Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 4 (9.2.1890)
- Date
- 1890-02-09
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
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60 platonisches. Mein Schwiegervater war auf mich stolz wie auf ein antikes Kleinod, man wob um mein Haupt einen förmlichen Sagenkreis, und in meinem achtzehnten Jahre sprachen die chassidischen Parteigänger von mir mit einer wahren Ehrfurcht. Meine Frau mit ihrem glattrasirten Haupte schaute zu mir wie zu einem Heiligen empor und wagte nicht einmal den Saum meines Kleides zu berühren. Die Angesehensten der Gemeinde suchten mich auf, um mit mir ihre Ideen auszutauschen, regelmäßig wurden in meinem Hauscreligiös-wissenschaftlicheDispute abgehalten, und Blümele, mein Weib, lugte durch das Schlüsselloch und delektirte sich verstohlen an dem Anblicke meiner, wie es ihr vorkam, von einem Glorienschein umflossenen Person." Der Erzähler hielt für einen Moment inne und schöpfte Athem, er ließ auf sich die Reminiscenz seiner glücklichsten Lebensperiode einwirken, sein Auge umflorte sich und ein Seufzer hob seine Brust. Er fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn, wie um trübe Gedanken zu verscheuchen, und fuhr fort. „Und wieder vergingen mehrere Jahre, ich ward Vater und näherte mich dem Zenith meiner Macht, denn bereits begann man mir den vakant geworden Rabbinerposten anzutragen. Da fing sich in meinem Innern eine Umwandlung zu vollziehen an, für welche ich bis zur Stunde keine Erklärung finden kann, da ich nicht weiß, woher die Anregung kam. Ich fing nämlich an nachzudenken. Bitte, wollen Sie mich recht verstehen. Ich habe wohl stets geistig gearbeitet, also selbstredend auch Nachdenken müssen, aber wie war es mir eingefallen zu prüfen, zu überlegen, ob das chassidische Wesen und Unwesen mit der Vernunft vereinbar sei; noch weniger, ob sich hierfür in unseren heiligen Büchern ein Anhaltspunkt finden lasse. Nun, da meine mir selbst unerklärliche Zweifelsncht einmal erwacht war, begann ich in fieberhafter Aufregung meine Nachforschungen, es wollte mir aber nicht gelingen, für den Chassidismus nur den Schein einer Existenzberechtigung ausfindig zu machen. Und mein bis jetzt so ruhiges, selbst- und zielbewußtes Wesen gerieth ins Schwanken, ich merkte bereits instinktiv, daß ich auf einem falschen Pfade wandle, und meine Augen begannen sich zu öffnen. Das wüste Treiben meiner bisherigen Gesinnungsgenossen beobachtete ich von nun an unparteiischen aber prüfenden Blickes, und schon die Praxis ließ das ganze System verdammenswerth erscheinen. Ich verschaffte mir Bücher in deutscher Sprache. Hinter Schloß und Riegel verschlang ich in langen Winternächten diese verbotene Lektüre mit Heißhunger, und mein Horizont erweiterte sich. Zwar verursachte mir dasVerständniß des Hochdeutschen nicht wenig Mühe, aber vom erwachten Wissensdrang getrieben, überwand ich alle Hindernisse, und ein neues Licht ging mir auf. Der zelotische Obskurantismus erschien mir wie eine aegyptische Finsterniß, der chassidische Olymp als ein der jüdischen Religion Hohn sprechender Kultus, ich beschloß, mich von dieser Gemeinschaft loszusagen und ihr den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Thor, der ich war! ich wollte die Rolle eines modernen Don Quixote spielen, unterschätzte die Macht des fanatischen Gegners und mußte schmählich zu Grunde gehen. — Meiner Umgebung konnte es nicht entgehen, daß ich mich mit einem bestimmten Plan trage, und sie glaubte gar, daß ich mit dem Verfassen eines Werkes beschäftigt sei; war ich doch noch fleißiger als früher und kam ganze Tage nicht zum Vorschein. Aber zum Entsetzen der Meiuigen begann ich allmählig mit meinen neuen Gedanken herauszurücken und benutzte die Dispute, für meine Ideen Propaganda zu machen. Alles wurde nun ganz aufgeregt, und man glaubte, daß ich den Verstand verloren habe. Ich aber ward immer kühner, wählte das Rabbithum zum Objekt meiner Angriffe, führte gegen dasselbe schweres Geschütz ins Treffen, daß alle die Mäuler weit aufrisseu. In den ersten Tagen konnten sie vor Staunen gar nicht zu Athem kommen, so schwer ging ihnen der unerwartete Abfall ihres Getreuesten zu Herzen, mit der Zeit aber erholten sie sich von ihrem ersten Schrecken und begannen über Vertheidigungsmittel uachzudenken. Mein Schwiegervater schaute mich finster an, beobachtete aber ein hartnäckiges Stillschweigen, und selbst meine Frau wich mir scheu und ängstlich aus. Und es wurde immer einsamer um mich. Im „Stübel" that Jeder verlegen, meine Fragen wurden kurz ltitb ausreichend beantwortet. Der Altrabbi würdigte mich keines Blickes mehr und wandte mir ostentativ verächtlich den Rücken. Ich aber wurde von einem nie geahnten Feuereifer beseelt, achtete nicht der drohenden Symptome, und ehe ich es mich versah, war das Gewitter herangezogen. Bei jeder Gelegenheit flickte ich dem Chassidismus etwas am Zeuge, und da sich Niemand die Mühe nahm, meine Ansichten und Behauptungen zu widerlegen, und ich überall nur einem geringschätzenden Schweigen begegnete, wurde auch meine Eigenliebe gereizt. Vom hohen Olymp schien die Parole ausgegangen zu sein, daß sich Niemand auf eine Widerlegung einlasse, da man glaubte, mich auf diese Weise muudtodt zu machen. Ich aber warf die Flinte nicht ins Korn, sondern nahm zu einem Mittel meine Zuflucht, dessen Einfluß sich Keiner zu entziehen vermag; das wirkte und beschleunigte die Katastrophe. Ich machte mich wirklich daran, ein Werk zu verfassen, aber natürlich nicht, wie man geglaubt hatte, im Dienste des Chassidismus, sonder» gegen denselben. Nach zwei Monaten war ich mit meiner publizistischen Arbeit fertig, und ich kann mir das Zeugniß ausstellen, daß ich, jede unverdiente Rücksicht bei Seite lassend, ihnen die reine, ungeschminkte Wahrheit sagte und das Kind beim rechten Namen nannte. In aller Stille machte ich mich mit meinem Manuskript auf den Weg nach der Bezirksstadt; hier angelangt, ließ ich selbes auf meine Kosten in Druck legen, und nach einigen Wochen