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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-14 · Heft 5 (14.2.1890) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 5 (14.2.1890)
Date
1890-02-14
Page
Seite 68 (sequence 3)
Language
German
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68 wie sie hier Judenhaffer sind, das wird sich im Laufe der Zeit entwickeln müssen. Man beruft sich ferner auf volkswirthschaftliche Grundsätze und sagt, der Jude ist ein wirthschaftlicher Schädling. Haben die Juden es verschuldet, daß die überseeische Konkurrenz des Getreides eingetreten ist? Verschulden etwa die Juden den Umstand, daß der Friede zwischen den Nationen in Europa nicht hergestellt ist? Sind die Juden etwa daran Schuld, daß die Maschine eine derartige Macht bekommen hat und auf das Handwerk drückt? Wie könnte auf diese Fragen anders geantwortet werden, als mit Nein! Aber man verschweigt alle diese Gründe der wirthschaftlichen Depression, und mit dem ewigen Hinweis auf den Juden erzeugt man den Fanatismus der Masse, und wenn man ihn erzeugt hat, dann beruft man sich wieder darauf, daß er besteht, und so geht die Sache in einem fluchwürdigen Kreisläufe fort, indem man erst den Anti-Semitismus zeugt und dann aus diesem Anii-Semitismus auf die Berechtigung des Anti-Semitismus schließt. Ein anderer Vorwurf, der erhoben wurde, ist, daß die Juden beim Vergehen der leichtsinnigen Crida mehr betheiligt sind als die Nichtjuden, und die Kreuzzeitung hat ausgerechnet, daß die Juden bei diesem 19mal mehr betheiligt sind. Sie hat unterlassen anzuführen, daß bei Diebstahl, Betrug, Raub und Brandstiftung die Verhältnisse für die Juden ungleich günstiger sind. Aber ich will auf die angeführte Ziffer 19 eingehen. Das Vergehen der leichtsinnigen Crida kann doch nur bei Geschäftsleuten Vorkommen. Nach der Preußischen Verufsstatistik sind nun die Juden )5mal mehr am Geschäft betheiligt als Nichtjuden. Zur Beurtheilung der Moralität einer bestinnnten Klasse muß man den Prozentsatz von strafbaren Handlungen prüfen, der bei der einzelnen Bevölkerungsklasse vorkommt. Auf je 100,000 Katholiken kommen nur 880 Verurtheilungen wegen Verbrechen oder Vergehen, aufje 100.000 Protestanten 690, auf je 100,000 Juden 603. Ich will daraus nicht etwa philosemitische Schlüsse ziehen, aber rch wünsche nur, daß man aus diesem Umstande wenigstens die eine Thatsache folgere, daß die Juden nicht mehr an diesem Verbrechen betheiligt sind als die Nichtjuden, ja, daß das Verhältniß vielleicht noch ein wenig besser ist, und dabei muß man doch bekennen, daß die Verurteilung eines Juden, sei es bei einem Richter von Beruf, sei es bei Geschworenen, gewiß nicht schwerer erfolgt als die Verurtheilung eines Nlchtjuden. Ein weiterer Vorwurf wird wegen des Geldbesitzes, wegen des Reichthums erhoben; es wird hingewiesen auf den Rcichthum zweier oder dreier jüdischer Firmen. Dem gegenüber möchte ich anführen, daß die Vermögensverhältnisse der Weltfirma Rothschild beispielsweise vollkommen überschattet worden sind von ganz anderen Vermögen, welche in neuester Zeit angesammclt worden sind. Ich verweise auf die Petroleumprinzen in Amerika, auf die Silberminenfürsten, auf die Kohlenkönige, von dem Umstande ganz abgesehen, daß es auch blutarme Juden giebt (Sehr richtig!) und daß diese unter der Anti-Semiten- Bewegung am meisten leiden. Der reiche Jude führt vielleicht zum Anti-Semitismus, aber der arme büßt es. (Sehr richtig!) Der Reiche in den Städten ruft nach der Polizei, der Arme, der vom Sonntag bis zum Freitag mit dem Binkel herumgeht, leidet. Diese Ungerechtigkeit sollte dahin führen, den Anti-Semitismus mit anderen Augen anzusehen. Ich würde Ste einladen, das Haupthandelsemporium von Wien, den sogenannten Kai, zu besuchen, wo die Kaifirmen eine ganz bedeutende Rolle spielen. Es wurde mir berichtet, es gäbe 500 sogenannte Kaifirmen, unter diesen 50 nichtjüdische, 450 jüdische, und da sagen Leute, welche die Geschäftsverhältnisse kennen, daß diese 50 nichtjüdischen Firmen zehn- bis zwanzigmal mehr Vermögen haben als die 450 jüdischen Firmen. Ich nenne nur die Namen: Faber, Fallmaher, Geißel, Ltebig, Vonwiller, und man muß zur Erkenntniß kommen, daß das Vermögen sich nich, so sehr in den Händen der Juden als vielmehr der Nichtjuden konzentrirt, nur daß die Juden einen sehr unlöblichen Gebrauch von dem Vermögen machen bezügltch der Aeußerlichkeiten, der Toilettenpracht, bezüglich der Einrichtung der Wohnungen u. s. w. Die Sachen stud volkswirthschaftlich ganz gut, aber in einer solchen Zeit thäten die Juden gut daran — und ich fordere sie dazu auf — sich auf die größte Einfachheit und Schlichtheit zu beschränken) es zu vermeiden, Aufsehen zu machen, in schöneren Kleidern einherzugehen, Gesellschaften zu geben. Es ist in solcher Zeit gebieterische Pflicht, wenn eine Familie ein größeres Einkommen besitzt, als zum Lebensunterhalt nothwendig ist, Werke der Wohlthätigkeit zu üben. (Sehr richtig!) So hoch auch der antisemitische Haß gestiegen ist, daß die Juden Sinn für Wohlthätigkeit handelt, wurde nicht bestritten, und wenn es sich um Wohlthaten haben, hat man nicht gefragt, woher das Geld stammt. Ich rathe meinen Glaubensgenoffen, die zum Theil auch Leidensgenossen sind — denn jeder Jude empfindet die Schmach, die so .oft angethan wird — Alles zu thun, um den, wenn auch nicht gerechtfertigten, aber immerhin vorhandenen Vorwurf und Anlaß zum Anti-Semitismus zu entfernen. Man hat vom Reichthum gesprochen, und da will ich den Beweis geben, in welcher Weise Berichte über den Reichthum ins Werk gesetzt werden. Abg. Türk hat bei einer Debatte hier im Hause drei schwerwiegende Behauptungen für den Reichthum der Juden angeführt. Erstens, Rothschild besitze in Böhmen achtmal so viel Großgrundbesitz wie die kaiserliche Familie. Zweitens, die Juden besäßen in Galizien 80 Prozent Großgrundbesitz und mehr als die Hälfte der polnischen Großgrundbesitzer seien Juden, und drittens, Baron Popper besitze mehr als die Hälfte des Neutraer Komitats und sei Patron von 54 katholischen Kirchen. Die eine Behauptung bezüglich des Reichthums Rothschilds hat der Herr Redner in einer sehr originellen Weise selbst berichtigt, indem er diese Behauptung nicht ins stenographische Protokoll aufnahm. (Heiterkeit.) Die Zeitungen warten aber nicht aufs stenographische Protokoll, und so befand sich diese Geschichte den anderen Tag in den antisemitischen Blättern, und ob diese auf diese seine Berichtigung eingegangen sind, ist mir nicht bekannt. (Heiterkeit.) Nun besitzt Rothschild in Böhmen nicht einen Baum und nicht ein Haus (Hört! Hört!), und wenn er meiner Bitte folgt, erwirbt er auch nichts in Böhmen, denn es ist für uns gar nichts Angenehmes, mit seinem Namen in Verbindung zu stehen) ich möchte ihn bitten, Latifundien anderswo zu erwerben, damit der erträgliche Zustand in Böhmen auch weiter bestehe. Die zweite und dritte Behauptung hat Abg. Türk stehen lassen. Was nun die Behauptung bezüglich des Grundbesitzes in Galizien betrifft, verweise ich auf eine Broschüre unseres Kollegen Szczepanowski, in der gesagt wird, daß die Juden in Galizien weniger Grundbesitz haben, als auf die Zahl der Bevölkerung entfällt, denn die Juden besitzen V» des Grundbesitzes, während sie V* der Bevölkerung repräsentiren. Was die dritte Behauptung bezüglich des Baron Popper betrifft, so besitzt derselbe im Neutraer Komitate gerade sovielGrundb'esitz wie Rothschild in Böhmen, nämlich nichts. Man bringt die Juden in Verbindung mit den Journalen, mit der Börse und insbesondere auch mit den Konfektionsgeschäften. Was die Börse betrifft, ist es weit gefehlt, zu glauben, daß Nichtjuden bei derselben nicht beschäftigt sind. Ich verweise beispielsweise auf den Börsenschwindel in Preußen im Jahre 1872, bei welchem der Herzog von Sagan, Herzog von Ujest und

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