Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 4 (9.2.1890)
- Date
- 1890-02-09
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
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Stelle des Erretteten zn seyn, um unser warmes Gefühl in seiner ganzen Fülle gegen den Wohlthäter ansschütten zn können; und je großniüthiger dieser sich bezeigt, je weniger er seine ausgeübte Handlung zu schätzen scheint, desto liebenswürdiger ist er uns, desto mehr reißt er uns zu sich hin. Und wie sehr weiß nicht ein Leßing seinen Zweck zu erreichen? Sein Reisender ist ein Mann, der zu leben weiß, der mit dem edelsten Anstande sein Betragen äußert, der, merken Sie wohl, auf seiner Reise einen Mantelsack mit Büchern bei sich führt, der voll Sanftmnth die Schmähungen des dümmsten Pöbels erträgt, und die Grobheiten seines Bedienten mit Geschenken erwiedert, dem nichts unerträglicher ist, als die Erwähnung seiner Wohlthat, dem es leio thut, den Erkenntlichkeiten, die man ihn (sic!) aufdringen will, nicht ausgewichen zu seyn. Welche Auszeichnung eines Charakters! so viel Eigenschaften, so viel widerlegte Vorurteile. Man versucht, ihn länger bey sich zu halten, um sich gehörig dankbar erzeigen zn können, er giebt kein Gehör, man bietet ihm ein ganzes Vermögen an; er wird empfindlich darüber, man will ihm die Tochter geben; und siehe! er ist ein Jude, eben eine solche Person, wider die im ganzen Hause das größte Vornrtheil herrschet, und dessen sich die Spitzbuben so meisterlich zu bedienen gewußt. Noch mehr, gesetzt auch, Leßings Reisender wäre kein Jude, gesetzt er wäre (sic!) ein — verkleidetes Frauenzimmer; Orbil ein Weiberfeind, der eben das Vornrtheil tvider das weibliche Geschlecht hätte, das er jetzt wider die Inden hat, so würden dem Dichter freilich viele Schönheiten verloren gegangen sein, mit denen er jetzo das Stück so reichlich besäet (sie!) hat; er würde z. B. nicht die Gelegenheit gehabt haben, die niedrigen Gesinnungen des Pöbels zu zeigen, zu welchem ein verderblicher Nationalhaß verleitet, nicht die thörichten Gründe vor Augen zu lege», mit welchen es diese zn beschönigen sucht, und hätte nicht so manchen naiven Zug anbringen können, für den wir ihm jetzo so sehr verbunden sind; aber dem ohnerachtet würde das Stück alle Eigenschaften eines Nachspiels, so wie man es von Leßing erwarten kann, vollkommen besitzen, und der Charakter des Reisende» nichts desto weniger unser ganzes Jntereße auf sich ziehen. Allein die abgedankten Offiziere — laßen Sie Pinkns keinen Inden seyn, oder laßen Sie ihm auch sein Judenthum und nehmen Sie ihm nur seine abgeschmackte Sprache, über welche unser Parterre sich so herzlich freuet, ob es gleich kein Wort davon verstehet, welch eine elende Figur muß Pinkus machen, und welch ein kahles, langweiliges Stück bleibet uns übrig!" Nach diesen Bemerkungen unseres Verfassers müssen wir das Stück Stephanie's wenigstens einer kurzen Betrachtung unterziehen. Es ist eines jener Soldatenstücke, in denen Stephanie excellirte, und zu denen er durch Lessings Minna von Barnhelm und durch die Kriegsunruhen jener Zeit die Anregung erhalten hatte. Die Helden des Stückes sind zwei abgcdankte Offiziere, von denen der eine aus Edelmuth und Tugend besteht, der andere überaus leichtsinnig, infolge seines Leichtsinns Schurken in die Hände fällt und sich ans dem besten Wege bcfiubet, ein arger Verbrecher zu werden. Der elftere wird von der Nichte des Ministers, der andere von der Tochter des Wirths, bei dem sich Beide anfhalten, geliebt. Beide werden, nachdem die Adlige ihren Bräutigam in arge Verlegenheit gebracht und die Wirthstochter den ihrigen aus einer argen Klemme gerissen hatte, mit ihren Mädchen glücklich. Die Offiziere erhalten wieder Dienst, die Verbrecher, nämlich ein Baron, der in schlimmster Weise seine angeblichen Freunde betrügt, und sein Helfershelfer, ein gemeiner Winkelkonsulent, werden entlarvt. Derjenige nun, dem ein Theil des Verdienstes zukommt, die glückliche Lösung herbeizuführen, ist der Jude Pinkus. Er ist ein braver Kerl, der seinen Schuldner nicht drängt, der den Schwindel, welchen jener Baron treibt, muthig aufdeckt, der dem Minister, bei dem er ein- und ausgeht, z» guten Thaten veranlaßt, und der sich weder durch die schlechte Behandlung, die ihm zn Theil wird, noch durch häßliche Foppereien, mit denen man ihn narrt, in seiner edlen Gcsinnungs- und Handlungsweise irre machen läßt. Durch die Zeichnung eines solchen Charakters steht der Dichter durchaus ans Seiten der Juden. Er benrtheilt die christlichen Wucherer viel schlimmer als die Inden. Nur gab er dadurch, daß er den Inden im jüdischen Dialekt sprechen ließ, dem Schauspieler Gelegenheit, den Inden zn karrikiren und die Zuschauer znm Lachen zu reizen. Nach Herz' Angabe muß eben der Schauspieler, welcher diese Nolle darzustellen hatte, von dieser ihm dargcbotenen Gelegenheit allzu ausgiebigen Gebrauch gemacht haben. Man wird dem jugendlichen Kritiker — Herz war damals 24 Jahre alt — ganz wohl einräunien können, daß das Stück platt, witzlos, ohne jede Kunst gemacht ist. Aber andererseits ivird man zugestehen müssen, daß sein ganzer Ausfall von einer übergroßen Empfindlichkeit diktirt ist. Die Schrift, von der man gewöhnlich sagt, sie sei in Königsberg entstanden, ist doch wohl in Berlin geschrieben und gedruckt. Jedenfalls bezieht sie sich gewiß ans Berliner Verhältnisse. Nach Plümicke's Theatergeschichtc (Berlin 1781, S. 392 ff.) ist das Stück zn Berlin im Jahre 1771 vom 11. Juni an 35 Mal aufgeführt worden, und eben auf diese zahlreichen Aufführungen spielt Herz au, der sein Schüftchen im Weinmonat schrieb und veröffentlichte. Vermischtes. * Zahlreiche Fälle sind bekannt, wo Sänger vom Kautorenpulte aus ihren Weg auf die Bühne nahmen; die Versuchung, ihr Licht vor einem größeren Publikum leuchten zu lassen, tritt wohl an jeden bedeutenden Kantor einmal heran, und nicht alle vermögen ihr so standhaft zu widerstehen, wie z. B. der jüngst verstorbene Altmeister Sulzer. Um so eigenthümlicher berührt uns die Mittheilnng, daß die israelirische Gemeinde in Budapest an Stelle des in den Ruhestand versetzten