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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-14 · Heft 5 (14.2.1890) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 5 (14.2.1890)
Date
1890-02-14
Page
Seite 69 (sequence 4)
Language
German
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69 Wagener betheiligt waren, die keine Juden waren, während der Jude Lasker es war, der mit Entschiedenheit gegen biefen Schwindel aufgetreten ist. Was die Presse betrifft, so verweise ich darauf, daß beispielsweise Zang tmb Baron Sothen riesige Vermögen erwarben, und diese waren keine Juden. Auch wo die Presse sich nicht in jüdischen Händen befindet, werden Klagen gegen sie laut, so daß man sagen muß: Nicht die Juden verderben die Presse, sondern die Presse verdirbt die Juden! (Heiterkeit.) Was den Wucher betrifft, verweise ich darauf, daß in Ländern, wo es gar keine Juden giebt, der Wucher in eminenter Weise blüht. So mußten in Belgien, in Schweden und in Norwegen, wo es gar keme Juden giebt, strenge Wuchergesetze erlassen werden, und der Landwucher blüht hauptsächlich in Spanien, wo die Juden seit 400 Jahren vertrieben wurden. Wie man aber das Konfektionsgeschäft nur Juden zur Last legen kann, ist mir unbegreiflich. So ist beispielsweise der größte Konfektlonär in Berlin, Herzog, der größte Anti-Semit. Einzelne Schwächen und Schattenseiten mögen den Juden ankleben. Einzelne Personen mögen nicht so handeln, wie sie sollen, aber ist es berechtigt, daraus einen Borwurf gegen die ganze Judenschaft zu erheben und alle Inden leiden zu lassen? Man soll eben nicht generalisiren, und ich verweise auf eine Rede des Führers des katholischen Centrums in Deutschland, Wrudthorst, der gewiß kein Judenknecht ist und am20. Mai 1880 im preußischen Abgeordnetenhause Folgendes sagte: „Einer der Hauptpunkte, worüber die Juden bei der Verhandlung ihrer Angelegenheiten sich beklagen und beklagen können, ist nach meinem Dafürhalten der, daß man, wenn ein einzelner Jude oder eine Mehrzahl von Juden, ein Theil derselben etwas gethan hat, was mit Recht gerügt werden muß, dies verallgemeinert und generell hinstellt, als ob es die ganze Judenschaft träfe. Das ist grundverkehrt und grundverletzend. Wenn man Klagen über Einzelne oder über einen Theil hat, so soll man die Einzelnen und diesen Theil korrekt fassen, aber nremals die Sache generell hinstellen und dadurch die ganze Judenschaft verletzen, unter der es die allerehrenwerthesten Menschen giebt." In Böhmen, bemerkt Redner weiter, haben fich die dort lebenden Juden der böhmischen Nation nur zögernd angeschlossen und stehen heute zum Theil derselben noch unfreundlich gegenüber, aber die böhmische Nation hat sich in geradezu edler Weise gegen die Juden benommen. Eine antisemitische Wahl hat in Böhmen nie stattgefunden und rne'.ne einstimmig erfolgte Wahl zum Rektor der böhmischen Universität, die ich abgelehnt habe, ist ein markantes Beispiel für die Toleranz, Gutherzigkeit und Edelherzigkeit des böhmischen Volkes. Das böhmische Volk hat die Juden vor mehreren Jahrhunderten gastfreundlich ausgenommen, als diese Juden, von harten Händen getrieben, nach Böhmen überfledelt sind, und mit Energie schützt es die Juden vor antisemitischen Angriffen. Ich spreche die Hoffnung aus, daß der Anti-Semitismus in Böhmen nicht zur Blüthe, und wenn er etwa auftauchen sollte, zum sofortigen Ersticken kommen wird. Ich wünsche dies nicht etwa nur im Jntereffe des Judenthums, sondern auch im Interesse der böhmischen Nation, welche dadurch die Juden asstmiliren und endlich für sich gewinnen wird. Da der vorliegende Gesetzentwurf zu der Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden die Hand bietet, so begrüße ich denselben und werde mit Herzensfreude für das Eingehen in die Spezial-Debatte stimmen. (Lebhafter Beifall.) Die Verhandlung wurde hierauf abgebrochen und wird am Montag fortgesetzt werden. Der Präsident gab bekannt, daß sich noch als Redner haben eintragen lassen, und zwar contra die Abgeordneten: Pscheiden, Dr. Bloch, Dr. Lueger, Kaiser, Fiegl; pro die Abgeordneten: Dr. Rapoport, Dr. Weitlof, Dr. Jaques. Wir werden auch über den ferneren Verlauf der Debatte unsern Lesern Bericht erstatten. Litterarischer Wochenbericht. Berlin, im Februar. Zwei fleißige und werthvolle Doktordisserlatioueu, die das jüdisch-litterarische Gebiet betreffen, liegen unszurBesprechung vor. Die eineistvonDr.Armand Kamiuka, der sich schon als neuhebräischer Dichter einen sehr guten Namen gemacht hat, und führt den Titel: „Studien zur Geschichte Galiläa's" (Berlin, H. Engel, 1890). Der Verfasser giebt darin sehr werthvolle Aufschlüsse zur Kenntniß der Verhältnisse in Nordpalästina während der Zeit vor Herodes bis auf die Eroberung des Landes durch den Chalifen Omar. Er beschäftigt sich zunächst mit der Stadt Liberias, ihrem hebräischen Namen Chammath und ihrer Vorgeschichte, und kommt zu dem Resultat, daß Galiläa erst nach der Ausdehnung der Makkabäerherrschaft mit Judäa tu einen äußeren geschichtlichen Zusammenhang getreten sei. Nachdem er sodann die Legende von den Gräbern in Liberias ans ihren Hintergrund untersucht, weist er gerade an dieser Legende nach, daß der Norden von Galiläa zu einer Zeit, da der Sitz des Synhedrions noch in Jerusalem war, mit einer rabbinischen Aechtung belegt worden sei, bis sich Simon ben Jochai in Liberias niedergelassen habe und dort jene Schule gründete, in der sich die jüdische Wissenschaft lange Zeit konzentrirt hat. Jener Legende aber liege der Sinn einer Rehabilitirung der Provinz zu Grunde. Mit dieser Aechtung von Galiläa beschäftigt sich der Antor im vierten Kapitel seiner Schrift, indem er die Bevölkerung in ihrer ethnischen und religiösen Entwickelung untersucht und auf diesem Wege zu überraschenden Resultaten gelangt. Galiläa ist nach seiner Meinung das „Land der Mischvölker "(Erez Ila-ammiui), das eine tiefe ethnische und religiöse Kluft von Judäa trennt. Auf dieses Land hat sich auch das Ausnahmegesetz von Jose ben Joöser und Jose ben Jochanan erstreckt. Die zweite Periode der Geschichte Galiläa's umfaßt die Zeit des Simon ben Jochai und seiner Schule, die der Verfasser in den folgenden Kapiteln auf Grund der talmudischen Quellen sehr eingehend schildert. Seine Arbeit ist eine höchst werthvolle; sie gestattet uns einen Einblick in die Stellung, welche das rabbinische Judenthum am Ausgang des zweiten Jahrhunderts der von Galiläa ausgegangeuen Weltreligion gegenüber eingenommen. Eine gründliche Quellenkenntniß, feiner historischer Sinn und geschickte Verknüpfung der heimischen und fremden Quellen zeichnen diese vortreffliche Arbeit aus, die sich weit über den Rahmen der üblichen Dissertationen erhebt. — Wir freuen uns, übrigens das gleiche Urtheil auch über die zweite der uns vorliegenden Arbeiten abgeben zu können, da beide die besten Hoffnungen für die Zukunft des jüngeren Thcologennachwuchses erwecken. Diese Arbeit ist von Dr. Leopold Günzburg und führt den Titel: „Sprüche

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