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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-09 · Heft 4 (9.2.1890) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 4 (9.2.1890)
Date
1890-02-09
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 erhielt eine» Schuß in den rechten Oberarm. Die Kugel wurde sofort entfernt; das Befinden des Verwundeten ist zufriedenstellend. — Die Akademie der Wissenschaft in Madrid hat Moise Schwab in Paris zu ihrem korrespondireuden Mitgliede auf Vorschlag eines Jesuitenpaters gewählt. Dieser schrieb dem Neugewählten: „Die Akademie ehrt sich selbst durch die Angehörigkeit gelehrter Israeliten wie Oppert, Grätz, Löb. Harkavy; früher war dies anders, die Wissenschaft bringt diejenigen Spanien wieder zurück, welche fanatische Unwissenheit einst vertrieben hat." Paris, 29. Januar. Der französische Akademiker und ehemalige Minister-Präsident Jules Simon empfing dieser Tage einen Mitarbeiter des „Gil Blas", der ihn über den in Frankreich sporadisch auftaucheuden Antisemitismus befragte. Jules Simon meinte: „Man spricht von einem Kreuzzug. Ich weiß gar nicht, was man mit diesem Worte sagen will. Ein Kreuzzug ist doch ein Krieg, ein Versuch, mit bewaffneter Hand etwas zu erobern. Ja, sagen Sie mir, welches Land will man denn erobern? Welches Volk gilt cs, zu bekämpfen?" — „Mau will," entgegnete der Journalist, „nach Angabe der Antisemiten, Frankreich, welches in die Hände der Juden gefallen sei, wiedergewinnen." — „Die Juden sind aber kein Volk vom nationalen Standpunkte. Von diesem Standpunkte giebt es keine Jude» mehr in Frankreich, wie es keine Romanen, Griechen, Kymrer und Westgothen giebt. Es giebt nur eine jüdische Religion, deren Bekenner man seit Jahrhunderten geschändet hat, die sich mit den anderen Racen nicht vermischen konnten und nur deshalb einen fremdartigen Typus erhalten haben. Es handelt sich aber iricht um einen Kreuzzug, sondern um eine Bekämpfung der Religion." — Das Gespräch wendete sich dann zu der Versammlung, welche in Neuilly stattgefunden und wo Herr Drumont gegen Rothschild gehetzt hatte. Jules Simon meinte, es sei Pflicht des Proknrators der Republik, in einem solchen Falle einzuschreiten, da man nicht das Recht habe, einen Bürger, auch wenn er reich sei, dem öffentlichen Hasse preiszugebeu. Als dann der Journalist davon sprach, daß ein Rechtsgelehrter, Herr Jouvencel, sich der Bewegung angeschlossen habe, meinte Simon scherzhaft: „Dieser Herr erinnert mich an den berühmten Juristen Dupin, welcher fand, daß in dem Prozesse, welchen seiner Zeit Pilatus gegen Jesus angestrengt hatte, sieben Nullitätsgründe ausfindig zu machen seien, so daß man noch jetzt den Juden eine Gegenklage anhängen könne." — „Nicht doch, Herr Jouvencel ist ein Freidenker; er greift nicht die Juden an, sondern glaubt nur, daß dieselben schon zu mächtig seien. Da sie alles Geld besitzen, wäre es denn klug, ihnen auch noch die Macht zu geben?" — „Sie glauben also wirklich, daß die Juden allein das Kapital in Frankreich besitzen? Giebt es nur einen Rothschild, der reich ist? Wie viele sind denn unter den Direktoren der großen Kredit-Institute Israeliten?...... Und dann, wenn man schon dem Kapital den Krieg machen will, warum erklärt man sich nicht freiwillig als Sozialisten?" — „Es ist aber evident, daß die Juden Geldmenschen sind." — „Ja, wenn sie nicht zufällig Soldaten sind, wie die Generale See, L«vy und so viele Andere, die sich tapfer gehalten haben, oder wenn sie nicht zufällig Mediziner, Advokaten, Beamte sind... In Frankreich sind die Juden ebenso Franzosen wie die Katholiken, sie sind den öffentlichen Gesetzen unterworfen und müssen somit auch an allen Rechte» des republikanischen Regimes theilhaben. Sie sind mit uns gleich und sind daher so frei wie wir, und durch ihr Talent wie durch ihren großen Wohlthätigkeitssinn haben sie sich rechtmäßig den Titel als unsere Brüder erworben. Uebrigens ist dieser Kanipf, welcher die Inden den niedrigsten Leidenschaften preisgeben will, schon sehr alt. In meiner Jugend bereits versuchte ein Vorläufer des Herrn Drumont, die öffentliche Meinung Frankreichs gegen die Israeliten aufzuregen." — „Glauben Sie, daß sich in Wahrheit bei uns eine Partei bilden könnte?" — „Es hat ja auch den Bonlangismus gegeben, das schien ebenso unwahrscheinlich." — „Wohl, der Boulangismus konnte zur Roth doch für eine politische Partei, für eine Liga der Unzufriedenen gelten." — Und ist die Liga der Intoleranz nicht möglich?" — „Also Ihre Schlußmeinung?" — „Ist, daß alle Menschen gleich und Mitmenschen sind, einerlei, ob sie getauft oder ob sie es nicht sind." Paris, 30. Januar. In einer gestern in Boulogne stattgehabten Wählerversammlung wurde der antisemitische Boulangist Lanr von seinem Gegenkandidaten Lissagaray gcohrfeigt. Die Versammlung endete mit einem allgemeinen Handgemenge. — Das Nationalkomitee hat seine Stellungnahme zum Antisemitismus aufgeschoben. Rußland. St. Petersburg, im Januar. Ueber die gesetzliche und thatsächliche Stellung der Israeliten in Rußland bringt der jüngste Bericht der „Alliance israelite universelle“ die nachfolgende Schilderung: „Die aus Rußland kommenden Nachrichten sind für die Juden sehr betrübend. Man hatte gehofft, daß nach der Conclusion der Kommission Pahlen, die damit beauftragt worden, die Lage der Israeliten zu studiren, Verbesserungen in den Gesetzen, unter denen die Juden stehen, eingeführt würden. Es wird heute befürchtet, daß ein ganz anderer Geist über den Maßregeln waltet, die man gegen sie vornimmt oder vorzunehmen beabsichtigt. Dennoch hoffen sie auf die Gerechtigkeit und das Wohlwollen des Kaisers und seiner Räthe. Liegt es nicht im eigensten Interesse Rußlands, daß es 4 Millionen seiner treuen, intelligenten und arbeitssamen Unterthanen die Möglichkeit giebt, zu leben und sich dem Lande nützlich zu machen? In letzter Zeit wurden sie furchtbar beunruhigt durch die Maßregeln, welche die Zahl der israelitischen Schüler in den Gymnasien und Universitäten beschränkten, wie auch durch die Ausscheidung der israelitischen Adjunkten der Notare, wenigstens 4

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