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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-01 · Heft 3 (1.2.1890) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 3 (1.2.1890)
Date
1890-02-01
Page
Seite 46 (sequence 14)
Language
German
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46 sandten Kundschafter haben sie erfahren, daß ein benachbarter Gutsbesitzer Arbeiter sucht und ihnen nicht nur bessern Lohn, sondern auch bessere Behandlung verspricht, und sie haben in der Nacht die Flucht ergriffen, indem sie den Lohn für die geleistete Arbeit im Stiche ließen. Der Gutsbesitzer, dem sie entlausen sind, lacht vergnügt, als er das erfährt. Auf vielen Gütern behandelt man nämlich die Arbeiter absichtlich schlecht, um sie zu veranlassen, zu entlaufen und ihren Lohn im Stiche zu lassen. Der jüdische Makler schafft schnell Ersatz für die Flüchtlinge herbei, und wenn auch die neuen Arbeiter entlaufen sind, findet sich bald abermaliger Nachschub. Der Gutsbesitzer bringt sein Getreide und sein Heu unter Dach, und die Kosten trägt nicht er, sondern die betrogenen Arbeiter, denn außer den Maklergebühren hat er fast gar nichts gezahlt. Christ und Jude theilen sich brüderlich in den Raub. Ganz dasselbe Verhältniß finden wir bei den Wuchergeschäften. In den großen Jndustrieorten und den zahlreichen Dörfern, deren Bevölkerung irgend ein Hausgewerbe betreibt, steht der Wucher in der schönsten Blüthe. Die Kulaki, die Aufkäufer, geben dem Arbeiter Vorschüsse, um ihn dadurch von sich abhängig zu machen und dann die Preise drücken zu können. Wie eine Spinne in ihrem Netz sitzt solch ein Aussauger inmitten des gewerblichen Bezirks und spinnt seine Fäden immer weiter, immer neue Opfer an sich heranziehend. Nur in einigen Gegenden, hauptsächlich im Westen und Süden, sind die Kulaki Juden; die überwiegend große Mehrzahl sind Christen, meist reich gewordene Bauern, die nun vom Wucher und von der Ausbeutung der Arbeitskraft ihrer ärmeren Dorfgenossen leben. Ich habe sie in den verschiedensten Gegenden kennen gelernt und ausnahmslos die Wahrnehmung gemacht, daß der russische Bauer nicht besser, ja in den meisten Fällen viel schlimmer daran ist, wenn er durch ein Darlehen in Abhängigkeit von einem christlichen Dorfgenossen gelangt, als wenn ein jüdischer Aufkäufer sein Gläubiger wird, den, mag er auch nicht besser sein als jener, doch hunderterlei Rücksichten veranlassen, vorsichtiger aufzutreten als der Christ. Leute, die sich mit einem Gewinn von 18 bis 20 vom Hundert bei einem Darlehen begnügen, preist der Arbeiter als seine Wohlthäter, denn in der Regel erhält er billiger als mit 100 vom Hundert kein Darlehn; sehr oft steigen die Zinsen bis auf 10 und 12 vom Hundert monatlich. Rußland ist eben das Eldorado der Wucherer, der Wucher dort geradezu bevorrechtet, und während die Thätigkeit der Gelddarleiher jüdischer Abstammung sich auf einige Landestheile beschränkt, betreiben im ganzen Reiche eine Menge Russen und christliche Ausländer das unsaubere, aber einträgliche Geschäft, Leute aus allen Ständen?) *) Reiches Material in dieser Hinsicht enthält mein Buch: „Das arme Rußland." Ein Beitrag zur Kenntniß der wirthschastlichen Lage des russischen Reiches. Leipzig, Carl Reißner, 1889. Kam es doch vor, daß sich Beamte und Lehrer an geschäftlichen Unternehmungen betheiligten, deren ausgesprochene Zwecke Wuchergeschäfte waren! Je mehr wir der Sache auf den Grund gehen, desto klarer tritt es uns demnach vor Augen, daß das, was man in Rußland zu einer besonderen Judenfrage hinaufschrauben möchte, eine solche gar nicht ist, sondern nur ein Theil der großen volkswirthschaftlichen Frage, die in Rußland dringend eine baldige Lösung fordert — des heute aussichtslos scheinenden Kampfes der wirthschaftlich Schwachen gegen die Ausbeutung durch das Capital. Es frägt sich nicht, ob die Vorliebe der russischen Juden für den Handel, für Maklergeschäfte re. verderblich ist — sondern wir haben den Ursachen nachzuforschen, die bewirken, daß in Rußland alle Handelsthätigfeit in so erschreckend häufigen Fällen in wucherische Ausbeutung der Kräfte des arbeitenden Volkes ausartet. Das Judenthum stellt in Rußland nur ein verschwindend kleines Contingent zu dem gewaltigen Heer der Ausbeuter, die vom besten Mark des Volkes zebren, und so verdammenswerth das Auftreten seiner hier in Frage kommenden Angehörigen vom Standpunkte unserer gesellschaftlichen und sittlichen Anschauungen ist, so darf man doch russische Verhältnisse nicht mit deutscher Elle messen und muß sich bei Beurtheilung jüdischer Haudelsthätigkeit die Handelsthätigkeit der christlichen Bevölkerung stets vor Augen halten. Hier eröffnet sich dem Gesetzgeber ein weites Feld zu reformatorischer Thätigkeit, und hier wären all die Ukase und Verordnungen viel besser angebracht, mit denen man nun bereits seit mehr als hundert Jahren an der Neigung der Juden zum Handel herumdoetert, ohne auch nur einen Schritt vorwärts gekommen zu sein. Unter Alexander II. schien es zwar einen Augenblick, daß man in vernunftgemäßere Bahnen einlenken wolle, als die bürgerlichen Rechte der Juden vermehrt wurden, aber man ist sozusagen auf der Schwelle der geplanten Reform stehen geblieben. Nach wie vor bleibt die Masse der russischen Juden eingeengt in einem genau abgegrenzten Bezirk, der für ihre Zahl zu klein ist, um ihnen die Mittel zu einem befriedigenden Dasein zu bieten, und in welchem überdies noch zahlreiche Erwerbszweige für sie eine verbotene Frucht sind. Kann man sich da wundern, wenn das Judenthum mit aller Macht aus seinen zu engen Grenzen herausstrebt, und immer und immer wieder in die Gebiete eindringt, aus denen blinde Volkswuth es erst vor Kurzem unter Mord und Plünderung vertrieben? Druck erzeugt Gegendruck, und die Noth kann so groß werden, daß die größten Gefahren minder dräuend erscheinen, wenn neben ihnen die Aussicht auf ein besseres Dasein winkt. Man muß sie nur kennen lernen, die beispiellose Armuth, die in den russischen Gouvernements mit starker jüdischer Bevölkerung herrscht und man wird anders urtheilen. Die Lage der Juden hat sich dort seit

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