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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-09 · Heft 4 (9.2.1890) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 4 (9.2.1890)
Date
1890-02-09
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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62 weltvergessenen Winkel, und als meine Baarschaft ihrem Ende entgegenging, unternahm ich eine „Geschäftsreise" in die gelobten Lande aller polnischen Schnorrer und trat in ihre Fnßstapfen. Den Rebbcs habe ich es zu verdanken, daß meine Menschenwürde in die Brüche ging; meine geknickte Existenz haben sie auf ihrem Gewissen, und so ist der einstige Pionier der Anfklärnng zum handwerksmäßigen Schnorrer herabgesunken. Jetzt, nach langer Abwesenheit, will ich wieder meine liebe Heimath besuchen, um »ach einer kleinen Rast meine „Geschäftstour" aufs Neue zu unternehmen, denn für eine menschenwürdigere Beschäftigung bin ich bereits verdorben." — Er schwieg. Die Strahlen der ausgehenden Sonne beschienen die verkommene Märtyrergestalt; ich senkte den Blick, um nicht in das Gesicht des Unglücklichen schauen zu müssen, und in ohnniächtiger Wuth ballte ich die Fäuste gegen die finstere» Mächte, welche diesen Menschen aus der Gesellschaft ausgestoßeu und in den Abgrund des Elends geschleudert hatten. Eine jüdische Theaterkritik. In der „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland" macht Prof. Ludwig Geiger einige interessante Mittheilungen über eine kleine, längst vergriffene Schrift des edlen Markus Herz, des berühmten Kantianers und Freundes von Moses Mendelsohn: Die Schrift führt den seltsamen Titel: „Freymüthiges Kaffegespräch zwoer jüdischer Zuschauerinnen über den Juden Pinkus, oder über den Geschmack eines gewissen Parterrs, herausgegebcn von Siv/xovar]z. Im Weinmonat 1771. 31. S." Die Schrift ist keineswegs ausschließlich ein Beitrag zur Geschichte der Juden, sondern sie ist ein Beitrag zur Geschichte des damaligen Theaters und des Geschmackes des Publikums. Herz ist schon damals, wie er es zeitlebens blieb, ein unbedingter Anhänger Lessings. Er benutzt jede Gelegenheit, Miß Sarah Samvson und Minna von Barnhelm zu loben. Er verficht den Satz, daß es Unrecht wäre, das Theater so zu nationalisireu, z. B. die Manier der Franzosen, römische und griechische Stücke in dem Kostüm und in der Auffassung und Sprachweise moderner Franzosen zu geben. Er wünscht, daß die Schauspieler und die Dichter mehr auf die allgemein menschlichen Empfindungen Rücksicht nähmen, wie ja auch das Publikuin in seiner Mitfreude und in seinem Mitleid nicht frage, ob die Personen, die cs im Schauspiel sieht, seiner Nation oder einer fremden angehören. Einen wesentlichen Theil des Gesprächs — eines wirklichen Kaffeegesprächs zweier Damen, der Madame A. und der Madame B., welches der Verfasser des Schriftchens in einem Verstecke erlauscht haben will, — bildet aber die Unterhaltung über die Darstellung eines Juden in dem Stücke von G. Stephanie, „Die abgedankten Offiziere". Dieser Passus, S. 19—23 des Originals, mag hier wegen der großen Seltenheit des Schriftchens wörtlich mitgetheilt werden, lieber den kurzen Tadel des Stephanie'schcn Stückes, welchen Madame B. ausspricht, wundert sich Madame A., indem sie meint, „man sagt sogar, daß es unserer Nation Ehre machen soll". Und nun folgt eine lebhafte Deklamation: „Madame B. Ehre! o welche Demüthigung für unsere Nation! wenn man uns darauf was zu gute thun heißt, daß man einen unserer Glaubensgenoßen als einen Gegenstand des Gelächters auf das Theater bringt, von allem, was man Sitten, Anstand und Würde nennt, beraubt, der bei den Großen die Stelle eines Favoritpndels vertritt, den man seines schmutzigen Wesens ungeachtet dennoch nicht übel zu leiden pflegt, dem man auch manchen guten Bißen unter den Tisch wirft, der aber dafür sich nicht unzufrieden zeigen darf, wenn man ihn bei guter Laune einmal derbe herumzoddelt, der sich von den schlechtesten (was sonst als aus Hoffnung zu einem Gewimiste?) auf das niederträchtigste behandeln läßt; der einen lüderlichen Menschen, welcher das Seine durchgebracht, sich in Schulden gesetzt, und allenthalben Maaren aufnimmt, um sie für den halben Werth zu verspielen, noch Geld vorschießt und dadurch seiner ausgelaßenen Schwelgerei Nahrung giebt; der endlich sonst keine vortheilhafte Seite zeigt, als daß er diesem leichtsinnigen Verschwender sein Geld mit sechs Procent leihet! Mad. A. Ihre Kritik ist sehr verschieden von einer andern, die ich mich erinnere einst über Leßings Juden gelesen zu haben, wider welche Herr Leßing selbst einen Brief von unserm lieben M. bekannt gemacht hat, der — Mad. B. Freilich, eben so verschieden als Leßings Held von Stephanie verschieden ist. Hätte Herr Leßing seinen Inden einen Pinkus sein lassen, so sehn Sie nur immer versichert, das Stück hätte unzählige Male aufgeführt werden können, ohne daß irgend ein theologisches Blut darüber in Wallung gerathen wäre, ebenso hat ihn jener menschenfreundliche Recensent verlangt, ebenso hätte er ihn gerne aufgeführt sehen wollen; allein wie weit edler hat Herr Leßing gedacht? Sein Reisender besitzt den ausgesuchtesten Charakter und hat das Interesse aller Zuschauer für sich, wenn er auch nicht von einer Rotte Spitzbuben, die ihn umgeben, ausgezeichnet werden möchte. Freilich ist einem in der Roth beyspringen, und ihn aus Mörderhänden reißen, eben keine Handlung, die groß genennt zu werden verdient, ich weiß, es giebt keinen so verworfenen Menschen, der seine Pflicht so weit aus den Augen setzen, und für seinen Nebenmenscheu nicht ein gleiches thun würde, cs müßte denn ein solcher sehn, dem diese menschliche Gesinnung selbst unwahrscheinlich vorkömmt; allein nichts desto weniger muß diese philosophische Abwiegung der Pflichten weichen, und unser Herz in seinen zärtlichen Empfindungen über die ausgeübte Handlung ungestört lassen; nichts desto weniger, ich berufe mich auf Ihr eigenes Urtheil, vergießen wir mit demjenigen, der die Wohlthat empfangen, und seiner Familie, die dem Erretter ihre Stütze, und ihren Vater zu zu verdanken hat, Thränen der Dankbarkeit, und wünschen bald selbst diese Handlung verrichtet zu haben, bald a» die

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