Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 4 (9.2.1890)
- Date
- 1890-02-09
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Aeilungs -Wachrichten. Deutschland. Berlin, 2. Februar. Am gestrigen Sabbat hat in der Synagoge der Heidereitergasse Herr Rabbiner Dr. Wedelt aus Düsseldorf eine Gastpredigt gehalten. Herr W.. der als Deputirter des Düsseldorfer Geschichtsvereins bei dem Jubelfeste des „Vereins für die Geschichte Berlins" zufällig hier anwesend war, wurde zu dieser Predigt vom Vorstand eingeladen, so daß es in der Thal wohl keine Probe-, sondern eine Gastpredigt war. Ob damit eine Bewerbung um die vakante vierte Rabbinerstelle in unserer Hauptgemeinde verbunden, ist uns nicht bekannt. Aber auch selbst in diesem Falle würden wir von einer kritischen Besprechung der Predigt absehen. Die Predigt an sich steht uns als solche viel zu hoch, sie ist ein so integrirender Bestandtheil des modernen Gottesdienstes geworden, daß wir jede sich an dieselbe knüpfende Kritik der Würde drr Sache kaum für angemesseu halten. ( Dagegen möchten wir einige andere Gedanken an die That-! sache dieser Gastpredigt anknüpfen. Es ist uns nicht bekannt, ob Herr Dr. Wedell, dem übrigens ein sehr guter Ruf vorausgeht, und der sich in Düsseldorf bei der ganzen Bevölkerung hoher Achtung erfreut, geneigt sein würde, die Berliner Stelle anzunehmen, ebensowenig, ob unsere Gemeindebehörden gesonnen sind, auf ihn zu reflektiren. Nur das Eine wissen wir bestimmt, daß die Rabbinerfrage in unserer Gemeinde entschieden eine akute ist und gelöst werden muß! Die Seelsorge ist eine so schwierige, daß nicht vier, sondern selbst acht Rabbiner kaum ausreichen würden, alle Angelegenheiten des Rabbinats zu erledigen. Unsere drei Rabbiner stehen sämmtlich im besten Mannesalter; sie sind würdige, energische und vor Allem opferfreudige Männer — aber die Gemeinde hat nicht das Recht, ihnen so große Opfer znzumuthe», sondern vielmehr die Pflicht, sie womöglich zu entlasten. Die Predigt, die, wie gesagt, jetzt den Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet, und die der Synagogeubesncher an jedem Sonnabend zu hören wünscht, der Koufirmationsuiiterl lcht, der höchst bedeutungsvolle Jugendgottesdienst, die Kasualien, Hochzeiten, Begräbnisse, Scheidungen u. s. w., alle die zahlreichen Fälle der Seelsorge, die in einer so großen Gemeinde alltäglich Vorkommen und die ganze Kraft des Rabbiners absorbiren, bedürfen einer stärkeren Vertretung als durch drei, wenn auch noch so tüchtige und in ihrem Beruf unermüdliche Rabbiner. Die Klage, daß eS etwa an hervorragenden Kräften unter dem jüngeren Rabbinernachwuchs fehlte, kommt diesem Uebelstand gegenüber gar nicht in Betracht. Einmal halten wir nach unserer Kenntniß der Verhältnisse diese Klage keineswegs für berechtigt; zweitens aber meinen wir, daß, da das Bedürfniß doch schließlich befriedigt werden muß, man unter den nun einmal vorhandenen Kräften die entsprechende Auswahl zu treffen und das Unerreichbare eben außer Frage zu stellen hat. Wir find überzeugt, daß der Vorstand und das Repräsentanten- Kvllegium unserer Gemeinde, die die Angelegenheiten derselben init so viel Eifer und Sachkenniniß leiten, diesen Uebelstand ebenso tief empfinden wie wir und der Hebung desselben nunmehr ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden werden. Daß die Gastpredigt des Herrn Dr. Wedell hierzu einen erneuten Anstoß gegeben, verpflichtet uns in jedem Falle dem ehrwürdigen Redner gegenüber zu lebhaftem Danke. Berlin, 4. Februar. Die Reihe der Vorlesungen zum Besten der „Lehranstalt für die Wissenschaft des JudenthumS" eröffnete gestern Abend Professor Lazarus mit einem Vortrage über „Vererbung und Charakter". Der Name des gefeierten Redners hatte es vermocht, den großen Saal der „Gesellschaft der Freunde" bis auf den letzten Platz zu füllen. Wir schätzten die Zahl des zur größeren Hälfte ans Dame» bestehenden Publikums auf über fünfhundert. Es wird natürlich in dem engen Nahmen dieses Berichtes nicht gelingen können, dem Leser das Bild des fesselnden und pointenreichen Vortrages! nur annähernd getreu zu schildern; wir wollen es uns gcnügeu lassen, die Hauptzüge des Redners kurz anzudeuten. Eine hohe Bedeutung, so begann derselbe, werde vielfach der Vererbung beigelegt. Zahlreiche Sprüchwörter aller Nationen bezeugen dies. So laute auch ein Spruch der biblischen Litteratur: „Die Väter haben Herlinge gegessen, davon den Söhnen die Zähne stumpf geworden sind." Aber auch in diesem Punkte werde, wie vielfach in jüngster Zeit, mit naturwissenschaftlichen Schlagworten Mißbrauch getrieben. So viel auch über Vererbung gesprochen und geschrieben worden sei, von dem Wesen und den Bedingungen derselben wissen wir nichts. „Vererbung" sei die Uebertragnng auf ein Individuum lediglich durch die Vorgänger, ohne daß irgend eine eigene Thätigkeit dieses Individuums hierzu beitrüge; eine solche Vererbung finde auf dem G.biete des Körperlichen unzweifelhaft statt, wenn auch neuere Forscher, z. B. Virchow, in dieser Hinsicht vor zu weitgehenden Folgerungen warnten. Denn auch die Bildung des Körpers werde durch die eigene Thätigkeit des Menschen, physische wie geistige, bedeutend beeinflußt. Auch der umgekehrte Einfluß, derjenige des Körpers auf den Geist, sei nicht zu leugnen, dennoch sei der Grundsatz aufzustellen: der Charakter ist nicht erblich. Unsere geistige Thätigkeit beruhe auf drei Bedingungen: den Organen, ihren Funktionen und dem geistigen Inhalt. Während die Organe und ihre Funktionen zum Theil durch Vererbung, zum Theil durch Uebertragnng sich in einer Weise bildeten, welche derjenige» der Vorgänger gliche, sei die Gewinnung des Inhalts, der Begriffe, allein der eigenen, selbstständigen Thätigkeit zuzuschreiben. Die geistige Welt — mit dieser Ausführung leitete der Redner auf das Gebiet des JudenthumS über — sei das Neue, was die Menschen in der gottgeschaffenen körperlichen Welt aufführten. Ueber den Spruch in Koheleth „Nichts Neues gebe es unter der Sonne" sage schon ein Talmudist: „Nichts Neues giebt es unter der Sonne, wohl aber über