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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-14 · Heft 5 (14.2.1890) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 5 (14.2.1890)
Date
1890-02-14
Page
Seite 70 (sequence 5)
Language
German
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70 der Väter, erstes Kapitel, historisch beleuchtet" (Berlin, H. Jtzkowski, 1889). Der Verfasser führt den Nachweis, daß die Tendenz der Pirke Abot in der Hervorhebung des streng sittlichen Charakters der auf Ueberlieferung gegründeten soferischeu oder pharisäischen Lehre in ihrem Gegensätze zu dem freisinnigen, die Tradition verleugnenden Sadducäismus bestehe. In acht Kapiteln weist er die historischen und politischen Elemente in den „Sprüchen der Väter" nach. Er verwendet auf diese Arbeit einen großen Fond von Fleiß, Gelehrsamkeit und historischer Kritik. Das Resultat ist aber auch für die Geschichte der Parteikämpfe und der Entwickelung der Tradition in jener Periode ein überaus werthvolles. Daneben wird uns mancher dieser ethischen Sprüche in seiner tieferen Bedeutung erst recht klar. So darf man dem jungen Autor für seine Erstlingsschrift wohl aufrichtigen Dank sagen. Wer so die Quellen beherrscht und sie so geschickt zu benutzen versteht, wer eine so echt historische Auffassung mit Bescheidenheit und Sachkenntniß verbindet, der ist gewiß berufen, auf diesem dunklen und der Aufhellung dringend bedürftigen Gebiete noch einmal Bedeutendes zu leisten. K. * Der „I. St." berichtet aus London: Die Probebogen des ersten hebräischen Gebetbuches z»m Gebrauche für Blinde sind soeben erschienen. Dasselbe ist von einem Herrn H. Frees, welcher vor 6 Jahren das Unglück hatte, selbst zu erblinden, hergestellt. Aus Dankbarkeit für die Wohlthat, welche ihm durch eigens für Blinde gedruckte Bücher nach dem System „Braille" erwachsen ist, hat er das hebräische Alphabet nach diesem Systeme eingerichtet, um seinen Schicksalsgenossen hierdurch nützlich zu werden. Herr Dr. Armitage, Direktor der Normalschule für Blinde, hat sich sehr lobend über diese Arbeit ausgesprochen und Jedem, welcher Lust hat, das Systenl zu studiren, den Zutritt zu den verschiedenen Abtheilungen des Instituts zu diesem Zwecke freigestellt. Herr Frees, auch der arabischen Sprache kundig, beabsichtigt, ebenso eine arabische Bibel für Blinde für diejenigen Gegenden des Orients herznstelleu, wo die Augenentzündung fast allgemein ist. Dr. Armitage spricht mit Begeisterung von den Segnungen, welche die Arbeiten des Aeilungs-» Deutschland. * Berlin, 7. Februar. Eine sehr wichtige Nachricht kommt uns auf dem Wege über London zu. Bekanntlich haben die antisemitischen Blätter aller Richtungen in den letzten Wochen ein Schreiben des päpstlichen Staatssekretärs, Kardinal Rampolla, stark ausgenutzt, in welchem dieser im Namen des Papstes die alte, schmachvolle Blutlüge von Neuem bekräftigt. Wie sich nunmehr herausstellt, ist dieses Schreiben apokryph. Der Verdienst, die neueste antisemitische Lüge Herrn Frees im Gefolge haben werden. Zu den Kosten der Herstellung des hebräischen Gebetbuches, welches bald erscheinen wird, hat der bekannte Philanthrop, Herr F. D. Mocatta, 500 M. hergegeben. Herr Frees will mit Unterstützung des Nev. S. Samuel die hebräische Ausgabe des „Alten Testaments" bald folgen lassen. * Elias Scheid, der bekannte Historiker, veröffentlicht in den „A.rchives israelites“ die nachfolgende Betrachtung, welche wir unfern Lesern nicht vorenthalten wollen: Eine derjenigenDerleumdungen, welche man uns stets vorwirft, ist die, daß wir kein Vaterland besäßen und stets nur Palästina vor Augen hätten. Daher, so schließt man, können wir keinen Patriotismus empfinden. Zwei schlagende Beispiele aus der Geschichte sollen das Trügerische dieser Behauptung beweisen. Die Protestanten, welche durch Aufhebung des Edikts von Nantes aus Frankreich vertrieben wurden, flüchteten sich nach Preußen, und heute sehen wir in dem Kriegsminister und vielen hohen Würdenträgern der deutschen Armee Nachkommen dieser Verbannten. Sie hatten sehr bald ihr altes Vaterland vergessen, man nannte indessen als Kuriosität den Flecken Friedrichsdorf bei Homburg vor der Höhe, wo nur französisch gesprochen wurde. Seit dem Kriege von 1870 ist dieses Idiom überall durch das Deutsche derart verdrängt worden, daß die letzte Spur dieser Quasi-Anhänglichkeit an Frankreich nicht ganz zwei Jahrhunderte gedauert hat. Nun das Gegenstück: Die Juden sind vor nun gerade 400 Jahren durch Jsabella die Katholische aus Spanien vertrieben worden. Sie verbreiteten sich in den Städten des Orients, wie Salonichi, Konstantinopel, Smyrna, Jaffa und Jerusalem. Diejenigen nun, welche sich nach der Heiligen Stadt begeben haben, müßten, nach den Versicherungen unserer Feinde, die Glücklichsten gewesen sein, da sie ja, nach ihrer Meinung, ihr Ziel erreicht hatten. Nun wohl! Alle jene Inden ohne jede Ausnahme haben das Spanische als Muttersprache beibehalten, und noch heute läßt jeder Jerusalemer Jude, der auf eine Zeitung abonniren will, sich eines der beiden Blätter kommen, welche zu Konstantinopel in dem Judenspanisch herausgegeben werden. Ist dies Anhänglichkeit an das Mutterland nach vierhundertjähriger Trennung? Und was denken unsere Herren Verleumder darüber? aufgedeckt zu haben, war wohl die letzte edle That des kürzlich verstorbenen Oberrabbiners Dr. Adler in London. Die englischen Zeitungen veröffentlichen jetzt ein kurze Zeit vor seinem Tode verfaßtes Schreiben an den Kardinal Manning. Den Anlaß bildete die Schrift Henri Deporte's: „Le Mystere du Sang chez les Juifs“, in welcher, wie Dr. Adler schreibt, „eine monströse Fabel wieder ins Leben gerufen wird — ich schaudere, während ich sie aufs Papier bringe —, daß das Blut von Christenkindern zum jüdischen Ritus nothwendig

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