Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 das Jahrzehnt von 1830—1840, von der Julnevolution bis zum Tode Königs Friedrich Wilhelm III. Es ist nicht unsere Aufgabe an dieser Stelle, das Product des Herrn von Treitschke zu kritisiren; nur einige Bemerkungen über dasselbe zu machen, halten wir uns für verpflichtet. Er betitelte diese seine Arbeit „Das Eindringen des französischen Liberalismus", selbstverständlich in Deutschland. Wir halten diese Bezeichnung für nicht ganz richtig: sie müßte vielmehr beißen: das Erwachen des politischen Bewußtseins in Deutschland. Man muß diese Zeit selbst mit erlebt haben, um sie besser zu verstehen. Nicht bloß die unteren Schichten des Volkes, sondern auch der größte Theil des sog. gebildeten Publikums waren vor 1830 der Politik völlig abgewendet. Literatur, Gesellschaft, Theater bildeten die Vehikel des geistigen Leben. Zeitungen erschienen verhältnißmäßig nur wenige, sie waren eben noch kein Bedürfniß. Hatte die Julircvolution in Deutschland mit geringen Ausnahmen keinen factischen Wiederhall gefunden, so war sie doch der Funke, der in de» vorhandenen Zündstoff hineinfiel. Mit einem Male erwachte man aus dem politischen Patriarchalismus, der seine Dämmerung über die Geister gebreitet hatte. Was bis jetzt vorzugsweise interessirt hatte, verlor seine Bedeutung und die Theilnahme an den politischen Vorgängen und Zuständen trat in den Vordergrund. Wir erfuhren dies besonders in der Studentenwelt, der wir damals angehörten. Welcher Student hatte bis dahin Zeitungen gelesen, jetzt griff er danach wie nach unentbehrlicher Speise. Jede Unterhaltung drehte sich um die politischen Fragen, welche auf der Tagesordnung standen. Selbstverständlich breitete sich dies mit der Zeit immer mehr aus, drang in alle Stände des Bürgerthums ein, wurde zu einer leidenschaftlichen Bewegung, die in dem besonnenen Geiste der Deutschen zwar nur einen theoretischen Wellenschlag hervorrief, doch aber allmählich an Stärke gewann. Wohin trieb nun dieses erwachte und zu lebhafter Bewegung anwachsende politische Bewußtsein? Allerdings zu liberalen Ideen, zum Liberalismus. Es war dies die nothwendige Folge der bisherigen Zustände. War der Anstoß zunächst aus Frankreich gekommen, so war doch dieser Liberalismus naturwüchsig auch in Deutschland. Er bestand in dem Verlangen nach einer Verfassung, nach verfassungsmäßigen Zuständen, nach Entfesselung von polizeilicher Herrschaft, nach gewissen Freiheiten, wie Preß- und Vereinsfreiheit, Glaubensfreiheit, Gewerbefreiheit, die man sich jedoch sämmtlich durch gesetzliche Bestimmungen geregelt dachte. War dies wirklich etwas Abnormes? War doch schon 1815 vom Könige von Preußen eine Verfassung verheißen, und selbst die Bundestagsacte enthielt eine solche Zusage; der „beschränkte Unterthanenverstand" reizte zum Widerspruche; der Druck, der in allen Verhältnissen gefühlt ward, rief von selbst den Gegensatz heraus. Wie sehr sich dieser Geist in allen Sphären der Gesellschaft, auch in den höheren, ausdehnte, zeigte sich bei dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm IV. Wie kann man nun diese Anschauungen, dieses immer schärfer sich gestaltende Verlangen nach Zuständen, die jetzt längst bei uns heimisch und zu den Grundlagen unseres Staates geworden, verurtheilen und als schwere Verirrungen brandmarken wollen? Dies kann sicherlich nur der engherzigste Parteigeist fertig bringen. Herrn von Treitschke gelingt dies und er wüthet gegen die liberalen Ideen, die sich in den dreißiger Jahren entwickelten. Man kann wirklich gespannt sei», wie dieser Mann beurtheilen wird, was 1867 und 1871 in Deutschland vor sich gegangen — wenn er mit seinem weitläufigen Werke bis dahin gelangen sollte. Die Blüthe des vorliegenden Bandes bildet das 7. Kapitel, welches dem „jungen Deutschland" gewidmet ist. Das „junge Deutschland" — die Bezeichnung ist eine Erfindung des Bundestages — benannte man offiziell eine Anzahl junger Schriftsteller, wie Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Theodor Mündt, Gustav Kühne, Wiebarg u. A , welche als Verkünder und Träger der liberalen Ideen auf politischem und religiösem Gebiete angesehen wurden. In der That waren dieselben in ihrer ersten Zeit thcils noch unreif, theils zu leidenschaftlich, ohne, namentlich in sittlicher Beziehung, das rechte Maß zu finden. Aber sie waren ihrer Ueberzeugungen voll und nahmen selbst ein zeitweises hartes Loos auf sich, ohne ihren Ansichten ungetreu zu werden. Sie wollten das deutsche Volk von dem einseitigen Leben in der Literatur, von den Schranken des Classicismus und von den Dunstnebeln der Romantik befreien und zu liberalen Ideen in Politik und Religion führen. Eigentliche Politiker im strengeren Sinne des Wortes waren sie nicht, traten sie doch zunächst in Novellen und Romanen und kritischen Aufsätzen auf, welche jedoch nur das Gewand für politische und kritische Erörterungen abgeben sollten. Als daher die Sache ernst wurde, als in den vierziger Jahren auf eine Verwirklichung der liberalen Ideen immer mehr gedrungen ward, da verschwanden diese Männer in der allgemeinen Bewegung, schwiegen oder wurden ganz und gar zu Dramatikern und Novellisten. Die meisten von ihnen nahmen auch staatliche Stellungen ein, wie Gutzkow und Laube an Hoftheater», Mundt an der Berliner Universität. Man sieht hieraus, daß eben diese jungen Männer weckend und anregend in ihrer Zeit gewirkt haben, aber als politische Charaktere keine Rolle spielten. Niemals ließen sie sich zu Verschwörungen und Complotten verleiten; dazu waren sie schon unter eineinander zu uneinig und hätten in Deutschland auch keinen Boden hierfür gefunden. Denn wie sehr auch Treitschke auf den Liberalismus jener Zeit schimpft und ihn zu karrikiren sucht: das deutsche Volk in allen seinen Stämmen war