Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 gestern die letzte Nummer seiner Zeitung; sie mag wohl das letzte Wort gewesen sein, das aus seinem Studierzimmer in die Oeffentlichkeit gedrungen. Er leitet diese letzte Nummer mit einer Schlußbetrachtung zum Jahresende 1889 ein; er drückt seine Befriedigung aus, daß die feindselige Strömung gegen uns abnimmt, mahnt uns aber auch zu gleicher Zeit treu auszuharren, in dem uns von dem Gotte der Geschichte angewiesenen Wirkungskreise, und „so mögen wir denn," so schließt er die Zeitbetrachtung, „mit Zuversicht auch in die uns bevorstehenden Zeiten eintreten, unseres Berufes gewiß, mit dem ernsten Willen ihm getreulich anzuhängen." Und in einem zweiten Artikel, der die Ueberschrift „Wandel" trägt, weist er hin auf den Wandel, dem Israel und sein Geschick stets unterworfen war, aber als ob er eine Vorahnung seines nahe bevorstehenden Lebensendes gehabt hat, schaut er mit prophetischem Blick in die Zukunft, zieht er freudig beglück; das Gesammtresultat seines langjährigen fruchtbaren Wirkens und ruft seinen Glaubensgenossen zu, „und da sehe ich euch mit verjüngten Kräften in die allgemeine Civilisation einströmen als Mitkämpfer und Mitarbeiter im friedlichen Wettstreit. Die Sonne des Rechtes ging auch über euch auf und Ihr erwärmtet Geist und Herz an ihren Strahlen." Im steten Wandel gab es aber auch ein Unwandelbares, das war Israels Treue gegen seinen Beruf. „Möget Ihr auch in aller Zukunft euch auszeichnen durch die Treue, die Ihr dem Gotte, den Ihr erkennet und bekennet, bewähret durch die unwandelbare Anhänglichkeit an die Religion der Väter." Das war sein Abschiedsgruß an seinen von ihm so heiß geliebten Glaubensstamm, das ist das theuere Bermächtniß, das wir von seiner Bahre hinweg als reife Ermahnung eines ehrwürdigen Patriarchen mit ins Leben nehmen. Der Theuere, ein treuer Lehrer und Führer in Israel, hat im Geiste der Alliance Israelite Universelle gewirkt und gearbeitet unermüdlich für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden; er stand ihnen bei, wo sie in ihrer Eigenschaft als Juden zu leiden hatten, hat ihnen die Bahnen der Cultur und Civilisation geebnet und mit der Fackel der Wahrheit und Gotteserkenntniß ihnen vorangeleuchtet. Darum legt jener große jüdische Bund, der alle Juden auf dem weiten Erdenrund umschließet, in dankbarer Würdigung seiner um den Fortschritt des Judenthums und seiner Stellung erworbenen Verdienste, darum legt die Alliance Israelite Universelle den Ehrenkranz der Huldigung, Anerkennung und Dankbarkeit an seinem Sarge nieder, und als Organ der Alliance, die ich an dieser heiligen Stätte vertrete, rufe ich unter Hindeutung auf seinen biblischen Namen, der „Jehuda" lautet, das segnende Abschiedswort ihm zu, das einst Jakob seinem heldenmüthigen Sohne, dem tapferen Jehuda zugerufen: ya •nnmsy t’-ttp nnx rn»rp »Jehuda, Dir danken Deine Brüder, Deine Hand lastet schwer auf dem Nacken Deiner Feinde, es beugen sich vor Dir die Söhne Deines Vaters." Ja, wir danken Dir, Jehuda! der Du ein Held in Israel gewesen', Deine Hand traf schwer unsere Gegner, denn in dieser Hand führtest Du eine scharfe Feder, und diese Feder verwandelte sich in ein schneidiges Schwert, das so manchen unsrer Feinde und Widersacher niedergestreckt hat; wir beugen uns vor Dir in Ehrfurcht und Pietät. Und wenn man Israels Streiter für Gott und Religion, für Juden und Judenthum, für Recht und Wahrheit, für Licht und Erkenntniß nennen wird, dann wird im verklärten Lichtglanze unter den ersten und besten hervorstrahlen und hervorleuchten Dein Name „Rabbiner Dr. Ludwig Philippson." Ehre Deinem Namen! Ruhm Deinem Andenken! Dankbarkeit Deinem Wirken! Amen!" Hierauf folgte Herr Rabbiner Dr. Bi. Kayserling, aus Budapest: „Nicht trete ich hierher, um dem durch das heilige Band der Liebe und Treue mir innig verbundenen, von mir innig geliebten theuren Verklärten eine Lobrede zu halten; wessen Leben und Wirken so klar vor aller Welt liegt, der bedarf nicht der Lobrede vansi 222 ^n. O Vater, Vater, Streiter und Kämpfer Israels! Der selig Entschlafene hat viel gekämpft, unermüdlich, muthig, unerschrocken; gekämpft und gestritten für seines Stammes Recht und Freiheit, für seines Volkes Namen und Ehre, für seines Glaubens Ruhm und Würde; gekämpft und gestritten gegen Verkennung und Verunglimpfung seines Stammes, gegen Schmähung und Verdächtigung seines Glaubens, und er hat gekämpft und gerungen über fünfzig Jahre für Licht und Freiheit, einen heiligen Kampf. Viele, viele Jahre b vy waren die Augen von ganz Israel auf ihn gerichtet, so es galt, einzutreten für Juden und Judenthum, für jüdische Lehre und Lehrer, für Kultur und Aufklärung, für jüdische Wissenschaft, ihre Förderung und ihre Verbreitung, immer stand er in vorderster Reihe r^y mw, er schritt immer voran, regte immer an, brach Bahn und lehrte durch sein Wort, durch sein Wirken, durch sein Leben, durch seinen Seelenadel, durch seine Herzensgüte, durch seine Ruhe, durch seine Ergebung. Nun ist auch er heimgegangen, einer der edelsten seines Stammes; nun hat er sich wieder vereint mit den Geliebten, die ihm in die Ewigkeit vorangegangen, den Geliebten die er so innig geliebt, und sein verklärter Geist schaut segnend herab auf die Geliebten, die er hienieden zurückgelasscn, von welchen er so innig geliebt wurde: auf die theure Gefährtin seines Lebens, auf seine Kinder, die sein Stolz und seine Freude, die Lust seiner Seele, die Wonne seines Herzens waren, an seine Enkel, an denen er mit ungetheilter Liebe hing. Du, theurer Vater lebst ewig