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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-01 · Heft 3 (1.2.1890) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 3 (1.2.1890)
Date
1890-02-01
Page
Seite 45 (sequence 13)
Language
German
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45 Waren aus ganz Rußland zusammen, aber die kostbarste Waare ist und bleibt doch dort das Getreide. In Unmassen kommt es aus den Steppen Südrußlands und aus dem Kosakengebiet am Don hierher. Schwerbeladene Barken liegen am Ufer, und auf dem Marktplatz wimmelt es von Wagen, auf denen die Bauern den Ertrag ihrer Felder zu Markte bringen. Mückenschwärmen gleich fallen die Aufkäufer und Getreidemakler über die Wagen her, und dem schwerfälligen Bauer wird es ganz wirr im Kopfe, wie Juden und Armenier, Griechen und Russen von allen Seiten auf ihn eindringen, ihn hin und her zerren und ihre Angebote ihm in die Ohren schreien. Dieses ganze Maklergeschäft beruht auf unreeller Grundlage. Der Makler bietet zwar schließlich für das Getreide den vollen Marktpreis, aber in 99 von 100 Fällen kann der Bauer sicher sein, daß sich, sobald er in den Hof des Maklers eingefahren ist, beim Nachmessen auf seinem Wagen viel weniger Getreide vorfindet, als er zu Hause gemessen hat. Zwölf Tschetwert hatte er geladen, nun sind es nur zehn. Was soll der Bauer thun? Er mag immerhin mit den Gerichten drohen, der Makler weiß genau, daß er ihren Beistand nicht in Anspruch nehmen wird, weil er eine heilige Scheu vor allem hat, was zum Beamtenthum gehört; eine Zurückgabe des Getreides ist aber auch nicht mehr möglich, „denn," sagt der Makler, „wie soll ich in diesem Haufen dein Getreide erkennen?" Das Ende iftj stets dasselbe: Der Bauer streicht seufzend das Geld ein^ und der Makler hat fast mühelos 8 bis 14 Rubel verdient. Die Tschetwert kostet allerdings auf dem Markte auch 10 Rubel (so viel als er gezahlt hat), aber er wird sie einem Großhandlungshause für 9 oder dl/2 Rubel anbieten und sofort Käufer finden. Da er nun in Folge unrichtigen Messens nur 10 statt 12 Tschetwert bezahlt hat, verdient er dabei immer noch 8 bis 14 Rubel. So wickeln sich in Rostow fast alle Geschäfte zwischen Makler und Bauer ab, und der Verkäufer, der sich, statt an einen Juden, an einen Armenier, Griechen oder Russen wendet, fährt dabei nicht besser. Der Armenier benutzt sein Christenthum als Aushängeschild und betrügt den Bauer vielleicht noch mehr, die andern thun dasselbe. Ähnliche Vorgänge spielen sich aber tagtäglich in tausenden von Fällen überall ab, wo Handelsgeschäfte abgeschlossen werden, und alle Welt betrachtet sie als etwas Gewöhnliches, Selbstverständliches. Es gilt hier eben: andere Länder, andere Anschauungen. Wenige Stunden Eisenbahnfahrt bringen uns von Rostow am Don nach Jekaterinoslaw am untern Dnjepr. Dort kann man im Mai und Juni jahraus, jahrein denselben Vorgang beobachten. Große Flöße, aus Prächtigen Baumstämmen zusammengefügt, kommen vom obern Dnjepr herab. Die Flößer sind Weißrussen. In ihren Dörfern finden sich jüdische Holzhändler ein, und stellen guten Lohn den Leuten in Aussicht, welche in den Wäldern gefälltes Holz flußabwärts bringen wollen. Im Weißrussen steckt nicht der Wandertrieb, der den Großrussen kennzeichnet, und er ist trotz des verlockenden Lohnes nicht leicht zu gewinnen. Erst nach langem Zureden erklärt er sich bereit, doch nur auf die bestimmte Versicherung hin, daß er zur Ernte wieder zu Hause sein könne. In dem Vertrag, den er unterzeichnet, ist jedoch einer solchen Klausel mit keiner Silbe Erwähnung gethan, und in Jekaterinoslaw angekommen, erfahren die Flößer, welche von hier heimkehren wollen, daß sie noch weiter fahren sollen. Sie sträuben sich, weil sie die Ernte zu versäumen fürchten, und in Folge dessen verweigert ihnen der Händler sowohl die Auszahlung des ausbedungenen Lohnes als auch fernere Beköstigung. Nun liegen Hunderte mittelloser Menschen auf der Straße. Die Einen umlagern das Haus des Gouverneurs, andere versuchen bei der Polizei ihr Glück. Die Einen wie die Andern erhalten denselben Bescheid: Wendet Euch an den Friedensrichter! Die ganze Schaar wandert zum Friedensrichter, und die Verhandlung beginnt. Auch der jüdische Händler wird herbeigeholt, doch er kommt nicht allein, sondern begleitet von einem Rechtsanwalt, der in derartigen Fällen wohl erfahren ist. Je länger die Verhandlung dauert, desto mehr lichten sich die Schaaren der Weißrussen. Sie sehen, daß die Sache sich in die Länge zieht, und sie vielleicht uoch einige Tage zurückhalten kann, und daheim erwartet man sie sehnsüchtig, daheim verfault vielleicht wegen mangelnder Arbeitskräfte das Getreide auf dem Felde. Sie verzichten auf den ausbedungenen Lohn und eilen heim. Der Holzhändler hat erreicht was er wollte. Derartige Fälle von Ilebervortheilung der Arbeiter spielen sich ganz offen vor den Augen der Behörden ab, die Behörden wissen, daß das Recht auf Seite der Arbeiter ist, aber niemand schreitet zu ihren Gunsten ein. Man urtheilt eben in Rußland über solche Handlungsweise anders als bei uns, und man urtheilt anders, weil eben die Ausbeutung der Schwachen durch den Starken allgemeine Regel ist. Der russische Jude thut in dem Erwerbszweig, den er sich ausersehen hat und der vielleicht seine ausschließliche Domäne ist, nichts anderes als was der Russe in dem seinen thut. Beweise dafür liefert uns gleich dasselbe Gouvernement Jekaterinoslaw in Hülle und Fülle. Wenn die Erntezeit naht, ist überall lebhafte Nachfrage nach Arbeitern. Man verspricht ihnen goldene Berge, guten Lohn, gute Beköstigung, sobald sie aber auf dem Gute angelangt sind, ändert sich das Bild. Sclaven gleich werden die Leute zur Arbeit angehalten und ihnen tagsüber kaum eine kurze Ruhepause gegönnt, und dabei erhalten sie meist eine Kost, von der sich selbst der Aermste mit Ekel abwendet. Auf manchen Gütern pflegt man verdorbenen Speck und andere verdorbene Lebensmittel monatelang zu sammeln, um damit zur Erntezeit die Arbeiter zu beköstigen. So geht es einige Tage fort — da sind eines Morgens alle Arbeiter verschwunden. Durch einen ausge-

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