Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 47 (sequence 15)
- Language
- German
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47 der Bauernemancipation noch bedeutend verschlimmert, denn während der Jude früher sowohl dem Gutsbesitzer als dem Bauer beim Verkauf seiner Erzeugnisse unentbehrlich war, wurden seine Dienste nun viel weniger in Anspruch genommen und der rasche Ausbau des Eisenbahnnetzes entriß ihm auch gar manchen Erwerb, von dem er bisher gelebt hatte — als Posthalter, als Fuhrmann u. dergl. — und Handwerke, welche dort viele Juden betrieben, vermochten sie nicht zu ernähren, denn die Bevölkerung, unter der sie lebten, war selbst arm. Die Folge war, daß die jüdischen Handwerker, wie der Minister des Innern in einem Bericht über die Lage der Juden in den sechziger Jahren auseinander setzte, Aufträge um jeden Preis übernahmen und dadurch wiederum die Lage der christlichen Handwerker, die nicht minder arm waren, noch verschlimmerten. Um mich gegen den Vorwurf der Parteilichkeit zu schützen, gebe ich Russen das Wort. Sie selbst mögen uns schildern, wie es in den Gebieten, in denen man die Juden eingepfercht hat, aussieht. „Nicht selten," schreibt Bobrowski über die Lage der Juden im Gouvernement Grodno, „beherbergt ein Haus mit 3 bis 4 Gemächern 12 Familien. Das Aussehen dieser Häuser ist das denkbar traurigste ... Das Leben dieser Juden verläuft unter unaufhörlichen Entbehrungen und unaufhörlichem Kampf um das tägliche Brot. Ihre Nahrung ist höchst dürftig; ganze Familien begnügen sich oft mit einem Pfund Brot, einem Hering und einigen Zwiebeln. Ihre Kleider sind zerfetzt und unsauber ... Für 15 Kopeken (etwa 30 Pf.!) wird ein jüdischer Factor den ganzen Tag herumlaufen." — lieber die südwestlichen Landestheile schreibt Tschubinski: „Auf Schritt und Tritt überrascht die grenzenlose Armuth der niederen Bevölkerungskreise. Nur ihr festes Zusammenhalten und die gegenseitige Unterstützung, die bei den Juden hoch entwickelt sind, retten viele vom Hungertode." — „Diese unglücklichen Familien," schreibt ferner Selenski über Juden in Weißrußland, „leben in Schmutz und Armuth, ohne zu wissen, womit sie am nächsten Tage ihr Leben fristen werden, obwohl es ihnen nicht an Lust zur Arbeit fehlt." Gräßliche Zustände herrschen auch in Kleinrußland, obwohl dort die Lage der Juden immer noch eine verhältnißmäßig bessere ist. In der statistischen Beschreibung des Gouvernements Kijew schreibt Funduklei über das vielgenannte Berdytschew: „Hier giebt es an 5000 Familien (etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Stadt), die Tag für Tag von dem leben, was Gott giebt. Sie wohnen sehr gedrängt, oft mehrere Familien in einer oder zwei Kammern eines elenden, baufälligen Hauses, so daß bei Nacht zwischen den Schlafenden kein freier Raum ist." Und solche Zustände herrschen in Berdytschew, der „Hauptstadt" der russischen Juden! Und was hat denn nun all die Einschränkung der Juden genützt? Hat sie etwa die nationalen, die religiösen, die wirthschaftlichen Gegensätze beseitigt oder auch nur gemildert? Hat sie etwa die christliche Bevölkerung vor der sog. „jüdischen Ausbeutung" geschützt? — Das oben über russische Handelsthätigkeit Gesagte einerseits, die Judenhetzen der Neuzeit andererseits geben beredte Antwort auf alle diese Fragen. Die Hauptursache aller Judenverfolgungen ist und bleibt das Borgehen der Regierung. Der gemeine Mann sieht, wie die Regierung die Juden auf Schritt und Tritt verfolgt, er hört, wie sie unaufhörlich, sogar in Erlassen seiner Gesetzgeber, als Leute bezeichnet werden, „die dem Staate mehr schädlich als nützlich sind" — kein Wunder, wenn schließlich die urtheilslosen Massen, die nicht im Stande sind, die wahren Ursachen wirthschaftlicher Uebelstände zu erkennen, in dem Juden den Grund aller Hebel sehen und ihrer Unzufriedenheit mit ihrer Lage auf seine Kosten Luft machen. Nur so war es möglich, daß auf das bloße Gerücht hin, durch einen „Brief des Kaisers" sei dem Volke die Plünderung der Juden gestattet worden, solche Scenen sich abspielten, wie sie Odessa, Kijew, Rostow am Don und andere Städte gesehen haben. Welchen Sinn hatte denn die Zerstörung jüdischen Eigenthums dort, wo die Juden sich friedlich mit Ackerbau beschäftigten und Niemanden schädigten? Solche Fälle zeigen doch klar und unwiderleglich, daß es kein durch das Auftreten der Juden großgezogener Judenhaß war, der die Verfolgungen hervorrief, sondern die Ausnahmestellung, in der man die Juden hält, so zu sagen als Staatsbürger zweiter Classe, in denen der gemeine Mann sich gewöhnt hat, nur aus der Gesellschaft Ausgestoßene zu sehen, welche ja die Regierung selbst für gemeinschädlich hält. Die von böswilligen Hetzern verbreiteten Gerüchte von dem kaiserlichen Briefe wurden so leicht zum Funken im Pulverfaß. In den großen Städten gesellte sich aber zu den urtheilslosen Volksmassen noch ein sehr beachtensmerthes Element: der Neid der russischen Kaufmannschaft gegen ihre Concurrenten. Die Art und Weise des Handelsbetriebes ist bei jüdischen und rechtgläubigen Kaufleuten in Rußland dieselbe — von vereinzelten ehrenwerthen Ausnahmen abgesehen, hat einer dem andern nichts vorzuwerfen — aber Herr Aksakow sagt mit Recht in seiner Abhandlung über den Handel in der Ukraine, daß ein Rubel sich in den Händen eines jüdischen Händlers eher fünfmal umsetze als in denen des Russen zweimal — und das ist ein genügender Grund zum Hasse gegen den regsamern Concurrenten. Darum erhob sich auch unter den Tausenden, welche in den Straßen Odessa's dem Zerstörungswerk betrunkener Banden Tage lang zusahen, keine Hand zum Schutze der Mißhandelten. Dies ist aber gerade ein Moment, das allen, welche diese Vorgänge laut oder im Stillen billigten, nicht genug zur Beachtung und zum Nachdenken empfohlen werden kann. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das ernste Gefahren birgt. Den Juden schlägt man, den Nichtrussen und speciell den Deutschen meint man; den Juden plündert man heute, der Deutsche kann morgen an die Reihe kommen.