Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 4 (9.2.1890)
- Date
- 1890-02-09
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 der Albertina noch nicht vergessen sind, aber eS gelang doch den Anstrengungen der führenden Herren, ihre Meinung durch» zusetzen, und es wurde am letzten Dienstag Prof. Buggenhagen mit einer Mehrheit von drei Stimmen gegen Hermann gewählt, obwohl Buggenhagen selbst für Hermann gestimmt hatte. Stettin, 24. Januar. Am 21. Januar verstarb hier Herr I. Baumann, welcher 32 Jahre der Gemeindeverwaltung angehört hatte, davon 16 Jahre dem Vorstand, dessen Vorsitz er seit 1883 führte. Derselbe war ferner 14 Jahre Vorsteher deS hiesigen israelitischen Waisenhauses. Oesterreich-Ungarn. Baja, im Januar. Eine Nichte des jüngst verstorbenen StiftsprobstcS Ignaz von Döllinger, Fräul in Bertha von Padisch, war im vorigen Jahrzehnt Gouvernante im Hause einer israelitischen Familie Blitz Hierselbst. Das Töchterchen des Hauses las häufig Briefe, die Döllinger a» seine Nichte schrieb, und äußerte der Erzieherin gegenüber den lebhaften Wunsch, gleichfalls einmal durch ein Schreiben Döllingers ausgezeichnet zu werden. Das junge Fräulein erhielt nun folgende Zeilen, die wie eine Reliquie in der genannten Familie aufbewahrt werden: „München, 18. Dezember 1875. Lirbes Fräulein! ES klingt so seltsam, daß ein junges Fräulein den Wunsch hegt, von einem lebensmüden Greste cm Briefchen zu erhalten, daß ich meiner gemessenen Zeit Trotz biete und mir gestatte, einige Z-ilen an Sie, mein liebes Fräulein, zu wenden. Allerdings ist das ein so ungewöhnliches Thun für mich, daß ich mich in meinem Leben nahezu um 50 Jahre zurückversetzen muß, und selbst damals ließen mir meine unausgesetzten Studien wenig Muße zum Verkehre mit jungen Damen. Sie werden folglich nach Lesung dieses Briefchens dasselbe höchst unbefriedigt zum Raube der Flammen machen und die schlichte Einfachheit verachten, mit der ein Döllinger sich umgiebt. „Die Einfachheit, des Menschen höchste Zierde, gilt ja in unserer getstesarmen Zeit so wenig," bemerkt meine geliebte Nichte Bertha, die stets beniüht war, in meine Fußstapfen einzutreten, so oft und richtig. Ich will in diesem kurzen Schreiben Ihnen nur aus tiefstem Herzen für all die Theilnahme danken, die Sie und Ihre guten Eltern meiner Nichte und mir widmen, und Sie bitten, dieselbe auch fürder meiner theuren Bertha zu erhalten. Seien Sie versichert, daß unsere Familie und insbesondere ich an Ihnen und Ihren verehrten Angehörigen ebenfalls warmes Interesse nehmen, und daß Bertha gewiß mit Eifer, mit Herz und Geist Ihr Wohl wünscht und zu fördern sich bemüht. Durch die Güte, die Sie ihr während ihres Aufenthaltes in der Fremde erweisen, verpflichten Sie mich zum innigsten Danke gegen Sie. Ich leide mit Bertha, wenn sie leidetich bin glücklich, wenn sie glücklich ist, was ihr widerfährt, ist mir geschehen! Es wäre uns große Freude, Sie, liebes Fräulein, kennen zu lernendeshalb wird Ihnen für alle Zeiten unker Haus gastlich offen stehen! Nur wenige Tage mehr und man läutet daS Jahr 75 zu Grabe! Bevor ihm das Requiem der ewigen Ruhe ertöne, empfangen Sie und alle Ihre Angehörige meine aufrichtigsten Wünsche für daS zu beginnende Jahr. Möge es Ihnen ein recht freudenvolles werden, daß Sie immer weiter führt auf den Pfad des Lebens, ohne Ihre Kräfte zu erschüttern oder zu ermüden! So hat ein dem Grabe naher GreiS einige Minuten mit einer aufblühenden Knospe sich unterhalten; möge Ihnen die Zeit der Blüthe von recht langer Dauer sein und Sie dabet manchmal sich freundlich deffen erinnern, der mit den besten Wünschen für Sie und Ihre guten Eltern sich nennt Ihr ergebener Ignaz v. Döllinger, kgl. b. Stiftsprobst, ReichSrath, Universitäts-Rektor." * Budapest, 29. Januar. Die entsetzliche Roth, welche unter den ungarischen Kultusbeamten herrscht, hat schon vielfach die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise auf sich gelenkt. Ich kann es mir füglich versagen, diese Noth des Einzelnen zu schildern, da sie im Wesentlichen auf denselben Ursachen beruht, wie diejenige des gleichen Standes in Deutschland. Hier wie dort ist es zunächst das Ueberwiegen des Angebots über den Bedarf, hervorgerufen durch den Umstand, daß eine bestimmte Vorkennmiß und Schulung nicht erforderlich ist, und daß die Gemeinden in ihrer Autonomie bei der Anstellung von Beamten eine Beschränkung nicht erleiden, sondern Jeden, der ihnen gerade gefällt, oder der sich ihnen für ein möglichst geringes Gehalt anbietet, als Beamten aufzunehmen berechtigt sind. Bei der Unzahl kleiner und armer Gemeinde» ist leicht zu ersehen, daß gerade die älteren Beamten, welche auf Standeswürde halten, sowie diejenigen, welche mit großer Familie gesegnet sind und darum nicht für einen Bettelsold dienen wolle», am schwersten eine Stellung erlangen können. Ist es ihnen aber wirklich gelungen, einen Posten zu erhalten, der sie ernährt, so steht ihnen die Gefahr willkürlicher Entlassung um so drohender vor Augen, je länger die Unglücklichen im Amte sind. Denn nur die wenigsten Gemeinden sind im Stande n»d gewillt, den durch Alter Arbeitsunfähigen, mi einem Ruhegehalt zn bedenken. Es haben sich daher die Kultusbeamte», an ihrer Spitze der nun pensionirte Oberkantor unserer Gemeinde, Herr Professor Friedmann, mit ihrer Beschwerde direkt an das Kultusministerium gewandt. — Hoffentlich wird ihr Schritt Erfolg haben. Nicht als ob wir uns von einem direkten Eingriff der Regierung ein Resultat versprechen. Bis eine gesetzliche Regelung der Sache eintritt, dürfte unsagbare Zeit Vorgehen, da die Regierung erst statistische Erhebungen über den Nothstand vornehmen will. Wohl aber dürften unsere Gemeindeverwaltungen einsehe», daß es ihre Ehrenpflicht ist, den Stand der Kultusbeamten nicht weiter degeneriren zu lassen. Wie wir hören, verhält man sich an leitender jüdischer Stelle solcher Erwägung gegenüber nicht taub und will nach Art der Friedrich-Wilhelm- Vlktoria-Stiftung des Gemeindebundes auch hier ein Unternehmen ins Leben rufen, welches durch gemeinsame Thätigkeit der Gemeinden und Beamten die letzteren ruhig ihrem Alter entgegensehen läßt. Frankreich. Paris, 2. Februar. Heute Morgen fand in der Nähe von Lille ein Duell zwischen dem MarquiS MoreS und dem jüdischen Deputirten Dreyfus statt. Dasselbe war die Folge eines Artikels von Dreyfus in der „Nation": „Gegen die katholischen Edelleute, welche Jüdinnen heirathen." Dreyfus