Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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10 in fremde Sprachen übersetzt. Dem französischen Publicum ist er hauptsächlich bekannt durch sein Buch: „Die Entwicklung der religiösen Idee", das, von Levy-Bing übersetzt, vor 25 Jahren bei Michel Levy erschien. Seine deutsche Bibelübersetzung, die zahlreiche Auflagen gehabt hat und deren gelehrter Commentar ein Meisterwerk der Exegese ist, ist fast der classische Text der „Schrift" für die deutschen Israeliten geworden. Während seiner langen Laufbahn war vr. Philippson ein überzeugter und enthusiastischer Verfechter humanitärer und liberaler Ideen in allen ihren Erscheinungen; so nahm er thätigen Anteil an der constitutionellen Bewegung von 1848, so wurde er lange Zeit vor dem Staatssozialismus einer der Schöpfer der Hilfskassen für Arbeiter. Seine aufgeklärte Religiosität kannte keine Unduldsamkeit, seine Thätigkeit keine Ermüdung. Obgleich seit einer Reihe von Jahren erblindet, ließ er nicht einen Augenblick nach, sich seinen Arbeiten der Bibelerklärung zu widmen. Seine liebenswürdige Laune wurde davon nicht mehr getrübt, als sein Muth. Diejenigen, die ihn im Kreise der Seinen gesehen, glücklich in ihrem Glück, werden stets die Erinnerung seiner wohlwollenden Herzensgüte wie seines hohen Geistes bewahren. Der Bildhauer Charles van der Etappen hat eine vorzügliche Büste des Verewigten gemacht, dessen intelligenter und charaktervoller Kopf ihn zu einer seiner hervorragendsten Schöpfungen begeisterte. Er hinterläßt aufrichtiges Bedauern bei allen, die ihn gekannt haben." Einen tiefen Eindruck hat der Artikel yervorgebracht, den Herr I)r. M. Rahmer in Magdeburg, noch ehe er den Tod Ludwig Philippsons erfahren, -dem letzteren in Nr. 1 des Jahrganges 1890 seines „Jüdischen Literaturblattes" gewidmet hatte — ein Glückwunsch an einen schon Verstorbenen! Der Artikel lautet: „Das sechzigjährige Schriftstellerjubiläum eines jüdischen Theologen. Vor sechzig Jahren, im Jahre 1830, hat ein neunzehnjähriger Jüngling eine gelehrte Schrift über den griechischjüdischen Tragödiendichter Ezechielos veröffentlicht, und diese Schrift ist noch heute, nach sechzig Jahren, nicht veraltet, sondern wird noch jetzt, wenn von Ezechielos die Rede ist, als die gediegenste Abhandlung über den Gegenstand citirt- Aber auch der Autor dieser Schrift ist noch nicht veraltet, sondern ist allezeit rüstig an der Arbeit, um seine Gedanken der Oefsentlichkeit mitzutheilen. Ludwig Philippson heißt der Mann, der schon als Jüngling so Gediegenes geleistet hat, und es ist eine Dankespflicht der jüdischen Publicistik, deren Erfüllung uns, dem Nachfolger auf seinem Magdeburger Rabbinatssitze, hochwillkommen ist, diesem Manne, der sechs Jahrzehnte dem Judenthum als Gelehrter, als Schriftsteller, als Prediger, als Religionsphilosoph, als Publicist die größten Dienste geleistet hat, unfern Glückwunsch zu diesem seltenen Jubiläum auszusprechen. Philippsons erster Erfolg auf streng gelehrtem Gebiete war so groß, daß ihm eine glänzende Zukunft sicher gewesen wäre, hätte er nur als Gelehrter weiter gearbeitet; aber ihn erregte die Roth seiner Glaubensgemeinschaft, ihn trieb Geist und Herz, nach innen wie nach außen, für die Seinen zu wirken; Emancipation und Reform wurden die großen Ziele seines Lebens; und mit glänzendem Talent, mit unermüdlichem Eifer, durch Undank nicht entmuthigt, durch Erfolg nicht übermüthig, hat er diesen hohen Zielen nachgestrebt. Die „Zeitung des Judenthums", die noch jetzt mit einem durch die reichste Erfahrung gereiften Urtheil von Philippson redigirt und zumeist auch geschrieben wird, war Jahrzehnte hindurch eine Macht in der religiösen und politische» Entwicklung des Judenthums; durch philosophische und politische Aufsätze, durch die Uebersetzung und Erklärung der heiligen Schrift, durch Romane und Dramen, durch Predigten, kurz in den mannigfachsten Formen hat dieser erstaunlich vielseitige Mann seine Ansichten ins Volk getragen und manche Gedanken, die jetzt als Gemeinplätze gelten, haben durch ihn ihre Prägung erhalten. Philippson ist von einem eminenten Verständniß für das praktische Leben; obgleich er zur Reformpartei gehört, hat er sich nie zu den Extravaganzen Geigers oder gar Holdheims hinreißen lassen; er verlor sich nie in nebelhaften Theorien, sondern behielt den Boden unter seinen Füßen; er steht auf dem Boden des Historisch-gewordcnen und will, ob auch den Neuerungen geneigt, vermitteln und versöhnen. Für die Gleichberechtigung der Juden und des Judenthums, für die Berechtigung des Judenthums als einer großen civilisatorischen Macht, tritt er noch heut so eifrig ein, wie vor Jahrzehnten, und allwöchentlich bringt die Zeitung des Judenthums umfangreiche und lehrreiche Aufsätze von ihm, sodaß wir den Eindruck haben, daß die Beschwerden des Alters den neunundsiebzigjährigen nicht besonders drücken; der Veteran hat nach einer sechzigjährigen Laufbahn sein Schwert, seine Feder, nicht aus der Hand gelegt; er führt diese Feder noch immer zur Ehre des Judenthums und zur Mehrung der eigenen Ehre. Beim Beginn des Jahres, in welchem Ludwig Philippson auf sechzig Jahre schriftstellerischer öffentlicher Thätigkeit zurückblickt, sprechen wir den Wunsch aus, daß er noch lange an dem uns allen gemeinsamen Erlösungswerke von innerer und äußerer Unfreiheit gesund, rüstig und erfolgreich Mitarbeiten möge!" — In der gleichen Nummer seiner „Israelitischen Wochenschrift" hatte dann freilich derselbe treffliche Herr Redactenr 2*