Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 jüdischen Schule zu Lovasbereny und wirkte von 1852 bis 1856 in gleicher Eigenschaft in Recskemet. Im Jahre 1857 siedelte er nach Pest über. Nach zwei Jahren wurde ihm von Di'. Meisel eine Lehrerstelle an der von ihm gegründeten Talmud-Thora übertragen, deren Leitung er bis 1877 fortführte. Im Jahre 1867 erlangte er das Directorat der Präparandie und als zehn Jahre später das Landes- Rabbiner-Seminar eröffnet wurde, übernahm er einen Theil des Bibel- und Talmudunterrichtes, er war der erste, derben Talmud in ungarischer Sprache vortrug. Auch gehörte er dem Congresse an und redigirte einige Jahre das unter j dem Titel „Magyar Jzraelita Közlöuy" bestandene Organ der Congreß-Partei. Deutsch lag den verschiedenen Aemteru mit seltener Pflichttreue ob und gewann dabei noch Zeit zu litterarischen Arbeiten. Er schrieb eine hebräische Grammatik, ein Religionsbuch in ungarischer Sprache, eine ungarische Uebersetzung der Gebete der Israeliten, von den fünf Auflagen erschienen und eine ungarische Uebersetzung des Pentateuch, von welchem der fünfte Theil sich unter der Presse befindet. Deutsch litt mehrere Jahre an einem Herzleiden und war die letzten Monate seines Lebens des Augenlichts beraubt. Ieuit Auch ein Zeichen der Zeit. i. Wenn wir eine landschaftlich bedeutende Gegend durchwandert haben und sind dann auf eine Höhe gelangt, von der wir auf den zurückgelegten Weg blicken, so gewahren wir, was wir geschaut haben, zwar aus einem anderen Sehwinkel, aber es ist doch alles noch da. Die Berge erheben sich in ihren eigentümlichen Gestalten zum Himmel hinan, daß wir jeden derselben wiedererkennen, die weiten Thäler, von eilenden Flüssen durchströmt, die dunkeln, geheimnißvollen Schluchten liegen vor uns da. Anders auf dem Gebiete des Geistes. Haben wir einen längeren Zeitraum durchlebt und schauen auf das geistig Erlebte zurück: wie ganz anders erscheint uns da.alles, als wir es früher angesehen. Vermeintliche Größen sind bis zur Unscheinbarkeit, sei es in Wissenschaft, Literatur oder Kunst, selbst in der Politik, herabgesunken, vieles Bewunderte vergessen, Ansichten, welche die öffentliche Meinung beherrschten, sind aufgegeben und haben anderen Platz gemacht, der Geschmack hat sich gänzlich verändert und Gefallen und Mißfallen haben sich an den Gegenständen und an den Erzeugnissen ausgetauscht. Die rasch fortstießende Gegenwart kümmert sich hierum nicht; hat sie nur, womit sie sich beschäftigt, was ihr Interesse fesselt, was mehr oderweniger ihre Theilnahme in Anspruch nimmt, so ist sie zufrieden, arbeitet und genießt weiter. Jndeß denkende Köpfe begnügen sich nicht damit; sie wollen den zurückgelegten Weg überschauen, sie wollen den Geist und die Erscheinungen der verflossenen Zeit erkennen und begreifen, und ihr Verlangen geht dahin, die Entwickelung zu verfolgen, welche die Dinge genommen und sie bis zu ihrem gegenwärtigen Standpunkt get e 1 o n. führt hat. Dies ist Geschichte, soweit wir selbst daran betheiligt waren, ein Stück Lebensgeschichte. Doch da stoßen wir sofort auf nicht geringe Schwierigkeiten. Man hat den Geschichtsforscher als rückwärtsschauenden Propheten bezeichnet; aber es giebt wahre und falsche Propheten, sehr verschiedene Propheten, die oft weit von einander abweichen; jeder Glaube, jedes Volk, ja selbst jede Partei erkennt einen Propheten an und will von den anderen nichts wissen. So ergeht es uns auch mit den Geschichtschreibern. Sie stehen auf sehr mannigfaltigen Standpunkten und nur sehr wenige unter ihnen vermögen ihre subjectiven Vorstellungen, ihre Parteianschauungen zu überwinden, Personen und Ereignisse mit voller Gerechtigkeit zu betrachten, Licht und Schatten in billiger Weise zu vertheileu. Ist nun gar ein Geschichtschreiber leidenschaftlicher Natur, einseitigen Wesens, hat er sich etwa selbst vielfach gewandelt und ist von einem Extrem ins andere verfallen, mag er sonst Talent und Schwung, Gelehrsamkeit und selbst Scharfsinn besitzen, zu welchen Zerrbildern werden da seine historischen Gemälde. Der etwaige Erfolg bei seinen Zeitgenossen entscheidet hierüber gar nichts; denn je mehr er Parteimann ist, desto mehr werden ihn seine Parteigenossen anjubeln. Sie werden glauben, durch ihn Siege gewonnen zu haben, und doch ist es nur ein scheinbarer Triumph, der sich recht bald, vielleicht schon vor ihren Augen in eine schwere Niederlage verwandeln wird. Je mehr sich dieser Quasi- Historiker von seinem Eifer, von seinem Fanatismus verleiten läßt, desto schneller wird ihn das Urtheil der Nachwelt erreichen und das von ihm aufgestellte Blendwerk zerstören und zu den Schatten werfen. Diese Betrachtungen rief der eben erschienene vierte Theil der „Deutschen Geschichte im 111 Jahrhundert" von Heinrich von Treitschke in uns hervor. Dieser Band befaßt