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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-09 · Heft 4 (9.2.1890) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 4 (9.2.1890)
Date
1890-02-09
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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etwas von Wehmnth ui» die Lippen des Mannes. Es war klar: mein Reisegenosse mußte einst bessere Tage geschaut haben, und die düsteren Sä-alten der trüben Rückerinnerung umwölkten seine hohe Stirn. Sein Auge war apathisch gesenkt, nur von Zeit zu Zeit blickte es wild auf und schien Blitze zu schleudern. Wir saßen allein im Coupe, der Zug rollte im nächtlichen Dunkel dahin, und erst gegen Sonnenaufgang konnten wir die erste Station unserer galizischen Heimath erreichen. Ich versuchte es, ein Gespräch anzuknüpfen, ein Wort gab das andere, mein Reisegefährte wurde immer mittheilsamer, zutraulicher, und es that ihm sichtlich wohl, sein übervolles Herz, wenn auch einem Fremden gegenüber, zu erleichtern. Und so erzählte er mir seine Lebensgeschichte.- „Sie möchten Einiges aus meiner Vergangenheit kennen lernen?" begann mein Gegenüber, „nun, ich will meine Gedanken sammeln und in gedrängten Zügen ein Stück galizischer Kulturgeschichte erzählen. Ja, ein Stück Kulturgeschichte! Denn meine Lebensgeschichte ist nicht blos eine persönliche, vereinzelte, ich habe Hunderte Leidensgenossen; mein Mißgeschick entspringt nicht subjektiven, individuellen Ursachen sondern ist ein Ausfluß unserer traurigen sozialen und intellektuellen Verhältnisse. Mein verfehltes Leben ist das Resultat unserer verlotterten Zustände, und die unheilvolle Macht, welche mich aus einem ruhigen Familienleben hinausstoßend in die weite Welt schleuderte, daß ich wie ein Spielball umhertreibe, stand bereits an meiner Wiege. Doch hören Sie. Ich kam als Erstgeborener meiner Eltern zur Welt, und unter unernießlichem Jubel hielt ich meinen Einzug. Mit Fug und Recht. Das Eheleben meiner Eltern war fünf Jahre, hören Sie, fünf volle Jahre kinderlos gewesen, und mein Vater verzweifelte schier. Die arme Mutter verging beinahe vor Gram, sie schämte sich geradezu, über die Gasse zu gehen, denn ich bitte Sie, wollen Sie sich im Geiste um einige vierzig Jahre zurückversetzen, und Sie werden es begreiflich finden, daß damals eine kinderlose Gattin im galizischen Israel wie eine — wie soll ich mich nur ausdrücken — wie eine von Gott Verlassene betrachtet wurde. Und meine Eltern legten nicht die Hände müßig in den Schoß, alle frommen Mittel wurden angewendet, alle Rebbes von Nah und Fern um Rath und Hilfe angegangen. Vater und Mutter pilgerten meilenweit zu den „gottbegnadigten" Wundermännern, das Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben, aber Alles schien ohne Erfolg zu bleiben. Ein schlauer Rabbi nahm ihr endlich das Versprechen ab, daß, insofern ihr Flehen, respektive seine Intervention bei der göttlichen Instanz Gehör finde, sie, die Mutter, ihr Kind Gott weihen werde. Und mit Freuden, ganz in Thränen aufgelöst, gelobte sie ihr Kind gottgefällig aufzuziehen, und mit einem Hoffnungsstrahl im Herzen zog sie nach Hause. Im fünften Jahre ihrer Ehe zählten Beide zusammen 36 Jahre; die Knospe entfaltete sich aber erst jetzt zur vollen Pracht, noch eine geraume Zeit, sie trieb selbst Blnthen und — i ich erblickte das Licht der Welt. Aber in den Angen meiner Elter» triumphirte der Rabbi, und ich wurde zu einer „gottgefälligen" Erziehung präparirt. Ich ward wie ein übernatürliches Wesen behandelt, es umgab mich eine reine Atmosphäre, ich durfte nicht mit anderen Kinder» Umgang pflegen, und wie ein geweihtes Opfer verließ ich nicht die Stube. Kaum daß ich zu lallen begann, wurde mein Haupt mit einem goldbetreßten Sammetkäppchen bedeckt, mein spärliches Vorderhaar in Ohrlockenform gezwängt, mein schmächtiger Körper bei Zeiten mit einem regelrechten Kaftan bekleidet, und ich gewann das Aussehen eines „gottgefälligen" Jüngels. Und erst der Unterricht! Ich hatte keinen freien Augenblick. Tag und Nacht wurde mir der Inhalt der großmächtigen Folianten löffel-, nein schüffelweise eingegeben, daß ich in diesen! gelehrten Kram zu ersticken drohte, und ich kann es bis zur Stunde nicht begreifen, daß mein jugendliches Gehirn vor lauter Gelehrsamkeit nicht blöde ward. Wenn ich so manchmal in der Abenddämmerung am offenen Fenster stand und ganze Schaaren von Altersgenossen draußen im Freien auf grünem Rasen lustig, ungezwungen sich herumtummeln sah, schlich sich ein Gefühl des Neides in mein jugendliches Herz ein, und wie drohend ballte ich meine Fäuste gegen meinen Melamed — Lehrer — der am Tische eingenickt war. Aber seine klanglose, einschläfernde Stimme ließ meiner sich aufbäumenden Phantasie keinen weitern Spielraum, und mein jugendliches Gemüth ward immer mehr verknöchert. So erreichte ich mein dreizehntes Jahr. Ich galt allgemein als Quintessenz der Frömmigkeit und als genialer Talmndjünger, mit einem Worte, ich hatte den Ruf eines Jlui. Der Rabbi in unserem Städtchen hatte au mir seine Helle Freude; er nahm mich sehr oft zu sich ins Zimmer, wie um mich in seine Mysterien einzuweihen, prognostizirte mir eine glänzende Zukunft und betrachtete mich als Meteor am chassidischen Horizont. Und ans seine Veranlassung und unter seiner Aegide lief ich bald in Hymens Hafen ein. Er verschaffte mir eine reiche Braut, und ich hatte die erste Etappe ans meinem Lebenswege glücklich erreicht. Als verheirathetcr Mann ward ich ein vollgewichtiges Mitglied der chassidischen Gemeinde und hatte gar Aussicht, einst einen Rabbistuhl einzunehmen, wer weiß, vielleicht der Stammvater einer neuen Dynastie zu werden. Ich zog nach der Heimath meiner Frau, im Hause meiner Schwiegereltern schlug ich meinen häuslichen Herd auf, ich nannte eine, für damalige Verhältnisse immense Mitgift mein Eigen, in den Tnojem — Verlobungspakt — war mir auf zwanzig Jahre freie Kost zugesichert worden, und so ging ich, allen menschlichen Voraussetzungen nach, einer glücklichen Zukunft« entgegen. Und einige Jahre verstrichen mir auch im ruhigen Einerlei ich lag nach wie vor meinen Talmudstndien ob, physisch war ich noch Kind, und das Vcrhältniß zu meiner Frau war ein -

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