Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 fort in unser Aller Herzen. Wie wir Gott danken, daß er Dich uns so lange und in einem so glücklichen Alter erhalten hat, so danken wir Dir für alle die Liebe und Treue, die wir von Dir empfangen haben. Tu lebst fort in Deinen Werken, in Deinen Thaten, Deinen Schöpfungen. Alle, die sich erheben an Deinen Reden, erbauen an Deinen Predigten, ergötzen an Deinen Dichtungen, laben an Deinen Erzählungen, alle die sich mit Dir versenken in die tiefsten Probleme, Gott, Religion, Unsterblichkeit, die sich erfreuen an Deinen Weltbewegenden Fragen, die sich belehren an Deiner Auslegung und Erklärung des heiligen Gotteswortes, alle die sich gebildet an Deinem Beispiele, bewahren Dir ein ewiges Angedenken der Liebe und Verehrung, •prs irrr nn.s rm.T alle Deine Brüder, auch diejenigen, welche Dich heute noch nicht erkannt haben, auch diejenigen, welche Dich bis heute verkannt haben, sie werden Dir einst zuerkennen die Palme des Sieges. Wie der edle Mann, der dort geboren wurde, wo auch Deine Wiege stand, wie Moses Mendelssohn, dessen Arbeit für Kultur und Aufklärung, für Licht und Wahrheit Du fortgesetzt hast, erst nach seinem Tode ganz und voll gewürdigt wurde, so wird man auch erst nach Deinem Scheiden ganz und voll erkennen und würdigen, was Du gewollt und erstrebt hast für Israel und für das Judenthum, für Menschenrecht und Völkerfreiheit. Schlafe wohl, ruhe sanft!" Herr Rabbiner vr. Tobias Cohn aus Potsdam beschloß die Reihe der Reden, die im Trauerhause selbst gehalten wurden, mit folgenden Worten: „Andächtige Trauerversammlung! Theure Geschwister und Anverwandte! Nicht mit der Sorgfalt des Gedankens und des Wortes bin ich hierher getreten, um in dieser schweren Stunde von der namenlosen Trauer zu sprechen, die nun Euch betroffen hat; denn auch ich bedarf des Trostes, wie Ihr; auch ich durfte den einzigen Mann, dessen irdische Hülle hier aufgebahrt ist, meinen Vater nennen; auch ich kann hier nicht überlegen und messen, sondern nur fühlen und empfinden. Und so überlasse ich mich dem Herzen in seiner tiefen Ergriffenheit und weihe mit tief innerstem Empfinden den Abschied, den Ihr, wir Alle von dem großen Todten an dieser Stelle nehmen, mit dem Worte des Propheten: vnzitsnD %o "i oiw \D~n won □oTnsts'riD „Nicht meine Gedanken sind eure Gedanken, und nicht eure Wege sind meine Wege, spricht der Ewige; denn wie höher sind die Himmel als die Erde, so sind höher meine Wege als eure Wege, und meine Gedanken als eure Gedanken." (Jesaias 55, 8—9.) I. Von der Wiege bis zum Grabe — auf dem ganzen Wege, den dieses Leben seit seinem Beginn bis zum letzten Athemzuge zurückgelegt, hat sich die Vorsehung Gottes wunderbar erwiesen, und überreich war dieses Dasein an gnadenvollem Gotteswalten, das in Seiner Weisheit sich jedem irdischen Maßstab entzieht. Wie einst ein Prophet im alten Israel, so nahm auch der theure Entschlafene als Mitgabe in das Leben das erhabene Weihewort: „Bevor ich dich in das Leben rief, habe ich dich erkoren, und bevor du in die Menschenbahn eintratst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten, zum Führer habe ich dich erwählt." (Jerem. 1, 4.) Kaum vermögen wir die Grenzen zu bestimmen, welche bei dem Dahingeschiedenen den Lernenden vom Lehrer trennt, der schon im achtzehnten Lebensjahre durch eine bedeutsame Schrift die Aufmerksamkeit der gelehrten Kreise auf sich zog und noch im jugendlichen Alter als Rabbiner einer großen Gemeinde zugleich eine Zeitung, das erste derartige Organ im Judenthum, schuf, mittels deren er an die gebildete Welt im Allgemeinen, an die jüdische Gesammtheit im Besonderen das Wort richtete. Es war eine Zeit der Gährung im Judenthum, und ohne sicheren Hort zog das Fahrzeug dahin in der bewegten Strömung. Da erfaßtest Du, theurer Entschlafener, mit fester Hand das Steuer, und mit der Weite des Blicks, der den Weg überschaut, und der edlen Ruhe, die Abwege vermeidet, — mit der Fülle Deines Wissens und dem Reichthum Deiner Bildung hast Du das Fahrzeug geführt, ein gottbegnadeter kundiger Lenker. Du hast Israel Trost und Aufrichtung in seinem Schmerz gebracht, — bei seinen Erreichungen ihm das Verständniß des Besitzes und Gebrauchs derselben gelehrt und ihm den Weg gezeigt zu heiligen! Streben im Dienst des Glaubens, der fortschreitenden Bildung, im treuen Dienst des Vaterlandes, an dessen Größe und Wohlfahrt zu arbeiten die Religion uns verpflichtet. Dreiundfünfzig Jahre hast Du durch das große Ansehen, das Du durch Wort und Schrift in allen Kreisen der gebildeten Welt Dir erworben, durch das Maßvolle Deines Waltens, durch die Hoheit Deines Wesens einen weitaus großen Theil Israels um Dich geschaart, — und auch die zurückstanden, erkannten Dich willig in der Größe Deines Schaffens, in der Lauterkeit Deines Willens, in der Reinheit Deines Charakters, und diese wie jene rufen, wie ehedem ein Jünger dem scheidenden Meister, jetzt Dir nach bei Deinem Scheiden von hinnen: wsi :di "N „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und sein Reiter." Als der Patriarch Jakob, von dessen Tod uns die dieswöchentliche Sidra berichtet, aus dem Leben schied, so wird uns mitgetheilt, hw ü^i cry lono: war Israels Auge ^nnd Herz sorgenvoll und bekümmert; es vermißte seinen