Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zahllose Kränze und Palmen schmückten den Sarg und gaben ein Bild des hoffnungsvollen Lebens am letzten Lager des Verstorbenen. Darunter waren Kränze vom deutschisraelitischen Gemeindebunde, von den Vorständen der Synagogen-Gemeinden Bonn, Magdeburg, Potsdam, Berlin, von dem Israelitischen Asyl in Köln, von vielen der oben erwähnten Persönlichkeiten, von Freunden und Angehörigen. Die Trauerfeierlichkeiten begannen Mittwoch, den 1. Januar, um zwei Uhr Nachmittags. Eine zahlreiche Versammlung, in der sich mehrere fremde Rabbiner befanden, hatte sich im Sterbehause eingefunden. An der Spitze einer Abordnung des Vorstandes und der Repräsentanten der Bremer Synagogengemeinde hielt deren erster Vorsteher Herr Robert Goldschmidt folgende Ansprache: „Es ist mir der schmerzliche Auftrag geworden, Ihnen und Ihrer verehrten Familie im Namen der hiesigen Gemeinde das tiefste Beileid über den unersetzlichen Verlust, den Sie erlitten, auszudrücken. Ihr hochgeehrter Vater, Herr vr. Philippson, hatte nicht allein für das Menschenschenwohl sowie für das allgemeine jüdische Interesse fruchtbringend gewirkt, sondern nahm sich auch der hiesigen israelitischen Gemeinde angelegentlich an. Ja, seiner Initiative haben wir vieles in der Gemeinde zu verdanken, er legte den Keim zu so manchem Guten, und die Stellung die jetzt unsere Gemeinde in ihren Einrichtungen einninimt, ist dem theuren Verstorbenen mit anzurechnen. Sein Andenken werden wir in hohen Ehren halten. Ich bitte dies mit dem gleichen Ausdruck unserer innigsten Theilnahme Ihrer geehrten Frau Mutter und Ihren werthen Schwestern übermitteln zu wollen." Der stellvertretende Vorsteher der Repräsentanten, Herr Sigmund Katz, fügte dem hinzu: „Hochverehrte Herren! Die Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde Bonn erscheinen vor Ihnen und erlaube ich mir in deren Namen das Wort zu ergreifen, um Ihnen und Ihrer ganzen Familie das innigste Beileid auszudrücken, zu dem herben Verlust, welcher Sie betroffen. Ich kann unmöglich die Verdienste schildern, welche sich der Verewigte um das Judenthum in allen Welttheilen, um die Menschheit und um die Wissenschaft erworben. Wohl aber kann ich aussprechen, daß wir stolz darauf sind, daß Doctor Ludwig Philippson unserer Gemeinde achtundzwanzig Jahre als Mitglied angehört hat, von welchen er viele Jahre als Mitglied des Vorstands in der thätigsten und segensreichsten Weise gewirkt hat. Gott tröste Sie in Ihrem schweren Leid. Die Synagogen-Genieinde Bonn aber wird das Andenken an den Verblichenen für immer hoch in Ehren halten." Nun trat der erste Vorsteher der Synagogen-Gemeinde Köln, Herr De Jonghe hervor und wandte sich an die Leidtragenden mit dem herzlichen Ausdrucke der schmerzlichen Sympathie, sowohl im Namen der Gemeinde Köln, als auch des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, der ihm dazu den ausdrücklichen Auftrag ertheilt hatte. Herr vr. Frank, Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln, hielt am Sarge selbst eine tief ergreifende Rede: „Hochverehrte Leidtragende! Hochverehrte Trauerversammlung! Das Central-Comits der Alliance Israölite Universelle in Paris, dessen Mitglied der theuere Entschlafene war, hat mich gestern auf telegraphischem Wege ersucht, dasselbe bei den Trauerfeierlichkeiten, die zu Ehren des Verklärten veranstaltet worden, im Verein mit dem Vorsitzenden des hiesigen Localcomites, zu vertreten. Ich komme dieser mich ehrenden Aufforderung gern, aber schmerzbewegt noch, denn wohl wenige Collegen in unserm Central-Comite haben für die hohen und edlen Principien, in deren Dienst die Alliance seit dreißig Jahren steht, so erfolgreich in Wort und Schrift gewirkt, wie dieser Theuere es gethan. Er hat in dem gegenwärtigen Jahrhundert, in dessen letztes Jahrzehnt wir heute eintreten, dem Jahrhundert, das man das der Judenemaneipation nennen darf, unermüdlich und unablässig gekämpft gegen die Vorurtheile, die noch gegen uns gehegt, gegen die Vorwürfe, die gegen uns erhoben, gegen die Lügen, die immer erneuert, gegen die Verleumdungen, die ausgestreut, gegen die Rechtsverweigerungen, die theils gerechtfertigt, theils entschuldigt werden. Er trat unerschrocken und muthig vor Fürsten und Volksvertretungen, wandte sich an die öffentliche Meinung, an das Recht und an die Wahrheit, um für seinen zurückgesetzten Glaubensstamm die sociale und bürgerliche Stellung, die wohlverdiente Anerkennung und Würdigung zu erwirken, die ihm auf Grund seiner ruhmbedeckten Geschichte, seiner Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart gebühren. In der von ihm gegründeten und bis an sein Lebensende ohne Unterbrechung geleiteten „Zeitung des Judenthums" hat er über ein halbes Jahrhundert wacker, rührig und rüstig für die Gleichstellung der Juden in allen Ländern und Welttheilen gekämpft; manchen Erfolges hatte er sich zu erfreuen, und die zahlreichen von ihm ausgestreuten Saaten haben tiefe Wurzeln gefaßt, sind üppig aufgeschossen und zu Früchten herangereift, die wir, seine Schüler und Gehilfen, mit dankbarer Hand gepflückt haben. Mit Rührung las ich