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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-09 · Heft 4 (9.2.1890) · p. Seite 61

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 4 (9.2.1890)
Date
1890-02-09
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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61 war ich bereits auf der Heimreise, 500 Exemplare dieser „gottlosen" Schrift mit mir führend. Ich versandte selbe nach Nah und Fern an alle mir bekannten Matadore des Zelotismus, und heller Zorn loderte im chassidischen Israel auf. Dahin war das nonchalante Schweigen, jetzt schäumten sie vor Wuth, verfluchten das blasphemische Werk und seinen Verfasser und schrieen Zeter. Sie schnaubten Rache, sannen auf Mittel, mich zu züchtigen und gleichzeitig unschädlich zu machen, und da sie in deren Auswahl und Anwendung nicht skrupulös waren, gelang es ihnen, mich die Wucht ihrer Macht fühlen zu lassen, daß ich vernichtet zusammenbrach. Es war an einem Freitag Abend, als ich mich zum letzten Male in die Höhle des Tigers — ins „Stübel" wagte. Schon in der Gasse merkte ich, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse, denn ich begegnete heftig gestikulirenden Gruppen, welche bei meinem Herannahen auseinanderstoben. Als ich die Schwelle der Klaus überschritt, trat eine Todtenstille ein, und moralische Spießruthen laufend, begab ich mich auf meinen Sitz. Da gab der Schames(-Diener) — am Alemor(-Kanzelpult)— drei dumpfe Schläge, und unwillkürlich durchzuckte es mich wie ein Todtenschauer. Alles hielt den Athem an, die Luft kam mir so schwer, drückend vor, es schwindelte mir vor den Augen, und ich fiel auf die Bank. Und eine grollende Stimme unterbrach die Grabesstille die Worte kamen donnernd hervor und fielen auf mein Haupt wie Keulenschläge, denn die fanatische Stimme publizirte gegen mich einen Bannbrief mit all den spitzen giftigen Pfeilen ans der mittelalterlichen Rüstkammer des Fanatismus. Der Mann war mit der Achterklärung zu Ende, ein leises Gemurmel folgte, das Betlokal entleerte sich, und ich war allein und verlassen. Wie stumpfsinnig starrte ich vor mich hin, ich weiß nicht, wie lange meine Lethargie gewährt haben mochte, denn als ich wieder um mich schaute, waren die Lichter bereits erloschen, und nur die „ewige Lampe" flimmerte, wie um meine Finsterniß zu beleuchten." Es trat eine Pause ein. Der Erzähler senkte sein Haupt, begrub es in seine Hände, ein Aechzen entrang sich seiner Brust, und durch die Finger sickerten schwere Tropfen hindurch. Der Train brauste mit dumpfem Getöse dahin, im Osten begann es zu grauen; mein Gegenüber richtete sich langsam empor, und ein fahles Licht fiel auf sein blasses, vom Schmerz entstelltes Gesicht. Als er wieder zu sprechen anhub, zitterte seine Stimme; in seinem Antlitz zuckte es wie Wetterleuchten, und seine Fäuste ballten sich. „Ich bin mit meiner Geschichte bald zu Ende; denn da Sie die galizischen Verhältnisse kennen, werden Sie sich das, was konsequenter Weise folgen mußte, selbst ausmalen können. Ich will es nicht versuchen, Ihnen meine Erlebnisse von diesem unheilvoll-denkwürdigen Tage an detaillirt zu schildern, sondern begnüge mich, dieselben in den Hauptumrissen zu skizziren. Ich verbrachte jenen Sabbat von den Meinigen verlassen, mein Schwiegervater ließ sich nicht blicken, und selbst meine Frau mied jedes Zusammensein. Als die ausgehenden Sterne den Anbruch der neuen Woche verkündeten, betraten Schwiegervater und Weib mein Zimmer und erklärten mir kurz und bündig, daß unter den obwaltenden Umständen an ein weiteres Zusammenleben nicht zu denken sei, denn er könne einen geächteten, aus Israels Gemeinschaft ausgestoßenen Ketzer nicht seinen Eidam und sie nicht ihren Ehegespons nennen. Blümele, mein Weib, freilich hatte verweinte Augen, das Gefühl der Frau mochte sich gegen dieses drakonische Verlangen aufbäumen, die scheue Furcht des Aberglaubens aber gebot, sich diesem Fatum zu fügen. Mein frommer Schwiegervater setzte mir mit geschäftsmännischem Eifer auseinander, daß der Abtrünnige auf die dem präsumtiven Rebben-Kandidaten ausgesetzte Mitgift gar keine Ansprüche habe, und da die Morgengabe meiner Frau noch in ihrer Truhe ruhte, so mußte ich nolens voleüs auch auf diese verzichten. Und ich nahm von meinen Kindern Abschied, packte mein Bündel, versah mich mit einem kleinen Zehrpfennig und verließ im Morgennebel für immer meine Familie, meinen häuslichen Herd, um meine Odyssee anzutreten. Ich war der festen Zuversicht, daß meine hochgelobte Gelehrsamkeit es mir ermöglichen werde, in der Fremde festen Fuß zu fassen und mir eine Stellung zu verschaffen. Ich sollte mich aber bald überzeugen, daß ich meine Rechnung ohne den Wirth — ohne die Wunderrabbis gemacht habe. Als ich die erste Station ans meiner Irrfahrt erreichte, war dort die Achtbelegnng noch nicht bekannt, und mit größter Bereitwilligkeit wurde ich in einem vornehmen Hause als Melamed ausgenommen. Bald aber ward die ganze Geschichte ruchbar, und ich mußte den Wanderstab ergreifen, um in der nächsten Stadt dasselbe thun zu müssen. Ich konnte nirgends länger bleiben, allenthalben verfolgte mich die unsichtbare aber furchtbare Macht des Bannes. Wie ein Brandmal war es mir auf die Stirn geprägt, und mit diesem Kainszeichen behaftet, ward ich überall wie ein Aussätziger ausgestoßen. Mein Mißgeschick haftete sich an meine Fersen, ich wurde nirgends geduldet, durchmaß kreuz und quer die weiten polnischen Provinzen, aber für mich schien da kein Raum vorhanden zu sein. Ich leerte den Kelch der Erniedrigung, der Verachtung bis auf die Neige; es waren Tage, wo ich buchstäblich hungerte, ich war an Geist und Körper gebrochen und wußte nicht mehr, was mit meinem Parialeben beginnen. Mein frommer Schwiegervater benutzte meine elende Lage, proponirte mir, daß ich m-ch von seiner Tochter scheide, und bot mir hierfür eine für meine Verhältnisse ansehnliche Summe an. Ich war, wie gesagt, auch moralisch bereits heruntergekommen; denn wie wäre es unter den obwaltenden Umständen auch anders denkbar, und ich ging auf die Proposition ein. Das erlangte Geld für die bewilligte Scheidung verwendete ich dazu, wenigstens mein physisches Ich zu restauriren; ich lebte einige Monate in einem

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