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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-01-19 · Heft 2 (19.1.1890) · p. Seite 25

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 2 (19.1.1890)
Date
1890-01-19
Page
Seite 25 (sequence 9)
Language
German
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IT. >5 Führer und Leiter. Nun, Du wirst dem Israel der Gegenwart fehlen mit Deinem Rath und Deiner That, — ihm fehlen, dem Du treuer Anwalt, Führer und Lehrer warft seitdem es denken und soweit es zurückblicken kann. Wie oft habe ich bei Vielen, mit denen ich seiner Zeit darüber zu sprechen Gelegenheit hatte, ein Gefühl der Ueberraschung wahrgenommen, als sie, davon hörten, daß vr. Ludwig Philippson in der Mitte der Sechzig stände; die Meisten waren geneigt, ihn für weit älter zu halten, denn.sein Name »var schon gefeiert, da sie noch Kinder waren, und der Vater lehrte den Sohn diesen Namen mit Ehrfurcht aussprechen, der ihm das Symbol edlen Denkens, eines wahren, von edler Bildung durchdrungenen jüdischen Lebens war. Und der verehrte Mann hat die Schwelle des neunundsiebzigsten Lebensjahres erreicht, und seine Feder stand ohne Ermüden im heiligen Dienste, bis sie der sterbenden Hand entfiel, und wer die Aufsätze, Abhandlungen, Studien liest, welche ihm am Sterbetage des Verfassers als dessen letzte Geistesblüten übergeben wurden, der hat wahrlich nichts darin gefunden, was als Zeichen alternden Geistes angesehen werden könnte, sondern wird vielmehr ohne Bedenken Alles dem an die Seite stellen, was der Verklärte in rüstigem Mannesalter, in voller Schaffenskraft gereicht hat. Wie damals, so sind seine literarischen Schöpfungen, in welcher Gattung immer er sie gestaltet hat, bis zuletzt von modernen, lebendigen Ideen durchdrungen und geben Zeugniß, daß Geist und Herz, die von jeher gleichen Antheil an seiner Arbeit hatten, an Kraft nicht verloren, an Wärme nicht eingebüßt, nrvo*?6 nrri’ dj*nS, sondern daß er vielmehr auf dem letzten, wie auf dem ersten Blatte seines Lebensbuches den Nachweis lieferte, wie er innerhalb seiner Welt eine Dehnbarkeit und Beweglichkeit an den Tag legte, die alles Neue und Lebensfähige mit kräftigen, jugendfrischen Organen verarbeitete. O, immer wieder schienen seinem Wirken Schranken gezogen, in der Schwäche und Hinfälligkeit seines Körpers schien sein frühzeitiges Erliegen vorgezeichnet^ aber sein Geist wurde nicht matt und seine Schaffenskraft nicht müde. Der Gott, der ihn zu Seinem heiligen Dienste ausersehen, Lehrer und Führer, Erzieher und Bildner zu sein dem Stamme, dem er entsprossen, und seine Glaubensgenossen in den Bahnen der Zeit, der Bildung und des Fortschrittes zu immer höheren Zielen zu führen, — der Gott, dem er sich voll Vertrauen in jener heiligen Stunde, als er zum ersten Male zu seiner Gemeinde sprach, mit den Worten widmete: ~cti> w' 'o "vDtw ■jimns!’ mpn «"-> ~\rhyzb (Jerem. 31, 16—17) „Es ist ein Lohn für Deine Arbeit, eine Hoffnung für Deine Zukunft": Er war mit ihm, auf daß Er durch ihn Seine Pläne verwirkliche, Sein Werk vollführe; „denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und nicht eure Wege sind meine Wege, spricht der Ewige." Welches Gefühl der Bewunderung und Verehrung aber entstand in uns, >venn wir den seltenen Mann, dessen Leben sich in der Oeffentlichkeit und in rastlosem Wirken und Schaffen für dieselbe vollzog, in seinem Hause, in seiner Familie beobachteten, — wie er jenes zu einer Schule der Weisheit, zu einer Stätte des Friedens machte, diese zur Empfängerin und Hüterin hoher Bildung, zur Bewahrerin des höchsten Segens! Wie war es nur möglich, daß der den großen Jntereffen des öffentlichen Lebens in aufreibender Weise Dienende dennoch so voll und ganz den Seinen sich widmen konnte, — so rein und ungestört, ich möchte sagen: selbstvergessen, die Wohlthaten des häuslichen, des Familienlebens in sich aufzunehmen im Stande war? Man mußte ihn hier in diesen Räumen walten sehen, in der Sanftmuth seines Wesens, in der Milde seiner Rede, in der Innigkeit seines Empfindens, in seiner weihevollen Erscheinung, — ein Weiser im wahren Sinne, an dem nichts Gemeines haftete, Alles groß und edel war! Man mußte ihn sehen, wie er die Gattin, seine treue Genossin und Helferin, liebte und ehrte, mit welcher er fünfundvierzig Jahre in beglücktester Gemeinschaft gelebt; wie er an den Kindern, die ihm in dieser und in einer früheren Ehe geboren wurden — an den Enkeln sich erfreute und diese mit der Weihe seines großen und edlen Herzens auf allen ihren Wegen begleitete. Man mußte ihn in solchen Stunden beobachten und einen Einblick thun in sein Inneres dort an der Stelle, wo das Räderwerk des Charakters unverhüllt arbeitet, um den schweren Verlust zu begreifen, den hier Gattin, Kinder und Enkel durch den Tod des Gatten, des Vaters, des Ahnen erlitten haben. In unserer Aller Namen, im Namen der theuren, geliebten Tochter, die in der Ferne weilt, spreche ich es aus: ukw rnuy rta: „Von unserm Haupte ist die Krone gefallen, das Oberhaupt der Familie ist hingegangeu." „Nicht meine Gedanken sind eure Gedanken, und nicht meine Wege sind eure Wege." III. Ach, auch Schmerz und Trauer waren ihm nicht erspart. Frühzeitig die einzige Schwester, sah er später das theure Weib seiner Jugend, dann vor Jahren seine beiden Brüder, drei erwachsene Kinder, den geliebten Schwiegersohn ins Grab steigen. Aber an denen, die ihm geblieben, genoß er Freude und Ehre, die seinem Geschlechte, seinem Namen neuen Glanz erwerben; — Söhne und Töchter, die hervorragen in Wissenschaft und bedeutender Lebensstellung, in großem Streben und in Tugend, — Kinder, und insonders die treue Tochter, die ihm stets nahe war, wetteiferten in Liebe und Treue gegen ihre Eltern, gegen den theuren Verklärten, und kann- 2

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