Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Sinne. Während jeder Unbefangene das Plus der Schulbevölkerung auf einen höheren Bildungstrieb zurückzuführen geneigt sein dürste, kommt die conservative Statistik zu einem ganz anderen Resultat, indem sie sagt: „Bildung ist Macht; aber deren Erwerbung setzt gewisse Machtmittel voraus, nämlich, wie die Dinge nun einmal liegen, eine hinreichende Wohlhabenheit oder bequeme Gelegenheit, um die Kosten der höheren Bildung zu bestreiten." Schade, daß der conservative Statistiker nicht auch die Ziffern über die Procentverhäitnisse der „Wohlhabenheit" unter den drei Confessionen Preußens angefügt hat. Aber freilich, dann wäre ja seine Deduction einfach hinfällig geworden; für ihn ist es das Wichtigste, den Juden ihren Bildungstrieb abzusprechen. Nach seiner Meinung ist es der uervus rerum allein, nicht der „mystische Bildungstrieb", der diese Verschiedenheiten der Religionsgemeinschaften begründet und in die Erscheinung gesetzt habe. Die social-ethische Bedeutung der Thatsache steht für ihn außer Frage. Für uns nicht. Denn wir sind, wie gesagt, anderer Meinung und wollen dieselbe gerade unter dem Eindrücke dieser Zahlensprache festhalten. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Juden, nicht nur in Preußen und Deutschland, sondern in der ganzen Welt und zu allen Zeiten, auch selbst im finstersten Mittelalter, die hohe Bedeutung des Wissens und der Bildung erkannt und gewürdigt haben — und zwar nicht bloß, weil Bildung Macht ist, sonder» weil sie den Geist erleuchtet, die Vorurtheile vernichtet, den sittlichen Werth des Menschen bedingt. Das Streben nach Bildung war den Juden durch ihr Gesetz geboten. Auf dem Hauch, der aus der Kinderschule weht, beruht die sittliche Weltordnung, sagt schon der vielverlästerte Talmud. Und an diesem Grundsatz wollen wir festhalten trotz aller conservativen Statistik, die vor Allem die merkwürdige Thatsache unerwähnt gelassen hat, daß auch der ärmste Jude seinen Kindern eine gewisse Schulbildung angedeihen läßt. Dieses Bildungsbedürfniß und Streben war unser Stolz, unsere Zierde, und soll es bleiben. „Denn das allein ist pure Weisheit und eine Einsicht in den Augen der Völker," heißt es in unserer heiligen Schrift. Lin Gedenktag für die Inden Oesterreichs. Die Pietät und der Patriotismus waren von jeher Israels Tugenden. Selbst in den Tagen des Mittelalters, wo sie verfolgt und gepeinigt wurden, beteten die Juden für das Wohl der Fürsten und das Heil des Landes, in dem sie so kümmerlich lebten. Auch in der neuern Zeit ist dieses Gefühl in Israel nicht erstorben; ja, es hat sich eher noch gehoben und verstärkt. An den österreichischen Juden ist es nun, von Neuem für dieses patriotische Stammesgefühl Zeugniß abzulegen. Wir erhalten darüber von einem, weit über Oesterreich hinaus rühmlichst bekannten Historiker die nachfolgende, sehr beherzigenswerthe Anregung, die wir den Rabbinern und Gemeindevorständen Oesterreichs zur besonderen Beachtung warm empfehlen: Wien, im Januar. Am 20. Februar 1890') werden es hundert Jahre sein, seitdem der Menschenfreund auf dem Throne „der Schützer der Menschheit", Kaiser Josef II., die müden Augen geschlossen hat und daß sein großes und edles Herz brach. Wenn er auch auf politischem Gebiete gefehlt und geirrt hat, so war er doch der erste Monarch, der die Menschenrechte anerkannte, und Oesterreich war der erste Staat in Europa, wo diese Menschenrechte zur Anerkennung gelangten. Wohl hat der Kaiser der Akatholiken (Protestanten, Juden rc.) bloß die Toleranz gewährt; heute aber, wo wir in einem Rechtsstaate leben, verlangen wir Gleichberechtigung. Es ist jedoch zu bedenken, welch ein großer Fortschritt zu jener Zeit die Toleranz war, wo die Intoleranz aller Orten und in allen Ländern, und zwar da, wo der Staat katholisch war, gegen Akatholiken und in protestantischen Staaten (damals waren die Staaten confessionell) gegen Katholiken, Juden rc. herrschte. Nun duldete man, daß die Juden nicht außerhalb des socialen Lebens stehen; man zwang sie sogar, in die allgemeine Zeitströmung einzutreten, man verlangte von ihnen nämlich, daß sie Volks-, oder wie damals die Bezeichnung lautete. Trivial- und Normalschulen errichten oder die bestandenen Normal- und Trivialschulen besuchen; der Besuch der höheren Schulen, der ihnen eigentlich nie verboten war, wurde ihnen jetzt ausdrücklich gestattet. Es wurde ihnen gegönnt allerlei Handwerk zu betreiben und das Gebiet der freien Kunst wurde ihnen erschlossen u. s. w. In unserer Zeit überdies, in welcher neuerdings die Intoleranz mächtig und gewaltig sich erhebt und alle Errungenschaften der Humanität bedroht, hebt sich die Josefinische Toleranz besonders lichtvoll ab. Wir glauben daher Vorschlägen zu sollen, daß in sämmtlichen jüdischen Gotteshäusern sowohl in Oesterreich wie in Ungarn ein Gottesdienst zum Gedächtniß des Kaisers Josef II. am 20. Februar 1890 abgehalten werde. Wir enthalten uns jeder weiteren Motivirung und gedenken, daß die einfache Anregung genügen werde. G. W. 1) Der 20. Februar 1790 fiel auf Samstag, den 6. Adar 5590.