnorrcrthum" ein Ende zu machen. — * Die „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate", welche seit dem Jahre 1813 besteht, hat den Beschluß gefaßt, eine geschichtliche Darstellung ihrer Wirksamkeit *) Der Steinthal'sche Vortrag >vird »ächstcns in der „National- Zcitung" erscheinen.