Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
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44 Das Merkwürdigste an dem spanischen Stücke ist vielleicht die Thatsache, daß sich Lope de Vega ziemlich entschieden auf die Seite der Jüdin stellt, mehr als die modernen Dichter. Sie ist durchaus edel gezeichnet und selbst den Makel, den sie für das spanische Bühnenpublikum jener Zeit als Jüdin haben mußte, nimmt der Dichter dadurch hinweg, daß sie noch vor ihrem gewaltsamen Tode eine Christin zu werden begehrt. So vorurtheilsfrei war Lope de Bega. Ob aber in dem Titel des Stückes „Der Friede der Könige" wirklich, wie Grillparzer glaubte, eine versteckte Ironie liegt? Wer vermöchte das zu entscheiden? Im ersten Acte wird der Friede des Königreiches durch die verrätherische Ermordung des Befehlhabers Lope de Arena geschlossen. Im dritten Acte ist das Pfand des Friedens der Tod der von allen am wenigsten schuldigen Jüdin. Es ist natürlich, daß ein solcher Stoff auch den für alles Spanische begeisterten Grillparzer lebhaft interessiren mußte. Bis auf den Ausgang des Stücks, den auch Grillparzer mit aller seiner Kunst nicht zu ändern vermochte, ist sein Drama auch als Bühnenstück ein mächtiges Kunstwerk, an dem die Prophezeihung Heinrich Laubes, daß dasselbe „weniger beim Theater als bei der Kritik Anwerth finden werde", nunmehr gründlich zu Schanden geworden ist. Diesen harten Ausgang, welcher über die Jüdin trocken und schonungslos dahinschreitet und den ihre Schwester, die schöne Esther, in den Worten richtig andeutet: „Siehst du, sie sind schon heiter und vergnügt Und stiften Ehen für die Zukunft schon, So sind die Großen, haben zum Versöhnungsfeste Ein Opfer sich geschlachtet aus den Kleinen Und reichen sich die annoch blutige Hand . . diesen harten Ausgang wird wohl jedes Theaterpublicum peinlich empfinden. Aber diese Empfindung ist nicht stark genug, um den tiefen Eindruck zurückzudrängen, welchen das Werk selbst — zumal in einer so glänzenden Darstellung wie in Berlin — zu erwecken vermag. Rahel — Fermosa ist eine Art spanischer Philine und es ist dem Dichter überaus glücklich gelungen, die Koketterie die Naturkindes mit wenigen Strichen zu characterisiren, characteristisch aber ist es, daß Grillparzer der Jüdin keineswegs so vorurtheilsfrei gegenübersteht wie — Lope de Vegal, wenn er auch zeitlebens weit davon entfernt war, etwas wie ein Antisemit zu sein! Der König selbst nennt sie sehr treffend „ein albern-spielend, thöricht-weises Kind." Und später, als er diese Liebe begraben hat, schildert er das Wesen dises originellen Mädchens folgendermaßen: „Nimm alle Fehler dieser weiten Erde, Die Thorheit und die Eitelkeit, die Schwäche, Die List, den Trotz, Gefallsucht, ja die Habsucht, Vereine sie, so hast du dieses Weib. Und wenn statt Zauber — räthselhaft du's nennst, Daß jemals sie gefiel, so stimm' ich ein Und schämte mich, wär's nicht natürlich wieder." Jede Figur in diesem Drama hat volles Leben, echtes Theaterblut, Farbe und Frische. Das Ganze ist ein „im engen Rahmen tief durchdachtes Kunstwerk", dessen hoher Werth erst in einer gelungenen Aufführung klar zu Tage tritt. Unabhängig von seinem spanischen Vorbilde, das ihm eigentlich nur den Stoff geboten, hat Grillparzer diese romantische Liebestragödie entworfen und ausgeführt. Sie ist auch für uns Juden von hohem Interesse, wenngleich die in der Tragödie auftretenden jüdischen Charactere nicht gerade gut und treu gezeichnet sind. Wo der alte spanische Dramatiker Engel in leibhaftiger Person vorführt, begnügt sich der moderne Dichter mit poetischen Wendungen und psychologischen Gründen. Sein Gedicht ist von flammender Wahrheit und athmet einen tiefen Hauch poetischer Empfindung aus. Der Judenhaß in Rußland. Ein unparteiisches Wort über eine Tagesfrage. Von Dr. Herman Noskoschny. (Schluß.) Der Hauptvorwurf, den man in Rußland zur Begründung der feindlichen Stimmung gegen die Inden anführt, ist: „Sie saugen das Volk aus, das Streben nach Ausbeutung anderer ist ihnen angeboren." Zum Beweise weist man auf die Vorliebe der Inden für den Handel und allerlei Maklergeschäfte hin. Betrachten wir dies näher! Man läßt hier zunächst völlig außer Acht, daß diese Vorliebe für den Handel sich : im Laufe von Jahrhunderten durch den Zwang der Verhält- \ niste entwickelt hat, in denen die Juden lebten, und macht ihnen nun eine Beschäftigung zum Vorwurf, welche doch die einzige war, der sie sich zuwenden konnten, da strenge Gesetze sie von allen anderen Berufszweigen ausschlossen. Man übersieht aber auch, daß in Rußland ein nicht geringer Theil der jüdischen Bevölkerung sich mit Ackerbau und Handwerken beschäftigt und überhaupt durch körperliche Arbeit sich ernährt, bei welcher von keiner Ausbeutung anderer die Rede sein kann. So bilden im Gouvernement Kijew, in Podolien und Wolhynien jüdische Arbeiter nicht weniger als 41°/0 des Handwerkerstandes! Und schließlich sind denn doch auch nicht alle Juden, die sich mit dem Handel beschäftigen, kurzweg als Ausbeuter des Volkes zu betrachten. Die ungesunden volkswirthschaftlichen Verhält-! niste bringen es mit sich, daß der Arbeiterstand fast schutzlos ,der Geldmacht gegenübersteht, und wenn der Händler sich an; den allgemeinen kaufmännischen Grundsatz hält, so billig als möglich zu verkaufen, so handelt er eben nur kaufmännisch, keineswegs aber kann dies als eine speciell jüdische Handlungsweise bezeichnet werden. Uns, deren Rechtsbegriffe himmel-!weit von den russischen verschieden sind, wird allerdings j manches als heillose Ausbeutung erscheinen, was in Rußland j niemanden aufregt, weil es eben — von Christen ebenso ausgeübt wird wie von Juden. Beispiele mögen reden! In Rostow am Don strömen